Ausgeräumt
Verfasst von somluswelt am 16, August 2006
Das Haus steht an einer Hauptverkehrsstraße, wieder und wieder halten Autos. Ich passe auf, dass am Ende nicht alles über den Bürgersteig verstreut ist. Ein ganzes Leben auf achtzig Quadratmetern. Bücher, die vor 40 Jahren mal pooulär waren und heute nur noch Randnotizen der leichten Literatur sind. Berge von Geschirr, natürlich das “Gute” - von Arzberg für 12 Personen- ist vollständig erhalten. Dann finde ich das ehemals “Gute”, dessen Reste in einem Schrank im Keller modern, bis ich sie ans Licht zerre und ihre Formen bewundere, die schon so lange aus der Mode sind, dass heute sich andere die Hände danach reiben. Dieses und das andere sichere ich sorgfältig in Karton. Der Rest - die Keramik, das Plastik und die Sammeltassen aus den Urlaubsorten - liegt schließlich in sorgfältig aneinandergereihten Säcken am Bordstein.
Ich muss immer wieder auf sie schauen, zwanzig graue Müllsäcke, deren Aufdruck darauf hinweist, das keine heiße Asche eingefüllt werden soll, ist alles was von einem Leben übrig bleibt. Ein wirklich guter Grund nichts aufzuheben und sich das Geld für billigen Tand zu sparen. Lieber essen gehen oder einen schönen Urlaub machen.
Die kleinen Möbel warten auf dem Bürgersteig darauf, von jenen, die vorbeifahren, mitgenommen zu werden. Wieder hält ein Wagen. Er hat einen Magneten dabei und testet alles nach Edelmetallen. Kurz nach ihm hält ein Schrotthändler. 8 Cent pro Kilo, bekommt er dafür. Eine Tonne macht 80 Euro. Soviel hat er etwa auf dem Wagen, mehr passt nicht darauf. 80 Euro für ein Tagewerk zweier Personen. Es ist spürbar, dass die Zeiten schlechter sind. Früher gab es nicht soviel Interesse an Metallregalen, Besenstielen aus Aluminium und Übertöpfen aus Kupfer. Als er abfährt, bedankt er sich.
In der halben Stunde, die wir essen sind, verschwinden die Balkonmöbel, alle Lampe und die Hausmülltüten sind aufgerissen. Erst nach einer Weile bemerke ich, dass die mit dem Geschirr fehlen. Während ich die verbliebenen Säcke neu verschließen, tauchen welche auf, die selbst daran Interesse haben, in der Hoffung das ein oder andere Verwertbare darin zu finden.
Vieles war schlimm in den vergangenen Tagen, die Unterlagen durchsehen, entscheiden was noch bewahrt wird und was weg kommt. Schmerzhalfte Entscheidungen, die im Laufe der Tage immer leichter werden, weil nicht alles aufgehoben werden kann und das was schon aufgehoben wurde, genug ist. Am schlimmsten war der Mann, der für den “alles für 50 Cent” Trödel einsammelte. Er wühlte sich durch alle Schubladen, stöberte hinter jeder Schranktür in der Hoffnung irgendetwas zu finden, das mehr als 50 Cent bringen würde. Das wertlose aber liebevoll gesammelte Zinnzeug verschwindet in seinen Kisten ebenso wie die Schals der schon länger verstorbenen Frau des Hauses. Glücklicherweise ist alles bessere - das nicht behalten werden sollte - schon ein Stunde vorher für einen guten Preis rausgegangen. Ich muss nah an ihm dran bleiben, denn er räumt alles ein, wenn man nicht aufpasst. Zweimal rette ich ein altes Foto aus seinen Bananenkisten. Am Ende kann ich mich nicht mehr erinnern, ob ich den großen Kochtopf eingepackt habe oder ob er dem kleinen Mann mit den schnellen Händen zum Opfer gefallen ist. Alles was der wegschleppte, muss ich nicht mehr schleppen, versuche ich mir die Situation erträglich zu denken. Es gelingt mir nicht, ich bin nur angewidert. Als er weg ist, habe ich genug für den Tag.
Wieder hält ein Wagen, er ist bis oben hin mit Schallplatten und Zeug vollgestopft. Ein alter Mann steigt aus, dem ich kaum abnehme, dass er Wochenende für Wochenende auf Trödelmärkten steht. Er schnallt die kleinen Möbel und den Plastikweihnachtsbaum auf das Dach seines Autos. Eine polnische Familie lädt die Pressglasschalen und Vasen in ihren Wagen und auch der Staubsauger wird gern genommen. Einem anderen Mann, der schon hinfällig wirkt, suche ich die Balkonkästen zusammen und die digitale Waage nimmt er auch noch mit.
Irgendwann ist alles ausgeweidet und nur noch das übrig, das am Tage niemand mehr haben will. Heute Abend, wenn wir weg sind, werden die anderen kommen und die Reste durchwühlen, die Regale aus dem feuchten Keller an sich nehmen und auch der Schuhschrank aus den 50er Jahren wird noch einen Abnehmer finden. Vielleicht auch die Stühle, die nur neue Poster bauchen.
Meine Füße schmerzen, dutzende Male bin ich die Treppen herauf und wieder heruntergestiegen, mit Säcken voller Kleidung oder Hausrat. So bald will ich keine Wohnung mehr auflösen müssen. Ich bin schon dankbar, dass es kein Haus ist, das ausgeräumt werden musste.
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