ALG II – Töten per Gesetz?
Verfasst von somluswelt am 24. Januar 2009
„Wer auch immer in die Mühlen der Hartz 4-Behörde (ARGE) gerät, muss wissen, dass man ihm ab jetzt nach dem Leben trachtet.“
So oder ähnlich klingt es mir aus der Gruppe der Betroffenen immer häufiger entgegen. Grund genug für mich, die Frage danach zu stellen in wie weit das zutrifft oder ob es in Zukunft denkbar wäre.
Der weitaus größte Teil unserer Gesellschaft würde heute diese Behauptung als völlig absurd brandmarken, da es moralisch nicht vorstellbar ist, dass es für das Töten ganzer Gesellschaftsgruppen eine Rechtfertigung gibt. Wer sollte so etwas wollen oder gar ausführen? Wo und wer sind die Täter? Wie könnte unsere stabile soziale Ordnung kippen und wie wird tatsächlich mit dem Prekariat in Deutschland umgegangen?
Der Sozialpsychologe Harald Welzer schreibt in seiner Analyse „Täter“ hierzu, dass es viel schwächer „um die Stabilität und Trägheit moderner Gesellschaften in ihrem psychosozialen Binnengefüge bestellt ist“, als wir gemeinhin glauben.
(via)
In diesem Artikel werden die Gedanken formuliert, die mich hier und in meinem alten Blog immer wieder beschäftigen: die Konsequenzen des Umbaus des staatsbürgerlichen Selbstverständnisses und die faschistoide stigmatisierung von Bevölkerungsgruppen als nutzlos, parasitär und damit der willkür der ausführenden SachbearbeiterInnen einer Behörde ausgeliefert. Wers nicht glaubt, sollte sich vor Augen führen, dass seit dem 1.1.2009 die aufschiebende Wirkung von Widersprüchen und Klage gegen Maßnahmen seitens der Behörde durch den Gesetztgeber abgeschafft wurde.

castleghost sagte
Sorry, aber in Deutschland halte ich mittlerweile für alles möglich. Vielleicht nicht heute und morgen, aber doch vielleicht übermorgen.
Manfred sagte
Castleghost hat Recht. Auch ich eigne mir immer mehr die Perspektive von zukünftigen Historikern an, die in 80 Jahren auf unsere Zeit ähnlich abgestoßen und angeekelt zurückblicken werden wie wir heute auf das Dritte Reich…
Lina sagte
Ich will jetzt nicht auf die Qualität des verlinkten Beitrags über vorgeblich quälende Details von Hartz IV unter der Überschrift ‘Töten per Gesetz’ eingehen, sondern habe über Nacht mein irritiertes ‘linkes’ Herz befragt, das mir (via Kopf) folgendes in Erinnerung ruft:
„Die wachsende Sozialisierung der Einkommensverwendung, die um sich greifende Kollektivierung der Lebensplanung, die weitgehende Entmündigung des einzelnen und die zunehmende Abhängigkeit vom Kollektiv oder vom Staat – aber damit zwangsläufig auch die Verkümmerung eines freien und funktionsfähigen Kapitalmarktes als einer wesentlichen Voraussetzung für die Expansion der Marktwirtschaft – müssen die Folgen dieses gefährlichen Weges hin zum Versorgungsstaat sein, an dessen Ende der soziale Untertan und die bevormundete Garantierung der materiellen Sicherheit durch einen allmächtigen Staat, aber in gleicher Weise auch die Lähmung des wirtschaftlichen Fortschritts in Freiheit stehen wird.“ (Ludwig Erhard)
Dem kannst Du (wie ich!) entgegenhalten, dass die aktuelle ‘Expansion’ des Kapitalmarktes das System einer für die ‘Marktteilnehmer’ (die wir ausser ‘Bürgern’ alle sind) gedeihlichen freien Marktwirtschaft ad absurdum geführt habe – vergiss’ aber dabei bitte nicht, dass diese Vorgänge unmittelbar der Anpassung an einen globalisierten Markt zu schulden sind, der zu Erhards Zeiten nicht im Blickfeld lag. Und auch, dass die Alternative einer florierenden nationalen Planwirtschaft keine mehr ist, am Verfall der entsprechenden Systeme* gemessen auch nie eine war. Jetzt aber stehen wir gewissermassen vor unumkehrbaren Realitäten, müssen lernen, mit den veränderten Bedingungen umzugehen – im uninspirierten und schwerfälligen Reparaturbetrieb eines Staates, der ein ‘Töten per Gesetz’ sicher nicht auf seiner Agenda hat – im Gegenteil: der die Grenzen dessen, was er tut und sich auf Kosten aller auch leisten kann, nicht überschaut.
*Vergiss Chavez, noch bevor er und die Seinen wirtschaftlich Baden gehen … vergiss auch Cuba, wo der einzelne Bürger zwar bildungs- und gesundheitsmässig gut versorgt erscheint, aber doch ein sozialer Untertan, ja, der materiell unterversorgte ‘Sozialfall’ eines ideell übermächtigen Staates und seiner dürftigen, unergiebigen, weil gelenkten Wirtschaft geworden ist.
Mein irritiertes ‘linkes’ Herz weiss also nicht, wie es die Vor- und Nachteile (zu wessen Gunsten, auf wessen Kosten?) sortieren und gegeneinander abwägen soll … es weiss aber, was der Kopf ihm sagt: dass ein sozialistisch dominiertes Gefüge die Bedürfnisse des Individuums (mit Macht!) auf bare Überlebensnotwendigkeiten reduziert – was Kopf und Herz klar als ein Verbrechen gegen die Freiheit auffassen …
somluswelt sagte
Hallo Lina, ich habe aus Versehen meinen Kommentar hier gelöscht, jetzt bin ich zu müde, das noch mal zu schreiben, ich schreib es dann morgen, eher gegen Abend oder Samstag, da bin ich Strohwitwe und hab alle Zeit der Welt ;-)
Lina sagte
Deinen Kommentar, somlu, habe ich zustimmend zur Kenntnis genommen; ‘alle Zeit der Welt’ kannst Du also meinetwegen gern auf Anderes, Besseres, Amüsanteres* als eine Wiederholung verwenden!
Entnommen habe ich, dass es Dir in erster Linie um ‘Gerechtigkeit’ geht – mir auch, wobei ich den verflixten Begriff vielleicht etwas weiter fasse als Du, indem ich ihn, um gerecht zu sein, nicht nur nach ‘unten’, sondern auch nach ‘oben’ vertreten wissen will.
*Amüsantes: „Marxisten wollen nicht den Hang zum Eigennutz loswerden. Sie wollen eine Ordnung, in der keiner mehr etwas davon hat, fies und dumm zu sein.“ (Das unterschreibe ich doch glatt!) Der das sagt, ist ein junger Schriftsteller namens Dietmar Dath, nachzulesen via ‘Freiheitsfabrik’ oder direkt hier:
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,604241,00.html
somluswelt sagte
Lina, in einer Welt in der Mitgefühl, Sensibilität und Achtsamkeit zentraler sind als Gewinne, verteilt sich die Gerechtigkeit auch nach oben, da sehe ich kein Problem.
Ein bisschen klingt dein „nach oben vertreten wissen“ nach einer Gerechtigkeit, die bei mir Analogien zu Forderungen an „die Frauenbewegung“ in Erinnerung ruft, dass doch bitte „die Männer“ keinesfalls benachteiligt werden dürfen. Wobei es nach dem mir bekannten Forschungstand einfach so ist, dass einige Männer im Falle echter Gleichberechtigung eine Menge von ihrem „Kuchen“ abgeben müssten,m z.B. Redezeit, Aufmerksamkeit, Prestige und natürlich Geld.
Wenn wir also von Gerechtigkeit im Ökonomischen Bereich reden, sieht es ja ähnlich aus, letztlich ist ja genug für alle da, und ich meine das weltweit, jedoch ungleich verteilt. Von daher mache ich mir um die Gerechtigkeit für die „oben“ weniger sorgen, die sorgen schon für sich. Wenn wir mal die Bonizahlungen trotz staatlicher Zuwendungen in den USA als Beispiel.
Lina sagte
Ich sehe ein Problem darin, dass diese Welt (leider!) eine Wunschvorstellung ist (-;. Deshalb, meine ich, wäre es an der Zeit, anzuerkennen, dass Gleichheit weder existiert noch erreicht werden kann, auch nicht durch ‘Gleich- berechtigung’ (etwa durch Aneignung fremden Eigentums oder auch durch die Anmassungen eines entmannenden Feminismus’, ) hergestellt werden kann. Anlagen, Bestand und Chancen sind nun mal ungleich verteilt. (Um-)Verteilung im Materiellen erscheint mir deshalb nur dann gerechtfertigt, wenn ‘die Fiesen’ und Dummen (Dietmar Dath) etwas davon haben, dumm und fies mit ‘Unterprivilegierten’ zu interagieren, zu deutsch: sie zum eigenen Vorteil zu übervorteilen.
Ich will auch den Neidfaktor da heraus haben. Mir geht’s in punkto Gerechtigkeit darum, dass endlich die immer wieder entstehenden neidvollen Feindseligkeiten mit ihren ‘Klassen’- und Grabenkämpfen aufhören und verstanden wird, dass es ein ‘oben’ + ‘unten’ gibt und dennoch jeder (zumindest hierzulande) ein Auskommen finden kann, weil es einigermassen ‘gerecht’ zugeht. Wobei ich der Eigenverantwortlichkeit den hohen Stellenwert einräume, der ihr zukommt und der vonseiten der ‘Versorgungsmentalen’ so gern bestritten wird; sie amputieren sich lieber …
ALG IV sehe ich – um auf’s Thema zurückzukommen – samt seiner hier z. T. ‘tödlich’ genannten Bezugsbedingungen als einen Ausgleich für temporär entstandene Härten bei natürlicher und/oder gewachsener Unterschiedlichkeit der Chancen zur Eigendurchsetzung – und nur so. Es gibt m. E. keinen natürlichen Anspruch darauf, sondern erst das Konzept der sozialen Marktwirtschaft hat die Anspruchsberechtigung schaffen können; ‘fies und dumm’ nenne ich deshalb auch diejenigen, die daraus eine Bestrafungsaktion machen wollen.
somluswelt sagte
Lina, in aller Kürze, wen meinst du damit, „die daraus eine Bestrafungaktion machen wollen“. Die Kritiker oder die Ausführenden. Denn so, wie sich die Gesetzeslage entwickelt und wie es vielen Menschen im ALGII Bezug ergeht, ist es eine Bestrafungsaktion mit breiter Wirkung auf die noch Beruftätigen. Flankiert von faschistoiden Äußerungen, die die sowieso mangelnde Solidarität zwischen den Menschen (hier Beruftätige und Erwerbslose) zerstört. Darüber habe ich gerade in diesem Blog sehr viel geschrieben, beispielsweise hier.
Wunschvorstellung…
So pessimistisch will ich gar nicht werden, als dass ich diese Welt so wie sie ist, anerkenne. Habgier, Profit auf Kosten von Menschenleben, usw. sind nicht akzeptabel. Es gibt auch andere. Kennst du eigentlich die Yes-men und ihre Aktion „Gilda the golden skeleton“? Sehr interssant und lässt tief blicken.
Lina sagte
Die Kritiker meine ich, die sich etwa über einzuhaltende Fristen (und mehr) aufregen, als gäbe es solche und ähnliche Verbindlichkeiten im Job nicht. Und ich rege mich auch auf über solche, die Arbeitslosigkeit als die Chance verstehen (und es auch herausposaunen), vorübergehend odr auf Jahre eine ruhige Kugel auf Kosten der Solidargemeinschaft zu schieben. Und diese Einstellung tatsächlich zur erblichen machen. An der Stringenz der Methoden zur Durchsetzung habe ich nichts auszusetzen; dass die Ausführenden der ARGEN wie überall sonst charakterliche Schwächen zeigen und das Los der Betroffenen ärger machen können, ist arg, muss man m. E. in Kauf nehmen können.
Auf der anderen Seite rege ich mich auf, wenn Pauschalurteile gefällt und publiziert werden, wonach die ganze ALG-Veranstaltung für jedermann, den es betrifft, die sprichwörtliche ‘Hängematte’ bedeuten würde. Durch so undifferenzierte Aussagen wird die Gesamtheit der Bezieher diskreditiert, ja, kriminalisiert, was eine miserable Wirkung auf den sozialen Frieden haben kann – und vor Jahren bei regelrechtem Kampagnencharakter erstmals hatte (Dein verlinkter 06-Beitrag bezieht sich darauf)!
Ich könnte mich jetzt noch über vieles Andere aufregen (und tue es auch) – aber nicht hier und jetzt am Wochenende, das Du als Strohwitwe zeitverschwenderisch begehen willst + sollst (-: …
somluswelt sagte
Lina, Rechtsverstöße, Herabwürdigens Verhalten usw. usf (ich habe lange genug in der Sozialberatung mitgemacht, um wirklich zu wissen, wie die Menschen zermürbt werden) muss und darf man nicht hinnehmen. Das ist keine barmherzige Veranstaltung sondern ein im Grundgesetz verbrieftes Recht und da steht nix von der Wiedeinführung von Zwangsarbeit. Seriöse Rechtsvertreter halten das ganze Gesetz für eine mehr als schwierige Angelegenheit und die Tendenz des Gesetzgebers eher die Möglichkeiten sich zu wehren zu beschränken als das Gesetz menschwürdig zu gestalten und ihren ausführenden Organen auf die Finger zu schauen, zeigt mir deutlich, dass es nicht um Wiedereingliederung geht. Dem Wortlaut nach vielleicht. Ich kenne die Empfehlungen von externen Beratern, die empfehlen den ganzen Antragsvorgang so zu erschweren, dass Leute aufgeben, so werden dann Kosten eingespart.
Statt denen auf die Finger zu schauen, die für einen Steigerung der kurzfristigen Gewinnen gerne mal Mitarbeiter „freisetzen“ und auch schon mal vor lauter Entlassen vergessen, dass der Erfolg eines Unternehmens auch von seinen erfahrenen Mitarbeitern abhängt. Wenn die mal weg sind, ist es schon passiert, dass Unternehmen dann an die Wand fuhren. Und wer darf das dann alles auffangen? Der Steuerzahler in Form des Staates. Das meine ich ja, dass bei aller liberaler marktradikaler Wortklingelei sich letztlich doch darauf verlassen wird, dass die Leute versorgt sind. Diese Versorgung ist letztlich ja auch gewünscht, den sie sichert die guten Standortbedingungen für Unternehmen.
Hinzunehmen ist der Umgang mit Menschen im ALGII Bezug für mich überhaupt nicht auch wenn es mich immer mehr müde macht und ich die Zermürbung auch spüre. Denn es ist schon so, als wolle man einer Sturzflut mit einer mickrigen Mauer entgegen halten.
Lina sagte
“ … muss und darf man nicht hinnehmen.“
Somlu, ich hatte bewusst nicht ‘hinnehmen’, sondern ‘in Kauf nehmen’ geschrieben; das ist ein Deal, der in den ARGEN und anderswo stattfindet, und um sein Recht gegenüber staatlichen Stellen einzufordern, braucht es Durchsetzung; die nehmen bekanntlich lieber als sie geben, sind u. U. tricky und robust. Wer der Prozedur nicht gewachsen ist, hat immer noch das gesetzlich verbriefte Recht auf seiner Seite. Wenn nicht, weil er gegen Vorgaben und Regeln verstösst – dann ist er selbst im Unrecht. Der Staat ist kein Wohlfahrtsinstitut, sondern nur (schlechter) Verwalter öffentlicher Kassen …
Das muss bei allem aufrichtigen Bedauern für Fehlverhalten zur Kenntnis genommen und gesagt werden dürfen. Macht korrumpiert, und Macht in den Händen von charakterlosen Bürokraten macht den Schreibtischtäter, der es sich auch schon mal herausnimmt, Antragsteller zu quälen und zu Bittstellern zu erniedrigen; das darf nicht sein und ist doch … wogegen sich zu wehren ist!
somluswelt sagte
Das Problem ist das Gesetz selbst, Lina, z.B. wenn ich mich gegen eine unangemessene Maßnahme seitens der Behörde nicht mehr wehren kann, weil mein Widerspruch und meine dann folgende Klage vor dem Sozialgericht keine aufschiebende Wirkung mehr hat und ich, was auch immer da verlangt wird, (nehmen wir mal an es ist vollkommen daneben), verweigere, dann werde ich sanktioniert. Das hat nichts mehr mit „tricky“ oder „robust sein zu tun“, das ist ein Unding.
Dein „robust sein“ usw. klingt für mich, wie schönreden einer unerträglichen Situation. Und es klingt nach diesem Unsäglichen Schlagwort „wenn du es wirklich willst, wirst du es auch schaffen“, eine Parole, die zur Vereinzelung führt. Ich weiß nicht, was du sonst so machst aber gerade das SGB II und seine Umsetzung zermürbt und zerstört Menschen,die es eh nicht leicht haben. Wie stellst du dir denn bitte ein Leben im ALG II Bezug vor? Das das so easy ist? Im Normalfall bist du mindestens schon ein Jahr arbeitslos und was immer du gemacht hast, niemand wollte dich. Dann diese Hetze in den Medien und durch unsere Politiker, Stichwort Schmarotzer, die unablässig wiederholte Lüge der massenhaften Sozialbetrüger. Immer wieder wird dir signalisiert, es liegt allein an dir, dass du keine Arbeit hast. Und Arbeit haben, d.h. Erwerbsarbeit haben, soll dein einziges Ziel sein. Es geht dir eh schon Scheiße und dann musst du mit einem Gesetzeswerk fertig werden, das die die ständig damit zu tun haben überfordert. Wer weiß schon, dass seine Kontodaten nicht kopiert werden dürfen, dass man keine Mietbescheinigung dem Vermieter vorlegen muss, wenn man einen Mietvertrag hat. Und das ist auch ein gutes Beispiel für deine „gegen Regel verstoßen“, wenn du dich weigerst deine Kontoauszüge kopieren zu lassen, wird dir dies als Regelverstoß ausgelegt und du wirst sanktioniert.
Oder die Sache mit den Mieten, sie dürfen nicht verlangen, dass ein Mensch im ALG II Bezug von seinem dürftigen Regelsatz Teile seiner Miete bezahlt aber sie verlangen es immer wieder und es passiert, häufiger als man glauben mag.
Lina, das ist sein systemisches und systematisches Problem, du scheinst mir die Sache viel zu sehr zu personalisieren. Ich kenne Internas,die deutlich zeigen, dass dieser Umgang mit den Menschen gewollt ist, kein Sachbearbeiter der Welt könnte all diese Regel und GEsetzesverstöße durchziehen, wenn das nicht von ihm erwartet würde. Natürlich wird das so nicht ausgesprochen.
Wenn du wissen willst, wie die Realität aussieht, hinter deinen so wohlgesetzten und ausgleichenden Worten, dann geh mal zu einer lokelen Erwerbsloseninitative, die Menschen mit Problemen zur ARGE begleiten und sich auskennen. Ich kenne ERwerblose in solchen Vereinen, die auf Grund des Andrang inzwischen fast Vollzeit Leute begleiten.
Und immer geht es um die unendliche Kette der Kleinigkeiten, das Geld kommt nicht, Unterlagen verschwinden wiederholt, Bescheide falsch berechnet usw. usf.
Macht korrumpiert, weil es ein Ersatz für sinnerfülltes Leben ist. Und wer bei der ARGE arbeitet ist entweder ein Sadist oder ein Masochist oder emotional so abgestumpft, dass eh alles egal ist, glaubs mir einfach ich kenne auch Mitarbeiter dieser Behörde ganz gut. Ich wüßte gar nicht was man mir bezahlten müsste, dass ich da arbeiten wollte.
Mir geht es nicht darum, dass man von Menschen, die dazu in der Lage sind, für Sozialleistungen etwas erwarten kann, wobei ich da auch gern mal eine Diskussion drüber hätte, mir geht es um die tagtägliche Zermürbung, Demütigung und Hoffnungslosigkeit, die mit dem SGBII und seiner Umsetzung manifestiert wird.
Und eines noch, warum um Himmels will, sollten Menschen, die genau wissen, dass sie keine Chance mehr haben und pro forma, damit besser aussieht, mit Förder- und Fordermaßnahmen drangsaliert werden, die keiner mehr will, nicht irgendwann sagen, kein Bock mehr auf diesen Mist. Ich habe derzeit mit solchen Menschen beruflich zu tun und es sind noch junge Menschen, die keine Chance mehr haben, mich schafft das und ich werde mir eine andere Betätigung suchen aber nicht, weil sie es nicht wert sind, sondern weil ich es nicht ertragen kann, dass ihnen Hoffnung gemacht wird, wo keine ist (oberflächlich) es aber letztlich darum geht, sie aus der Statistik raus zu haben, dass man sich politisch nicht damit auseinander setzen muss, was mit diesen Menschen passieren soll, die in unserer Gesellschaft keine Chance mehr haben.
Es ist immer so schön einfach, dass alles auf einer persönlichen Ebene anzusiedeln aber so einfach ist es halt nicht.
Lina sagte
Du bist gut: was soll ich denn sonst machen, als das Problem auf einer persönlichen Ebene anzusiedeln, um wenigstens zu be-greifen, was ich nicht selbst erfahre? Und wie ist es denn dann, wenn es ‘nicht so einfach’ ist? Soll ich nun auch daran tragen, dass Du schwer daran trägst, dass Andere noch schwerer daran tragen? Jetzt mach’ mal halblang. Ich hab’ gelernt, mein tätiges (!) Mitgefühl auf mein weiteres Umfeld zu übertragen, aber zu begrenzen, wenn es auch hilfreich sein soll – hab’ das lernen müssen, weil mich diesbezüglicher Schmerz sonst umgehauen hätte; wer hat was davon, wenn das eintritt? Also lass’ locker, somlu! Dieses Helfersyndrom, das einen so leicht übermächtigt, bringt in der Breite nichts, im Einzelnen viel. Wenn Du allerdings einen Beruf daraus gemacht hast, der Einzelfälle massenhaft anhäuft, dann weiss ich nicht, wie es für Dich in Zukunft leichter werden könnte …
Über geeignete oder ungeignete ‘Massnahmen’ mache ich mir so meine eigenen Gedanken. Es ist ja auch nicht so, dass ich nicht auch von Einzelschicksalen höre, auch in meinem Bekanntenkreis und deren Kreisen. Keiner von ihnen, ich schwör’s, hatte je Probleme mit den ARGEN, im Gegenteil, sie wurden tatsächlich ‘gefordert und gefördert’, bis sich annehmbare Arbeit für sie fand. So geht’s nämlich auch, und ich gehe durchaus davon aus, dass das die Regel ist – wie ich mich überhaupt dagegen wehre, das ganze System nach seinen spektakulär verunglückten Einzelfällen zu bewerten. (Ich nehme an, Du sprichst von denjenigen, die der sog. Sockelarbeitslosigkeit anheim gefallen sind, deren Entstehen Politik nicht verhindern konnte, was eine Schande ist.)
Aus den Medien dagegen lese und höre ich von kuriosen Fällen – wie zuletzt von einem seit ‘81 arbeitslosen, völlig gesunden Mann mittleren Alters, der – weil er über die Hartz-IV-Jahre im Bedarfsfall nicht vorstellig wurde – nun zunächst ‘auf der Strasse’ steht. Na und? Das Fernsehen machte ein triefendes Melodram daraus – so degeniert zeigt sich die immer weiter wachsende Versorgungsmentalität neuerdings auch in den Medien! Oder von einem 19jährigen, der jahrelang jede Weiterbildung/Lehre verweigerte so wie er auch jede ‘Massnahme’ abbrach um danach, im 4. oder 5. Jahr – als der (soziologischen) Weisheit letzter Schluss – auf Staatskosten eine eigene Wohnung zwecks Verselbstständigung spendiert zu bekommen, anstatt sie sich selbst zu verdienen. Ist das okay oder nicht einfach nur blöde? Ich würde letzteres meinen – auch wenn es Dich als Fachfrau provozieren mag; das bessere Konzept ist es für mich immer noch, sich am eigenen Schopf selbst aus dem Gröbsten zu ziehen. Und das ‘Gröbste’ ist Hartz-IV nicht.
„Das Morgen beachten, nicht das Gestern“ (Manès Sperber). Das, was er da als Therapeut sagt, wär’ doch mal was, womit sich heutige ‘Sozialarbeiter’ auseinandersetzen sollten, finde ich. Und: Ja, leichter gesagt als getan, ich weiss schon …
Hajo Freese sagte
Schon erstaunlich, wie sich manche – wie Lina – mit seichtem Geplappere die Realität schön reden und sich dabei noch den Anstrich der intellektuellen Glaubwürdigkeit zu verleihen verstehen.
„Der Staat ist eben nun mal so, wie er ist“. Allerdings war er nicht immer so, wie er jetzt ist und wie er sich, bedenke ich das Morgen, unschwer vorhersehbar noch entwickeln wird.
Da ziehe man sich eben wie dereinst Münchhausen am eigenen Schopfe aus dem Sumpf. Leben ist ja so einfach und selbst die ARGEn behandeln ihre „Kunden“ individuell und liebevoll. Man kennt da den Einen oder Anderen, der da allerbeste Erfahrungen gemacht haben. So, so!
So etwas kann nur sagen, wer die Realität bewusst verbiegen will oder aus Mangel an Kenntnis der wahren Verhältnisse dem Mainstream nach dem Munde redet. Gerade diese Menschen sorgen dafür, dass sich die moralischen und sozialen Parameter in unserer Gesellschaft immer mehr verschieben können. So schlimm wird’s schon nicht werden. „Und das Gröbste ist Hartz 4 ja nicht“.
Da bin ich mal gespannt darauf wie es ist, wenn es „grob“ wird in diesem Land. Das war einmal und kommt nicht wieder? Klar.
So lange man nicht selbst betroffen ist, schaut man lieber weg und redet sich weg von dem Sumpf. Wer darin versinkt ist schließlich selbst schuld, dumm genug dort hinein geraten zu sein.
Im dritten Reich gab es viele Täter, sehr viele und noch mehr, die damals von Ferne zugesehen haben – wie Lina heute zusieht – und die ihr „intellektuelles Wegsehen“ später als Nichtwissen verbrämt haben.
Aber dank Lina haben wir ja die Gewissheit: „so schlimm ist es ja nicht und soweit wird es nicht kommen.“
somlu sagte
hallo Hajo,
nun ja, Lina erscheint mir fast schon metaphysisch abgehoben. Wer mit solcher Intensität Systematisches Individualisieren muss, wird wohl seine oder ihre Gründe dazu haben. Ich werde sicherlich nicht weiter mit ihr diskutieren. Verschwendete Lebensernergie, da sie nur oberflächlich den Eindruck am Austausch von Gedanken interessiert ist. Sie schrieb an andere Stelle, dass sie jemanden „liberales“ Denken nahebringen wollte, so ungefähr. Das sagt ja schon ziemlich alles.
Lina sagte
Also musste ich erst Berührung mit der ‘linken’ Blogo-Helferszene aufnehmen, um in der dritten Person diffamiert zu werden …
Das sagt mehr, als es „ja schon ziemlich alles sagt“, liberale, also moderat freiheitliche Inhalte zu vertreten und sie in Teilen als vermittlungsfähig zu erachten – eine bislang nur hier gemachte, ebenso aufschlussreiche wie ernüchternde Erfahrung, auf die ich gern verzichtet hätte.
somluswelt sagte
Lina, fühl dich, wie du magst, seit ich drüben bei mo gelesen hab, dass ich doch froh sein soll, dass es unsere Sozialgesetzgebung überhaupt gibt, hatte ich überhaupt kein Interesse an einer Diskussion mit dir.
Schon deine Argumentation, dass du hier eine Erfahrung gemacht hast, die dir sonst nicht begegnet ist, ist eine ziemlich üble manipulative Argumentation. Was soll es an meiner Meinung ändern, nur weil dir das bisher sonst in der Welt nicht passiert ist? Deine charmante Kategorisierungen sind auch nicht von schlechten Eltern. Vielleicht bekommst du zu selten ein Echo auf deine Einschätzung anderer Menschen. Dass du bis über die Grenze beleidigend sein kannst, ist dir offenbar entgangen, vermutlich meinst du es nur gut, oder so.
Du nennst das was du vertrittst „vermittlungsfähig“ ohne zu berücksichtigen, dass deine Wahrheit für andere möglicherewise komplett daneben ist.So mit freiheitlichen Ansatz, solltest du eigentlich von missionarischen Impulsen frei sein, oder so. Du bist mir zu verkopft, abgehoben und arrogant in dem, wie du mit anderen Standpunkten umgehst. Dass du dich davon diffamiert fühlst, tut mir leid, ist halt meine Meinung. Und dass dir das woanders so noch nicht begegnet ist, so what, ich bin auch nicht die anderen. Ich vertrete hier meine persönliche Meinung, ich diskutiere auch gern aber sicher nicht mit jemanden, der oder die die Haltung vertritt, dass ich irgendwie fehlgeleitet bin und von der „Wahrheit“ überzeugt werden muss. Du kennst nicht mal die basalsten Prämissen von denen ich ausgehe und du fragst auch nicht nach.
Und ein letztes Mal noch, offenbar hast du meine Hinweise nicht wirklich verstehen (wollen?), ich werde dem linken Spektrum zugeordnet, u.a. von Leuten wir dir, ich selbst sehe mich da außerhalb jeder Kategorisierung. Meine Themen sind letztlich andere als politische Schlagworte, auch wenn du den Eindruck zu haben scheinst, diese hier zu finden. Es sind deine Kategorien, nicht meine.
Ansonsten, eine andere Erfahrung zu machen als sonst im Leben, ist nach meinen Begriffen nicht unbedingt das schlechteste im Leben.