Land der Töchter

Mit wachsender Faszination habe ich heute nach das Buch “Das Land der Töchter” von Yang Erche Namu und Christine Mathieu gelesen. Es ist die Geschichte einer Frau, die der Volksgruppe der Moso/Mosue angehört. Eine Volksgruppe deren Gesellschaft auf der um die Mutter aufgebaute Großfamilie strukturiert ist. Eine Gesellschaft, in der die Ehe als Gefahr für die Familie betrachtet wird.

Ich würde es allerdings auch nicht Matriarchat nennen, denn dieser Begriff leitet sich in seiner Bedeutung von unserem Verständnis des Patriarchats ab und das leben diese Menschen nicht. Männer und ihre Tätigkeiten, die sich hauptsächlich auf die Außenwelt beziehen als auch auf offizielle Positionen, sind hochgeachtet und geschätzt. Die Moso kennen die Ehe, dank der Umerziehungsmaßnahmen durch die Kulturrevolutionäre aber sie halten im allgemeinen nicht viel davon. Ihre wichtigen Bezüge definieren sich über die mütterliche Linie und die wichtigen männlichen Bezugpersonen für Kinder sind die Brüder der Mütter. Meist leben mehrere Generationen von Frauen, Brüdern, Onkel in einem Haus. Liebe zwischen den Geschlechtern leben sie auch und ausführlich, aber diese Beziehungen haben keinen Einfluß auf die gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen, da sie die Ehe nicht kennen, sondern leben, was die Anthropologie Besuchsbeziehungen nennen. Dies bedeutet, dass die Männer nachts die Frauen besuchen und morgens als Brüder und Onkel in ihre Familie zurückkehren, wo sie ihr sonstiges emotionales und ökonomisches Zentrum haben. Die Liebhaber spielen für das ökonomische Überleben der Frauen keine Rolle. Kinder kennen heutzutage zwar ihren Vater aber es hat keine weitergehende Bedeutung für sie.

Interessant fand ich die Einlassungen der Anthropologin Matieu zum Thema Ehe und die Konsequenzen für Männer und Frauen:

Aber wenn die Gesellschaft der Moso auch kein Matriarchat ist, bemerkenswert ist sie dennoch. In vielen sogar patriarchalischen Gesellschaften sind Frauen häufig weit mächtiger, als die sozialen Konventionen glauben machen möchten. Frauen können Hosen anhaben, die Macht hinter dem Thron dastellen oder wie die Redensarten alle heißen; mit anderen Worten: sie können die Authorität an sich reißen, die idealerweise den Männern zusteht. Aber Mosofrauen tun nichts dergleichen. Sie sind die legitimen Trägerinnen der Familienauthorität, die Verwalterinnen des Reichtums der Familie, Miteigntümerinnen des Familienbesitzes und Herrinnen über ihren Stammbaum. Und nicht zuletzt besitzen sie auf dem Gebiet der sexuellen Beziehungen persönliche Rechte und Freiheiten, die im Rest der Welt unvorstellbar sind. Tatsächlich ist die Gesellschaft der Moso, abgesehen von den Beziehungen zwischen den Geschlechtern, einzigartig wegen ihrer Institution der Besuchsbeziehungen. Die Moso können mit Fug und Recht den Anspruch erheben, ein unsiverselles Problem der menschlichen Existenz gelöst zu haben, de Zweispalt zwischen Sehnsucht nach Sex unhd Liebe und den Anforderungen der Familienkontinuität und -ökonomie.

Wie der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss gezeigt hat, stellt die Ehe einen Mechanismus dar, durch den Blutlinien, Familiennamen, Reichtum nd andere Formen von Privilegien und gesellschaftlichen Status ins Werk gesetzt und legitimiert werden, Mit anderen Worten, die Ehe ist der Kleister, der die Gesellschaft zusammenhält.

Aber in den meisten Gesellschaften muss gewöhnlich ein Faktor zurückstehen, damit die Ehe funktioniert. In patrilinearen männlich dominierten Gesellschaften wird dast immer die romantische Liebe geopfert und fast imnmer die sexuelle Freiheit und die Lust – der Frauen. In extremeren Fällen hängt möglicherweise die männliche Erblinie von der ausschließlichen sexuellen Kooperation von Frauen und Töchtern ab, etwas wozu Frauen von Natur aus nicht neigen. (…)

Wenn andererseits die Ehe auf den Idealen romantischer Liebe, sexueller Harmonie und der Gleichheit zweier Individuen basiert, statt auf der Sorge um Erblinien und Eigentum, gerät die ökonomische Stabilität, ja die Einheit der Familie selbst in Gefahr. Wie unsere gegenwärtigen Scheidungsraten zeigen, ist die Liebe zwar ein hehres Ideal, aber eine schwache BAsis für eine stabile Ehe.

Die Moso dagegen haben eine außergewöhnliche kulturelle Wahl getroffen. Sie haben weder die sexuelle Freiheit noch die romantische Liebe geopfert, weder die ökonomische Sicherheit noch die Kontinuität ihrer Vererbungslinien. Stattdessen haben sie die Ehe verworfen. Gewonnne haben sie eine Gesellschaft, in der alle grundlegenden Bestandteile des Lebens – Nahrung, Zuneigung, Besitz und Familielinie – Geburtsrechte sind, die durch den alleroffensichtlichesten Umstand der mütterlichen Verbindung hergestellt werden. Interessanterweise finden aud der Perspektive der Familienkontinuität nicht nur Frauen, sondern auch Männer Erfüllung in dieser Lebensweise, die sie von dem Druck befreit, für Nachkommenschaft zu sorgen – denn die Moso-Familien mit ihren zahlreichen Schwestern garantieren fast sicher den Fortbestand bis in die nächste Generation.

Die Moso vertreten idealistisch die Meinung, dass ihre um die Mütter zentrierte Lebensweise die bestmögliche ist und am besten geeignet, Glück und Harmonie zu fördern. Besuchsbeziehungen, so behaupten sie, sorgen dafür, das die Verbindungen zwischen Männern und Frauen unbelastet und freudvoll bleiben, und Menschen, die in großen, von Frauen bestimmten Haushalten leben, neigen nicht zum Streiten wie Ehepaare (1). Wir könnne uns darauf verlassen, dass sie aus Erfahrung sprechen, denn unter dem Druck der kommunistischen Behördenhaben es viele Moso imit der Ehe probiert und die meisten haben es wieder aufgegeben. Die Moso sind in der Lage, die positiven Eigenschaften ihres Familiensystems so überzeugend zu formulieren, wiel sie leider einige Jahrzehnte Zeit hatten sich seiner Vorzüge bewusst zu werden. Denn die Kommunisten erkanen nicht, welche Vorteile diese Tradition in sich barg: für sie war der Brauch der Moso bloß rückständig und unvereinbar mit ihren sozialistischen Idealen.(Yang Erche Namu; Christine Mathieu: Das Land der Töchter, Ullstein: 2005, S. 273ff.)

Wie in einem Interview gelesen, werden die Kinder gewaltfrei und liebevoll aufgezogen. Männer kümmern sich ebenso um die Kindererziehung, wie die Frauen und es lasse sich allgemein eine große Ausgeglichenheit der Kinder beobachten. Alles in allem erscheint diese Gesellschaftstruktur den Menschen insgesamt förderlicher als die oft als alternativlos dargestellten patrilinearen und männerdominierten Gesellschaften. Oberhäupter werden in dieser Gesellschaft die Frauen (und auch vereinzelt Männer), die am besten für ihre Familien sorgen können. Wobei der Gemeinsinn dabei im Zentrum steht. (dazu hier und hier)

Es ist wohl eine der wenigen herrschaftsfreien Gesellschaften auf diesen Planeten, die eine gewisse Balance zwischen den Geschlechtern entwicklet haben, auf Grund des Umstands, dass sie auf die Institution der Ehe verzichten. Das ist sehr faszinierend.

Wer mehr wissen will, kann sich beim Lugu Lake Mosuo Cultural Development Association weiter informieren. Bilder der Region und vom Leben der Moso finden sich hier.

(1)Allerdings sind lautstarke Auseinandersetzungen, extrovertiertes Zeigen von Eifersucht oder Herzschmerz unter den Moso stark verpönt. Das Familienmitglieder sich untereinander anschreien, ist ein großes Tabu. In dem Buch wird an einer Stelle eindrucksvoll beschrieben, dass die Mutter als sie wütend ist und dann die Schweine anschreit, weil sie es nicht direkt möglich ist. (Anmerkung von mir)

4 Antworten zu Land der Töchter

  1. Liest sich ja alles ein wenig idealisiert, aber superspannend! Das hole ich mal auch zu mir rüber, wenn ich darf!

  2. Pingback: Schwestern, zur Sonne, zu Freiheit! « Metalust & Subdiskurse Reloaded

  3. >>> … einzigartig wegen ihrer Institution der Besuchsbeziehungen. (Mathieu)

    Wie sie sich eigentlich auch in den modernen Singlehaushalten vermehrt darstellen – mit dem Unterschied, dass die Zielrichtung doch die alte bleibt, nämlich: Zusammenziehen, Heirat, Kinder … nach westlicher Tradition eben. Die Akzeptanz von ‘Lebensabschnittspartnerschaften’ ist da nur ein Pflaster auf die christlich-abendländische Wunde.

    Vielleicht heilt sie ja mal, wenn die ‘Weisheit des Ostens’ als Strategie zur Vermeidung desaströser Ehe- und Familienstreitigkeiten bis zu uns vorgedrungen ist – wer weiss? Mich jedenfalls spricht das Lebensmodell der Moso ausserordentlich an (seit ich via arte* davon gehört habe), weil es – ohne Mann oder Frau in ihren jeweiligen Liebesbeziehungen zu institutionalisieren – simplen Tatsachen Rechnung trägt. Allerdings: was dort gewachsene Struktur ist, würde hierzulande coolen Pragmatismus verlangen, und ob wir Romantiker der Liebe und des Hasses den aufzubringen bereit wären, wage ich zu bezweifeln …

    Da halten wir schon lieber am eigentlich untauglichen Konstrukts fest, das m. E. vor allem die Bewahr- und Besitzansprüche von Frauen bedient, die mit jedwedem, vor allem aber männlichen Nomadisieren grundsätzlich nicht umgehen wollen und eigenes in Abwesenheit des spezifischen Mutterbezugs der Moso erst gar nicht entwickelt konnten. Strukturell gesehen und realistisch betrachtet, könnten sie es sich in unserer (fremd-)arbeitsteiligen Gesellschaft auch kaum ‘leisten’ …

    Schön, dass Du darüber berichtest, somlu! So weht mal wieder ein frischer Wind durch’s Hirn.

    *Frau entscheidet übrigens auch, wann sie den Liebhaber (und/oder Vater ihrer Kinder) wechselt, und der wiederum füge sich klaglos, hiess es bei arte … ‘faszinierend’, hätte Spok gesagt (-; …

  4. Momorulez, mir ist auch aufgefallen, dass diese Kultur sich fast schon dazu anbietet in bestimmten Kreisen unserer Kultur idealisiert zu werden. Deswegen habe ich auch versucht unterschiedliche Quellen zu verlinken. Spannend fand ich auch das eine Interview, wo es darum ging, wie entschieden wird, wer “Oberhaupt” des jeweiligen Hauses wird. Nachdem gesagt wurde, dass man einfach wüßte, wer es am besten macht, erwähnte die eine Frau, dass wenn sie “die Schlüssel” hätte und merken würde, dass es ihre Schwester besser kann, sie ihr die Schlüssel einfach übergeben würde. Das hat mich ungeheuerlich fasziniert. Das ist doch sehr sehr anders als in unserer Kultur.

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