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Der freie Markt und das Geflügel

Ein freier Markt, wenn es denn einen gäbe, regelt schon alles, Umwelt, Resourcenvernichtung alles würde wunderbar laufen. So oder so ähnlich argumentieren – mal ganz grob vereinfacht – Liberale, wenn sie Freiheit mit freiem Wirtschaften verwechseln. Muss eine ja nicht mal Sassure lesen, um da ein Problem zu sehen. Wie auch immer.

Montag Abend habe ich mir den Bericht:

HühnerWahnsinn: Das eiskalte Geschäft mit Geflügel

angeschaut.

Zusammenfassend stellt sich die Situation so dar, wir hier in Europa essen gerne weißes Fleisch, das wurde von einer Marktforscherin irgendwie psychologisch begründet. (Meine Freundin fragte da, was die wohl genommen haben mag). Gut, also, weil wir so viel Geflügel essen und am allerliebsten Brust, Beine und Flügel bleibt die Industrie auf dem restlichen Huhn sitzen. Ein Teil kommt in die Tierfutterfabriken aber noch haben wir nicht genug Haustiere, um soviel Hühnerklein zu verarbeiten. Also, wohin damit? Man könnte diese Überschüsse ja vernichten aber das ist viel zu teuer, wofür gibt es denn gleich noch mal Afrika.
Erst einmal wäre dagegen ja nichts zu sagen, jemand versucht etwas zu importieren und schaut, ob er einen Markt aufmachen kann. Oder man macht sich einen Markt. So wie beim Geflügel, erst liefert man zu Dumpingpreisen tiefgefrorenes Hühnerklein in ein Land bis seine heimische Geflügelproduktion am Boden liegt und wenn man den Markt dann hat, erhöht man so drastisch die Preise, dass die Händerinnen auf den Märkten keinerlei Gewinn mehr damit machen. Die einschlägigen Geflügelverarbieter in Deutschland waren zu einer Stellungnahme nicht bereit, lediglich einer dieser Herrschaften aus Holland. Und der hatte ganz außerordentliche Einsichten in die Lebenssituation der Menschen in Ghana, Togo und Benin. Vorher (als der Geflügelbetrieb ein Familienbetrieb war) hätte nur einer damit Arbeit gehabt, jetzt würden seine fünf Söhne in der Logistik arbeiten und ihm was zustecken können. Echt herzig das Kerlchen, muss ich erwähnen, dass das natürlich so nicht aufgeht?

Afrika ist unser Abfallhaufen: unsere Milchüberschüsse, abgelegten Klamotten, Hühnerklein, Schweinereste und was wir sonst so nicht mehr gebrauchen können, werden da entsorgt. Wagt es dann eines der betroffenen Länder Einfuhrzölle zu erheben, dann wird diese Regierung mit freundlicher Unterstützung des IWF und Weltfonds “entmutigt” (discouraged). Man würde die laufenden Kredite kündigen usw. Die entsprechenden Dokumente sollen noch im Netz stehen. Und natürlich sind solche Exporte auch noch durch die EU subventioniert.

Der Bericht hat auch sehr deutlich gemacht, dass unsere Agrarindustrie auch hier die Menschen arm macht. Denn es werden immer weniger Menschen gebraucht, um immer mehr zu produzieren. Was die Qualität und die Auswirkungen solcher industriellen Produktion angeht, lasse ich an dieser Stelle mal Außen vor.

Es war da auch immer wieder die Rede von freien globalen Handel und dergleichen aber für mich ist das übelste Ausbeutung. Eine Bekannte meinte, es wäre Raubtierkapitalismus schlimmster Art. Nun ja, das unterstellt ja, dass es zum einen einen Raubtierkapialismus besserer Art gäbe und dass es einen Kapitalismus gäbe, der sozial, ökonomische und ethische Kritierien einhält. Ich glaube das nicht mehr. Da und dort wurde ja schon häufiger erwähnt, dass ein Unternehmer ein Interesse haben muss, seine Gewinne zu steigern, wenn er mitspielen will und das hat dann zur Folge, dass dabei sehr viele Menschen auf der Strecke bleiben. Diese Trennung von Kapital und Werten ist für mich der Inbegriff von Kapitalismus.

Religionsgeschichte

Ich bezeichne mich ja als ungläubig, Religion spielt für mich nur in soweit eine Rolle, als das ich im “christlichen Abendland” lebe und Kultur und Geschichte davon durchdrungen ist.

Ich lese grade “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus” von Max Weber. Eine hoch spannende Lektüre. Nicht nur die Fragestellung zur Entstehung des modernen Berufsmenschen, der für den neuen Kapitalismus notwendig war, sondern auch die religionsgeschichtlichen Hintergründe nehmen mir fast schon den Atem. Der Calvinismus, wie ihn Max Weber beschreibt, ist eine hoffnungslose und einsame Angelegenheit. Und es wundert mich tatsächlich, dass die Menschen damals diesen für sich annahmen. In einer Welt in der die Gnade Gottes eine zentrale Rolle spielte, eine Religion anzubieten, die den Menschen der Gnade ungewiss macht, ist schon ein starkes Stück. Aber ich bin noch mitten im Lesen, irgendwo bei den religiösen Grundlagen der innerweltlichen Askese. Von daher, mehr dazu vielleicht später.

Ich habe auch viel Kritik an Max Webers Thesen gefunden, kann aber bisher nicht nachvollziehen, was da kritisiert wird. Dass es Kapitalismus vorher schon gab, betont er. Dass die verschiedenen Religionsgemeinschaften den “neuen” Kapitalismus nicht hervorbringen wollte, schreibt er auch. Sie haben den Boden bereitet. Und schließlich die letzte erst kürzlich veröffentlichte Studie, die ich zugegebenermaßen nur in kurzer Form kenne, scheint mir am Thema Max Weber dann doch vorbei zu gehen.

Scheitern

Wenn man sich diese steuerfinanzierten Bonuszahlungen bei den Banken so anschaut, bekommen Bücher mit dem Titel: “Schöner Scheitern” doch eine ganz neue Bedeutung.