Lockdown light – Gedanken zu den am 28.10.2020 beschlossenen Maßnahmen zu Eindämmung der wachsenen Infektionszahlen.

(Tweetkette vom frühen Morgen, um ein paar Tippfehler und Zeichensetzung korrigiert)

Echt jetzt, natürlich ist das ungerecht und scheiße und blöd und unfair und überhaupt (und ja das mit den Kirchen finde ich auch nur schwerst nachvollziehbar) – Es ist ein fucking Virus, mit dem können wir nicht diskutieren. Viren sind vermutlich auch undemokratisch.

Wenn ich jetzt schon sehe, was die Medien aufführen. Ich bin auch nicht sonderlich glücklich mit der aktuellen Lösung. Aber nichts machen, warten bis wir, wie in New York die Kühllaster vor den Krankenhäusern stehen haben?

Ich erwarte, dass die Wissenschaftler_innen und die Gesundheitsämter genug Mittel und Kapazitäten inkl. Personal bekommen, um dieses „Dunkelfeld“ der Ansteckungen aufzuklären.

Bei aller Kritik, die ich auch habe, die aber weit früher als bei den aktuellen Maßnahmen der Politik anfängt, bin ich in Anbetracht der aktuellen Situation im gesamten, eher pragmatisch eingestellt. Lasst es uns probieren, sorgen wir dafür dass die angekündigte Kohle auch wirklich bei den Leuten ankommt. Wenn es in drei bis vier Wochen nicht wirklich was genutzt hat, dann muss das halt geändert werden. Ja, ich finde es auch mehr scheiße, dass die Armen und Marginalisierten nix kriegen. Das HartzIV Regime gehört so oder so aufgelöst, der wachstumsgetriebene Kapitalismus muss beendet werden usw. usf. Ich sehe aber auch, dass unsere Politiker_innen aus ihrer Logik heraus versuchen diese Katastrophe zu bekämpfen. Wenn wir das jetzt kaputtreden und klagen, welche Möglichkeiten bleibt dann noch?

Ich habe auch viele Ideen, wie Dinge anders gemacht werden können. Ob ich Recht habe, sei mal dahingestellt, auch ob meine Ideen bessere Ergebnisse liefern. Ich habe keine Ahnung, das hier ist ein kompletter Ausnahmezustand. Fast alles, was ich an unserer Gesellschaftsform kritisiere, wird jetzt noch sichtbarer. Und wenn die Medien nichts Besseres zu tun haben, als sofort und ohne Verzug die Nicht-Akzeptanz der Maßnahmen in der Bevölkerung zu beschwören und jeder_m Schwuberler_in so viel Raum wie möglich einräumen, werden sie erleben, dass es so kommen wird.

Ich habe gestern die parlamentarische Debatte zu den Maßnahmen angehört und eines war sehr glaubwürdig, dass bis auf die #fckafd alle einen Weg suchen Menschenleben zu retten. Darum geht es um Moment. (Ach ja, ja da war noch die #fckfdp die habe ich grad vergessen.) Und auch wenn dieses Stimmen nicht so viel Raum hatte, ich war froh, dass die Linken den Bevölkerungsgruppen, die grad noch mehr hinten runter fallen einen Raum gegeben haben. Und wenn ich dann mitbekommen, dass unterschiedlichste Gruppen die Tatsache, dass wir Infektionen in bestimmten Räumen derzeit nicht nachverfolgen können, für ihre Agenda instrumentalisieren, geht mir der Hut hoch. Der Punkt ist, dass wir es bei der Masse der Ansteckungen nicht wissen, wo sie stattfinden. Also können sie auch in Restaurants, Theatern usw. stattfinden. Oder auch nicht. Wir werden in wenigen Wochen mehr wissen. Natürlich bin ich überzeugt davon, dass die Ansteckungen auch in Bussen und Bahnen und auf der Arbeit stattfinden. Mein Erlebnis mit dem Herrn „mir geht es gut aber meine Frau hat Schüttelfrost“* hat mir das gestern sehr deutlich vor Augen geführt. Wenn die Frau infiziert ist und er weiter geblieben wäre, wäre die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung trotz aller Hygienemaßnahmen groß gewesen. Und ich hätte dann auch nicht gewusst, wo ich mich angesteckt habe. Das ist eine fucking Viruspandemie und eine Situation, in der wir alle noch nie waren. Wir lernen, so wie ich gestern.

*(Tweets vom 29.10.2020 zu einer Situation auf der Arbeit)
Eben, Mensch kommt rein, ich so: Hallo Herr x, wie geht es Ihnen. Er: Mir geht es gut aber meine Frau hat Schüttelfrost. O_O Ich so: wie hoch ist das Fieber? Er: stimmt, hätten wir mal messen sollen O_O Abbruch der Beratung. – Das bringt mich zu dem Gedanken, dass eine nicht unerhebliche Zahl in der Bevölkerung die Sache mit der Infektion, der Erkrankung usw. nicht wirklich begriffen hat.

Notiz an mich selbst: in den kommenden Monaten immer bei jeder Beratung erst die Person fragen, wie es ihr geht und dann nach deren „Familie“. Hätte er das nicht zufälligerweise von sich aus gemacht, hätte ich das nicht gewusst.

Heiraten

Unter dem Hashtag #somluheiratet twittere ich ein bisschen über die kommende Hochzeit der Herzensbutch und mir in einigen Wochen.Als wir uns am unserem 17. Jahrestag verlobten, war ich ziemlich entspannt, ja klar, wir heiraten in einem Jahr, kein Problem.

Natürlich bin ich viel mit Orgasachen beschäftigt. Wir heiraten am Tag vor unserem 18. Jahrestag. Krass, denke ich ab und an, 18 Jahre. Je näher dieser Termin rückt, desto vielfältiger werden Gedanken und Gefühle zu diesem Vorgang.

Gestern zum Beispiel hatte ich eine schöne Konversation mit zwei anderen auf Twitter, von denen eine wohl kürzlich geheiratet hat und die andere wird dies nächste Woche tun. Irgendwann wurde mir bewusst, wie eigenartig ich diese Unterhaltung finde. In diesem Moment war ich Teil einer gesellschaftlich anerkannten Gruppe. Einer Gruppe, von der ich lange Jahre meines Lebens dachte, dass ich niemals dazugehören können würde. Eine Sache, die für wirklich sehr viele Menschen völlig normal ist und die in viele Fällen mit Freude und Begeisterung aufgenommen wird. In einigen Fällen wird dieser bürgerliche Akt abgelehnt.

Wie Fremde ohne Rechte

Bei beiden Gruppen handelt es sich um Menschen, für die der Gedanke vieleicht zu Heiraten oder nicht immer schon vollkommen normal war. Das ist so, wenn du heterosexuell bist, konntest du schon immer heiraten. Ich konnte es die meiste Zeit meines Lebens nicht. Vor 36 Jahren, während meines Coming Outs, war das so, du bist lesbisch also wirst du nicht heiraten können. Der Akt des Heiratens an sich war dabei weniger das Thema als die rechlichen Folgen. Damals war klar, selbst wenn ich mit einer Frau* (es war vor meinem Coming Out als Femme) 40 Jahre zusammen leben würde, vor dem Staat und der Welt würden wir als Fremde behandelt werden. Keine Rechte, wenn eine ins Krankenhaus kommt, keine Rechte bzgl. des gemeinsamen Besitzes, den es ja rein rechtlich gesehen nicht gibt. Selbst aufwändige notarielle Vereinbarungen würden im schlimmsten Fall nur helfen, einiges einklagen zu können. Es gab aber keine Sicherheit, ob eins diesen Prozess gewinnen kann. Auch darüber müssen sich heterosexuelle Teenager, die das dann auch bleiben, keine Gedanken machen. Vielmehr gilt es als emanzipatorischer Akt sich diesem Status zu verweigern. Aber es ist für sie immer möglich gewesen. Meine Freundinnen und ich haben uns Gedanken darüber gemacht, da war ich so 15/16 Jahre alt. Auch weil es wirklich schreckliche Ereignisse gab, in denen die Lebenspartnerin von der Familie nicht zu ihrer verunfallten Freundin gelassen wurde. Damals teil meiner Normalität.

Was ist emanzipatorisch an einer Heirat?

In der Diskussion ist immer wieder die Rede von der Erreichung der bürgerlichen Rechte von schwul und lesbisch gelesenen Menschen und wir dadurch „wie die anderen werden“. Ein Gedanke, den ich auch schon hatte. Seit ich selbst auf diesen Weg selbst gehe, spüre ich deutlich, dass das so nicht stimmt. „Wir“ sind und bleiben die „Anderen“. Es ist heutzutage nicht ungefährlich. Der Rechtsruck aller Parteien und das Erstarken von Nazis in Deutschland macht mir zunehmend Angst macht. Das bezieht sich auch auf der Heiraten. Weil es dadurch amtlich ist, dass ich „lesbisch“ (für die in die Details nicht so Eingeweiten) bin und im Falle von Verfolgung müssten wir vermutlich ganz schnell das Land verlassen. Kein schöner Gedanke aber auch nicht umbedingt ein komplett abwegiger. Insofern ist das Heiraten für „Lesben“ und „Schwule“ heute ein emanzipatorischer Akt für mich. Denn bliebe ich unverheiratet, könnte ich ja vorgeben, mit einer guten Freundin zusammen zu wohnen, wenn es hart auf hart kommt. Die Diskriminierung von Lesben, in dem sie unsichtbar gemacht werden, funktioniert an dieser Stelle wunderbar. Glaubt es mir, ich habe diesen Umstand schon mal für mich genutzt.

Jetzt merke ich, wie sehr all dies meine Identität geprägt hat. Je näher der Hochzeitstermin rückt, desto verwirrender finde ich das Ganze. Ein Teil von mir hat immer noch Fragezeichen im Kopf: Echt jetzt, Heiraten? So richtig, mit alles drum und dran. (Ich weiß, es gibt da noch ein paar Punkte, die geklärt werden müssen). Auch die hochdiskiminierende Bezeichnung „Eingetragene Lebensgemeinschaft“ ist Geschichte. In Gesprächen mit Heterosexuellen merke ich, dass die Normalisierung vor allem auf ihrer Seite stattfindet. Sie haben nicht meine Geschichte und sie mussten sich nie über den Rechtsstatus mit Partner*innen Gedanken machen. Jedenfalls nicht intensiv. Okay, sie können es ablehnen zu heiraten. Es was und ist nicht dasselbe, wie für mich und die meinen.

Gedanken 7-4

Okay, ein Thema noch. In Großbritannien solle in Ministerium für (gegen) Einsamkeit eingerichtet werden. In Deutschland wird eine allgemeine Zunahme der Einsamkeit festgestellt. Viele reden darüber und viele davon wundern sich. Ich wundere mich nicht und ich finde es auch folgerichtig, dass gerade in Großbritannien die Sache am weitesten fortgeschritten sein soll.

Der Neoliberalismus predigt das Glück der Vereinzelung. Die Menschen werden seit Jahrzehnten mit der Lüge des „Jede*r kann es schaffen, wenn si:er es nur will“. Eine Lüge, denn es fehlt der letzte Teil des Satzes, der die Realität der Meisten darstellt. Der vollständige Satz lautet also „Jede*r kann es schaffen, wenn si:er es nur will aber nicht jede*r“.

Aber da sich fast alle in dieses Hamsterrad begeben haben, ist eine der fatalen Konsequenzen „Einsamkeit“. Denn damit der heutige Kapitalismus weiterfunktioniert, braucht eben jede* und jeder* einen eigenen Hammer. Damit entfällt zwar möglicherweise die quälende Überlegung, was di:er Nachbarin wohl denken mag aber uch der soziale Kontakt. Ja, es gibt eine Bewegung der „shared Economie“ aber die ist in Wirklichkeit nichts neues. In meiner Kindheit nannten wir das noch: Ich geh mal zum Nachbarn und leih mir den Schwingschleifer aus“. Das ist weg, wenn du mit dem Wagen liegen bleibst, hast du ja dein mobiles Telefon. Zum nächsten Haus zu laufen, dort nach einem Telefon fragen, ein Wasser angeboten zu bekommen und ein kurzes Schwätzchen halten, bis der Abschleppwagen kommt, fällt weg. Im Gegenteil, solltest du so etwas heute versuchen, kann es dir passieren, dass du -mit dem Hinweis auf die mobilen Telefone – abgewiesen wirst.

Großbritannien liegt auch deshalb vorne, weil dort der Einfluss des neoliberalen Gedankengut weit früher eingesetzt hat, als hier in Deutschland.

So nimmt die Einsamkeit der Einzelnen zu und scheinbar niemand kann sich das erklären.