Er ist ein Greis, denke ich, als ich durch die Tür komme. Ein Sterbender, obwohl ich vorher noch nie einen gesehen habe, ist mir alles klar, als ich ihn ansehe. Vor drei Wochen war er noch ein alter Mann, jetzt ist er ein Greis. Der Schnitter steht am Fuße seines Bettes, dass ich mich kaum wage, dorthin zu stellen. Er ist nicht mehr wirklich von dieser Welt. Er sagt, dass er zu seiner Frau will und fragt, ob alles für ihn vorbereitet ist. Er schaut mich an und ist voll da, ich halte seine Hand und sage ihm, dass sie schon wartet und dass alles bereit ist für ihn. Er nickt und ist wieder fort. Ich sitze und streichle sanft seine Finger. Beobachte, wie er weggleitet und für kurze Momente wiederkommt. Immer wieder kommt er zu uns zurück und ist von einer großen Klarheit. Er sagt nur noch das Nötigste, was nicht ungesagt bleiben darf. Ich staune über seine Klarheit, seinen Entschluss umzusetzen, das Leben nicht zu halten. Es ist das erste Mal, dass ich einen Sterbenden begleite, ich habe nicht wirklich gewusst, dass sie es wissen. Er kommt noch mal zu sich und versucht sich an etwas zu erinnern, dass er vergessen hat. Es ist nicht wichtig, sage ich ihm, wir haben alles geregelt, du kannst ruhig gehen. Noch mal schaut er mich an, als wollte er sich vergewissern, dass ich meine, was ich sage. Auch sein Blick kommt schon von weit her, als müsste er sich anstrengen noch mal bei uns zu sein. Er lehnt sich zurück. Ich halte weiter seine Hand.
Die Krankenschwester ist von einer unerträglichen Munterkeit. Hört sie denn nicht, was der Greis sagt? Er möchte gehen, er geht sowieso. Sie ist patent, gesund und jung. Das kann und will sie nicht verstehen. Er will nicht mehr essen und keine Pillen, nichts von dem was ihn an das Leben binden könnte. Als sie auf ihn einspricht, wie auf ein unverständiges Kind, sagt er, ich bin doch tot. Das geht nicht in einem Krankenhaus, sagt sie zu mir, als ich sie darauf hinweise, dass er deutlich sagt, dass er gehen will. Sie versteht mich auch nicht, denn sie erklärt mir, dass man einen Menschen nicht verhungern und verdursten lassen darf. Ich diskutiere nicht mit ihr, dass ich das nicht gemeint habe. Das geht nicht in einem Krankenhaus, dass man sterben will.
Sie redet wieder auf ihn ein, dass er doch sagen soll, wenn er Schmerzen hat. Sie redet besonders laut und deutlich, als wenn er taub wäre. Er reagiert nicht auf sie. Später als sein Körper von Krämpfen geschüttelt wird, muss ich sie holen. Sie versteht nicht, warum er den Drücker nicht verwendet. Sie merkt nicht, dass er nicht mal weiß, dass da einer ist, weil es ihn nicht mehr interessiert. Wir sagen es ihr. Sie schaut uns an und für einen Moment ist die professionelle Munterkeit von ihr abgefallen und es scheint eine Ernsthaftigkeit durch ihre Augen. Im nächsten Moment ist es vorbei und sie muss weiter. Der Arzt erklärt, dass sie seine Niere stabilisieren wollen. Es ist mir unerträglich, dass es hier der Wunsch eines Greises keinen Raum hat. Dass sie glauben, dass sterbende Greise nicht wissen, wovon sie reden, dass sie dies glauben müssen, weil ihre Profession ihnen nicht erlaubt, vom Tod als einen natürlich Teil des Lebens zu denken. Dass sie nicht wissen, dass ihre Autorität ein Ende hat. Hier soll das Leben erhalten, im schlimmsten Fall konserviert werden. Ich will nur, dass er keine Schmerzen leidet, alles andere ist mir egal und ihm sowieso. Ich glaube auch, dass ihm seine Schmerzen egal sind, weil er den Körper nicht mehr wirklich bewohnt, so klein und eingefallen wie er ist.
Als wir gehen, streichle ich noch mal seine Stirn aber das Schmerzmittel hat ihn schon im Griff, er nimmt uns nicht mehr richtig wahr. Wir kommen morgen wieder, sagen wir. Am nächsten Morgen kommt der Anruf, er sei friedlich eingeschlafen.