Billiglohnland

Ich würde ja gerne schreiben, dass die Einführung der Ein-Euro-Jobs undurchdachte Dummheit war, aber ich befürchte, dass dahinter Kalkül stand. Der Regelsatz für ALGII Empfänger wird zukünftig der Maßstab für das Nettoeinkommen für sogenannte Geringqualifizierte sein. Aber prekäre Berufbiographien und ein Leben von der Hand in den Mund sind inzwischen bei qualifizierten ArbeitnehmerInnen und AkademikerInnen angekommen. Davon, dass ständig wiederholt wird, es ginge um die Geringqualifizierten, ändern sich die Zahlen nicht. Volkswirt und Autor Dirk Hauer nennt die Entwicklung, dass zwei Drittel aller Niedriglohnbezieher zwischen 30 und 55 Jahre alt sind und aus allen Berufsschichten kommen, normale Arbeit anno 2004.

Viele Institutionen, die einmal Leute über ABM eingestellt haben, machen das jetzt über die Einstellung von Ein-Euro-Jobbern. Das geht so weit, dass andere für alle Beteiligten letztlich günstigere Möglichkeiten nicht mehr in die Strukturen integriert werden. In Köln bestände die Möglichkeit für 300 Arbeitslose, die ALGII beziehen, sogenannte Arbeitsgelegenheiten in Vertrag einzustellen. Hier würde das Arbeitsamt für ein Jahr die Kosten für die ArbeiternehmerInnen übernehmen, Die Arbeitnehmer bekämen einen Arbeitsvertrag und eine Anstellung nach Tarif. Die Vorraussetzungen für die Genehmigung einer solchen Arbeitsgelegenheit sind, dass sie im anleitenden/bildenden Bereich angesiedelt sein müssen und sich an Arbeitslose mit besonderer arbeitsmarktlicher Benachteiligung (besonders lange arbeitslos, Alleinerziehend, Andersfähig. Migrationshintergrund) wendet. Das Angebot ist vergleichbar mit den früheren ABM-Stellen. Letztes Jahr gab es von diesem Jahr immerhin schon 75 Stellen. Von denen lediglich 10 in Anspruch genommen worden waren. Die Hilfe-Strukturen in Köln, die ein solche Angebot umsetzen können, haben ihre Strukturen ganz auf Ein-Euo-Jobber umgestellt.

Mal abgesehen davon, dass nur wenige Arbeitslose von dieser Möglichkeit wissen, zeigt sich hier doch am deutlichsten, dass die Vorgabe, dass Integrationsjobs keine Arbeitsplätze ersetzen dürfen, Makulatur ist. Aber wem erzähle ich es.

Im Streit um Mindestlohn, stehen die Geringqualifizierten in direkter Konkurrenz zu hochqualifizierten AkademikerInnen, die inzwischen in einer prekären Berufsbiographie angekommen sind. Im Informationsdienst des Wissenschaftladen Bonn wird eindrucksvoll geschildert, wie einer arbeitslose Schauspielerin ein Traumjob als Schauspiel- und Artistik-Anleiterin durch ein Job-Center angeboten wird. Natürlich auf Ein-Euro-Basis. Die arbeitslose Schauspieler lehnte ab, weil sie der Ansicht ist, dass eine solche Arbeit mehr wert ist, als 1 Euro. Die Sachbearbeiterin im Job-Center drohte mit Leistungskürzung, hinterfragte aber überhaupt nicht, ob dieser Job tatsächlich zusätzlich und gemeinnützig. Ich weiß ja nicht, ob die MitarbeiterInnen der ArGes Prämen für einen hohe Vermittlungsquote bekommen aber ein 1-Euro-Jobber gilt in der Statistik nicht mehr als arbeitslos. Ein Schelm wer dabei böses denkt.

Die radikale Senkung der Löhne in der Bundesrepublik scheint erklärtes Ziel von Wirtschaft und auch Politik zu sein. Die gewählten „Volksvertreter“ verdienen den Namen nicht. Sie vertreten unter dem Deckmäntelchen wirtschaftlicher Verantwortung die Interessen von Konzernen, die ihre Umsatzrendite gerne auf Kosten ihres Personals und der sozialen Systeme erhöhen möchten. Klar, wer für jeden Euro Umsatz mehr in der Tasche behalten kann, wer will das nicht. Dagegen sollte die Politik ein Korrektiv bilden (Eine interessante Diskussion dazu findet sich bei che). Davon sehe ich nicht viel. Wenn ich mir die Mühe mache, darüber nachzudenken, was in den Köpfen unserer SpitzenpolitikerInnen vorgehen mag und wie sie die unterschiedlichen Realitäten, in denen das sie wählende Volk lebt, einschätzen, habe ich schwer den Verdacht, dass sie nicht mehr viel außerhalb ihrer eigenen Sphäre mitbekommen. Vermutlich stressbedingt kortikoidgeschädigt*.

Und worauf läuft das alles hinaus?

Dirk Hauer sieht einen Trend zur Prekarisierung du zu Niedriglöhnen. „Nicht zufällig ist der Umstand, dass die Umsetzungen der Hartz IV-Maßnahmen zusammenfällt mit direkten unternehmerischen Angriffen auf die Löhne.“ Daher kämen die Ein-Euro-Jobs nicht wie „Kasper aus der Kiste, sondern seien immer erklärtes Ziel gewesen.“

Und so kann man in Deutschland für kleines Geld hochqualifiziertes Personal einkaufen.

Einmal im Jahr fliegen die beiden Porzellandesigner für einige Wochen nach Taiwan. Dort sitzt ein Unternehmen mit dem die Deutschen eng zusammenarbeiten. „In Taiwan gibt es schon lange keine Billiglöhne mehr“, sagt Stephan Ziege. „Dort werden in den meisten Branchen Gehälter gezahlt, die hierzulande mancher gerne hätte.“ Deswegen ließen viele Asiaten in Deutschland und Europas produzieren. Billiger. Nicht selten ein Ein-Euro-Jobber.

*(Zur Erklärung: wer nach einer stressigen Phase nicht mehr runterkommt, sondern weitermacht, bei dem schüttet der Körper ein cortisonähnliches Hormon aus, welches das Schmerzempfinden herabsetzt und uns befähigt länger durchzuhalten. Allerdings ist man in diesem Zustand weder für Kritik von außen noch zur Selbstkritik fähig, auch schränkt sich das Wahrnehmungsfeld stark ein, weil man sich so sehr auf eine Aufgabe konzentriert. Es ist auch schwer aus diesem Zustand wieder auszusteigen. Ein gutes Beispiel für die Folgen eines solchen Zustandes war Gerd Schröder am Wahlabend. Es heißt auch, dass dieser Zustand süchtig macht.)

Alle Zitate stammen aus: Ein-Euro-Jobs für Akademiker. In: Informationsdienst 08/2006 Wissenschaftladen Bonn), leider ist der Artikel online nicht einsehbar.

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3 Antworten zu “Billiglohnland

  1. Na ja, „Ein-Euro-jobs“ gibts ja nur zusätzlich zu staatlicher Transferleistung, d.h. der tatsächliche Lohn liegt (etwas) höher.

    Ihre Einführung finde ich richtig, allerdings müßte strenger kontrolliert werden wer was anbietet und wer den Job übernimmt. Für Langzeitarbeitslose ist derartiges sicher eine Chance und auch besser als nichts.

    Hier in München besteht an Jobs kein (großer) Mangel, zumindest wenn man nicht erwartet das es der ideale Job ist (meiner, bin auch Akademiker, ist es auch nicht, dank Teilzeit habe ich aber recht viel Zeit :-) ) – und meist wird auch anständig bezahlt.

    Ich persönlich bin froh hier zu wohnen und mich nicht mit der Bürokratie der Arbeitsagentur herumschlagen zu müßen um zu überleben.

    Wie die Zukunft aussieht, keine Ahnung. Ich hoffe auf sowas wie einen anständigen Lotteriegewinn, so daß man sich selbstständig machen kann (mit was auch immer, ich habe zwar Ideen, aber die behalte ich für mich ;-) ) – oder auch Erbschaft (wobei man sowas natürlich nicht denken sollte (…) Und bis dahin heißt es sich durchschlagen und die Augen nach Optionen offen halten. Bezüglich dem was ich studiert habe, Politikwissenschaft, ist die derzeit einzig realistische – aber nur langfristig (vielleicht) – interessante Perspektive Parteipolitik (wobei ich erst vor kurzem eingetreten bin (FDP) und damit natürlich eher (sehr) spät dran bin, auch bin ich politisch zwar u.a. liberal, aber dennoch kompliziert *g*). Nun gut, bin „erst“ 27 Jahre alt…

    Angesichts meiner bisherigen Erfahrungen und der Aussichten aufs Alter (nicht nur Rente, sondern auch im Arbeitsleben) habe ich allerdings wenig Lust mein Leben abhängig beschäftigt zu verbringen, am besten also selbstständig und natürlich halbwegs erfolgreich. sollten meine Eltern mal nicht mehr leben am besten im Ausland – denn was Deutschland angeht bin ich derzeit sehr pessimistisch.

  2. Also wenn ich mich nicht ganz täusche hießen die „Hartzgesetze“ in ihrem Anfangsstadium wie folgt:
    „Gesetz zur Einführung eines Niedriglohnsektors in Deutschland“
    Das war aber wohl zu offensichtlich und man wählte lieber:
    „Gesetz zur Modernisierung des Arbeitsmarktes“
    Dieses 1. bis 4. Gesetz hat sich aber unter Hartz I – IV eingebürgert. Mittlerweile sind Empfänger von Alg II ja schon zu Hartz IV-Empfängern geworden.
    Das diese Gesetze und auch ihr aktuelles Update vom 17.02.06 in erster Linie dazu dienen, die Löhne auf breiter Front zu senken, war den Kritikern schon im Jahr 2004 klar. Deshalb war und ist es ja so unverständlich, dass die Gewerkschaften nicht dagegen mobil gemacht haben und mobil machen.
    Offiziell wird auf die Erwerbslosen geschossen, aber tatsächlich zielt man und trifft auch alle Erwerbstätigen und sogar die Rentner (z.B. Rentenanpassung an Lohnentwicklung, Lohnentwicklung wg. 1-Euro-Jobs rückläufig).
    Dieser bisher größte Angriff auf den Sozialstaat ist ein Angriff auf quasi alle Menschen, die frei sind von Produktionsmitteln. Achja, frei. Freiheit propagiert ja auch die CDU und hundertausende die von ihren Unternehmen freigesetzt werden, freuen sich endlich frei zu sein.

    Sorry, dass ich so lange kommentiert habe, aber das musste raus.
    Kafi

  3. @night owl, sicherlich gibt es Ein-Euro-Jobs zusätzlich zu den Transferleistungen und deswegen stimmt das mit dem Stundenlohn auch nicht so. Aber damit werden im seltensten Fall Arbeitsplätze im ersten Arbeitsmarkt geschaffen. Darüberhinaus sollten diese Integrationsjobs ein Maßnahme sein, die nach allen anderen Möglichkeiten kommt. (Ich habe dazu schon ausführlicher im Jobberpool geschrieben).Außerdem sollen sie der Qualifizierung dienen und 25% der Zeit soll dafür zur Verfügung stehen, und sind für Leute mit besonderen Vermittlungshemnissen gedacht. Ganz abgesehen von der Vorgabe „gemeinnützig und zusätzlich“. Leider ist die Praxis eine andere. Sowohl was die Vermittlung angeht als auch wer da vermittelt wird.

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