Solidarität buchstabieren

Ich wundere mich schon eine Weile über das Verhältnis des gemeinen Deutschen zu Solidarität. Da fangen Teile der Gesellschaft an gegen die immer härter werdenden Arbeitsbedingungen, gegen rückläufige Reallöhne und drohende Arbeitsplatzvernichtung an zu streiken und die Medien schreiben den Anlass runter oder schrieben überhaupt wenig darüber. „Würde sie es stören 18 Minuten am Tag länger zu arbeiten?“ Diese Frage kann ich überall lesen und bekomme sie auch in meinem Umfeld (nicht mein enges) wiedergekäut. Und die Kamera wird immer schön auf die jammernde Person gehalten, die den Müll nicht mehr ertragen kann. Solidarität mit den Streikenden? Zumindest ist nicht viel davon zu lesen. Es mag sie geben aber darüber geschrieben wird herzlich wenig.

Gleichzeitig sehen sich ForenbetreiberInnen, BloggerInnen und andere, die sich im Internet äußern, mit einer Abmahnwelle konfrontiert, die die sofortige Eskalation und den Einsatz von Anwälten nach sich zieht. Es geht um schwerwiegende Dinge, wie Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrecht. Es wird sofort mit schwerem Geschütz ohne Vorwarnung losgeballert, Drohungen geäußert, die der Sache nicht angemessen sind. Man hat den Eindruck, dass es um Einschüchterung geht. Relevante Teile der BloggerInnen solidarisieren sich, es tauchen jede Menge differenzierte Beiträge auf, viele übernehmen diese, weil sie es nicht besser machen könnten und die Sache entwickelt sich in der BloggerInnen eigenen Geschwindigkeit rasend schnell.

Und genauso schnell tauchen erste Stimmen auf, die anmahnen, dass Solidarität nur der verdient hat, der einwandfrei handelt und dass BloggerInnen aufpassen müssen, dass sie sich nicht instrumentalisieren lassen. Man müsse, so wird doziert, alle Seiten berücksichtigen und erst die Quellen prüfen. Die spontane Solidarität zu der die BloggerInnen hier fähig sind, wird als „Rudelbildung“ und „Sautreiberei, um des Sauetreibens Willen“ abgewertet oder wahlweise BloggerInnen, die sich solidarisieren ohne viel eigene Worte zu machen, unterstellt, dass sie nur auf den Zug aufspringen wollen, um irgendwas von irgendeinem Ruhm abzuschöpfen. Und schließlich, soll man sich, bitte schön, besser nicht dabei amüsieren, wenn man so eine Welle lostritt, von wegen Profilierungssucht und dergleichen. Blos niemanden vor den Kopf stoßen, wenn wir auch nur im Unrecht sein könnten oder der leisteste Zweifel besteht, halten wir lieber die Klappe und kümmern uns um unser Mittagessen. So funktioniert es nicht.

Es ist mir unbegreiflich, wie das hier funktioniert. Alle starren nach Frankreich, wo die Postämter geschlossen haben und die Leute, die kein Bargeld mehr holen können, sagen, ist okay, dann lass ich halt anschreiben, ist ja schließlich wichtig. Und unsere Medien? Alles was ich heute Morgen zu hören bekam, waren die Ausschreitung am Rande der Kundgebungen. Darüber, wie viele insgesamt dort demonstriet haben, wer friedlich war (ich weiß, ist eine alte Geschichte aber es regt mich immer wieder auf) und ob es vielleicht immer mehr werden habe ich nichts zu hören bekommen..

Fehlt dem Durchschnittsdeutschen das Solidaritäts-Gen oder ist er nach 10 Jahren intensiver Bearbeitung durch neoliberale/konservative Elemente so sehr gehirngewaschen, dass er nichts merkt. Kann er das Wort Solidarität nur noch buchstabieren?

Ich sag es noch mal mit anderen Worten: Meinungsfreiheit wurde uns nicht von Bismarck geschenkt, weil wir so ein liebes Volk, genauso wenig wie die Arbeitnehmerrechte von den Unternehmern, weil wir so fleißig waren.

Wie bei don alphonso nachzulesen ist, brauchen Medien, die mangelhafte Recherche anmahnen, selbst eine Anleitung dazu. Vielleicht ist es ja bei den Medien nicht angekommen, dass es beim Streik im Öffentlichen Dienst nicht um 18 Minuten, sondern um die Vernichtung von tausenden von Arbeitsplätzen geht, ohne dass eine angemessene Alternative dafür zur Verfügung steht. Okay, wer das glaubt, der glaubt auch noch dass tatsächlich ein alter Mann mit weißem Rauschebart irgendwo am Nordpol lebt.

Ich schließe mich Jens Scholz an, bleiben wir solidarisch, bitte, bitte. Und achten wir aufeinander. Sicherlich könnte es auch die falsche Sau erwischen. Wobei ich allerdings nach meinen Erfahrungen wenig Angst davor habe, weil für eine so große Solidaritätswelle, wie wir sie gerade erlebt haben, eine Unmenge BloggerInnen beteiligt sein müssen, da kommt eine Menge Wissen und Kompetenz zusammen, die auch als Filter funktioniert. Und sicher möglicherweise findet sich ein findiger Mensch, der es schafft diese immense Potential an Wissen, Kompetenz, Intuition, Erfahrungen usw. zu manipulieren aber sollen wir deshalb aufhören uns solidarisch zu verhalten?

7 Antworten zu “Solidarität buchstabieren

  1. Manueller Trackback

    […]
    Der Batzlog Podcats für Woche vom 27.03.2006:

    Das Batz berichtet live aus dem Blogkrieg als Embedded Journalist

    -Sondermeldung: Abmahnistan erklärt den Krieg
    –-Special mit Schaltungen zu Korrespondenten im Krisengebiet
    –-und Experteninterviews.[…]

    http://www.nochetwassalz.de/batzlog/2006/03/29/batzlog-podcast-7-kriegsbericht/

  2. Pingback: Bleiben wir solidarisch und achten wir aufeinander

  3. hallo somlu,

    „Fehlt dem Durchschnittsdeutschen das Solidaritäts-Gen oder ist er nach 10 Jahren intensiver Bearbeitung durch neoliberale/konservative Elemente so sehr gehirngewaschen, dass er nichts merkt. Kann er das Wort Solidarität nur noch buchstabieren?“

    hm. ich fasse das jetzt mal als eine gewollte rhetorische zuspitzung auf ;-) , weil ich weder dem einen noch dem anderen grund zustimmen könnte.

    die gründe für dieses in diesem land besonders ausgeprägte verhalten (hieß früher mal „radfahrermentalität“ – nach oben buckeln, nach unten treten) sind imo durchaus nachvollziehbar – gab neulich mal einen thread im elo-forum

    http://www.elo-forum.org/forum/ftopic7144.html

    in dem es u.a. genau darum ging. und ich sehe bis jetzt weit und breit auch keine plausibleren erklärungsansätze als die, die dort zum ende thematisiert werden.

    was nun diese aktuelle geschichte um „transparency international“ angeht und die reaktionen in vielen blogs – ich weiß nicht, finde ich irgendwie – befremdlich. klar, der konkrete „fall“ stellt für diese – mir bisher nicht bekannte – ngo kein ruhmesblatt dar. aber ich frage mich auch erstens, ob auf einmal so ziemlich alles vergessen ist, was über das funktionieren von und innerhalb kapitalistischer strukturen bekannt ist? diese ngo strebt meines wissens keine grundsätzlich andere gesellschaft an, sondern bestenfalls einen etwas „humaneren“ ablauf der üblichen geschäfte, deren mechanismen sie sich auch selbst unterwirft. so what? falls die auslösende blogautorin nun irgendwelche juristischen schwierigkeiten bekommt, ist es natürlich erfreulich, wenn sie entsprechend fachliche hilfsangebote bekommt. kein thema.

    aber was die sog. blogosphäre daraus macht, ist imo schlicht unangemessen – ich kann den eindruck nicht loswerden, dass hier rein symbolische kämpfe stattfinden. die derzeitigen realitäten enthalten derartig viele grausame, entsetzliche und bedrohliche inhalte, dass mir ein derartiges engagement wie im fall „ti“ einfach als völlig verfehlte prioritätensetzung erscheint.

    ob es sich um den begrüßenswerten boykottaufruf gegen coca-cola handelt und die dahinter stehenden hochgradig antisozialen aktionen dieses konzerns, ob es die rapide soziale eskalation von „oben“ ist, die vielen symptome eines zerfalls des sozialen undundund.

    und dann wird auf einer geschichte herumgeritten, die vermutlich in diesem land unzählige pendants aufweist. und einer ngo kann die zunge herausgestreckt werden – „ätsch, ihr genügt euren eigenen ansprüchen ja gar nicht“. auf wie viele solcher institutionen trifft das vermutlich noch zu? eben. und was ist mit der – hm, aufdeckung dessen eigentlich gewonnen? die presse interessiert sich? na toll. wie sich hier die größten teile der presse meistens interessieren, sollte eigentlich allgemein bekannt sein – die stehen auf pseudopersonalisierung von sozialer geschichte, und wenn dann noch einer sich selbst als besonders ethisch stilisierenden organisation was „mitgegeben“ werden kann, umso besser. warum greift wohl ein erzreaktionäres blatt wie „focus“ eine solche geschichte auf?

    das blog ist für mich mittel zum zweck – eine form, um inhalte zu vermitteln, die mir überall anders entschieden zu kurz kommen (bzw.: die erst gar nicht „offiziell“ existieren). und ich mache mir bei den derzeitigen machtverhältnissen keinerlei illusionen darüber, wie mit der „ware information“ normalerweise umgegangen wird.und ich vermisse einfach bei vielen ein bewußtsein darüber, dass auf virtueller ebene eben hauptsächlich inszenierungen von realität stattfinden – das liegt imo sozusagen in der natur der sache.

    aber die entscheidenden auseinandersetzungen finden in non-virtuellen räumen statt -alles andere kann möglicherweise – und bestenfalls – hilfreiches beiwerk sein. und diese meiner meinung nach realistische einschätzung der eigenen – virtuellen – bedeutung fehlt mir in dem fraglichen beispiel an zu vielen stellen.

    liebe grüße
    mo

  4. Mensch, somlu,
    mit Deinem Artikel kommst Du aber reichlich spät! War etwa die Notwendigkeit, den Deutschen den Kern ihres Staatswesens – also die Solidarität oder das Soziale – schon buchstabieren zu müssen, nicht bereits im Juli 2004 namensgebender Grund für mein Weblog „so-zi-al“?!!! Der Website-Link für zu meiner Über-Seite.

    Obwohl Albrecht Müller in seinem neuen Buch „Machtwahn“ ähnliche Phänomene beschreibt und obwohl Du Dich hier zurecht über Entwicklungen aufregst, die über den bloßen Verlust des Solidaritätsgedankens hinaus gehen, kommt Euch beiden nicht das Wort über die Lippen, das die Situation treffend beschriebe. In meinem eigenen Blog habe ich daher den Ton verschärft. Es handelt sich nämlich um nicht mehr und leider auch nicht weniger als um den greifbaren Faschismus!

    Wenn der Staat sich so massiv in die Lebensgestaltung von Menschen einmischt wie etwa, wenn ein Amt über den Auszug von jungen Erwachsenen (bis 25) aus ihrem Elternhaus bestimmen kann, nur weil diese jungen Menschen arbeitslos zu sein belieben, was wiederum in den allermeisten Fällen eine Konsequenz staatlicher Verantwortungslosigkeit ist, dann kann man dies nur Faschismus nennen. Das hätte ich bei Hartz IV an sich schon gesagt, aber voreilig wollte ich nun auch nicht sein. Wenn dann auch noch der Gewerkschaft auf Kosten der Steuerzahler und unter Hinweis auf den verantwortlichen Umgang mit dem Geld der Steuerzahler, während die wirtschaftlich kontraproduktive Arbeitszeitverlängerung (bei gleichem Gesamtarbeitsaufwand!) zu einer Verlust an Tausenden von Stellen führen würde und man mithin einen verantwortungslosen Umgang mit dem Steuerzahler selbst konstatieren muss, ein mehrwöchiger Streik aufgezwungen wird, der weite Teile des öffentlichen Lebens lahmlegt, dann wird klar, dass wir vom Faschismus nicht mehr weit enfernt sind.

  5. Auch ich teile die Bedenken zum Fall Transparency International Deutschland nicht. Hier wird keine „Sau durch Klein-Bloggersdorf getrieben“ – wir wehren uns mit Händen und Füßen gegen jede Einschränkung der freien Meinungsäußerung. Wehret den Anfängen!
    Und selbst wenn: SO falsch kann die Sau gar nicht sein, wenn einer Bloggerin/einem Blogger ein Anwaltsschreiben ins Haus flattert wegen eines Weblogartikels. Da heißt es zurückschlagen!
    ICH hätte das Posting übrigens NICHT gelöscht. ICH hätte den Anwalt ausgelacht!

  6. Solidarität kann, m.E., nur aufkommen, wenn man die Position der Gruppe versteht, mit denen man sich solidarisieren soll oder will. Nicht leicht in einem Land, in dem die Berichterstattung der Medien nur eine Seite des Standpunktes darstellt. 18 Minuten länger arbeiten am Tag, das ist ja nicht die Welt. Nicht bedacht wird aber der Punkt, dass diese 18 Minuten ohne Erhöhung der Bezahlung geleistet werden sollen. 90 Minuten pro Woche, um die es hier geht. 40 statt 38,5 Stunden. Bei gleichem Gehalt. Setze ich nun mathematisch 38,5 Stunden als 100 Prozent Gehalt an, dann soll ich 3,9 Prozent mehr arbeiten. Oder auch, anders ausgedrückt, 3,9 Prozent weniger verdienen, also einer Lohnsenkung zustimmen. Addiere ich die aktuelle Teuerungsrate von gut 2 Prozent (siehe http://www.foerderland.de/419+M5a2ddba4e6f.0.html), so komme ich auf einen Verlust von knapp 6 Prozent. So stellt man das in den Medien natürlich nicht dar.
    Auch die Erweiterung der Probezeit auf zwei Jahre findet hier kaum Beachtung. Realistisch betrachtet kann sich kein Arbeitnehmer längerfristig in Sicherheit wiegen und entsprechende Planungen, sei es nun Umzug oder Familiengründung, machen. Findet beispielsweise ein Arbeitnehmer aus Hamburg, herausgerissen aus seiner sozialen Umgebung, in München eine Arbeitsstelle, so kann er sich für 2 Jahre nicht sicher sein, wie es dort weitergeht. Ergo wird er sich überlegen, eine Wohnung (Kündigungsfristen!) anzumieten, seinen Lebensmittelpunkt nach München zu verlegen. Denn 2 Jahre Probezeit bedeutet auch 2 Jahre Kündigungsfristen von 14 Tagen. Und diese ohne Begründung, daher auch vor Arbeitsgerichten nur sehr schwer einklagbar. Gehaltserhöhung in diesen 2 Jahren? Wohl eher Fehlanzeige. Urlaub? Da gab es doch mal den Passus von wegen Während der Probezeit herrscht Urlaubssperre. Na ja, aber man regt sich nicht auf, da man es ja häppchenweise vermittelt bekommt, dass dies der einzig gangbare Weg sei.

    Es ist und bleibt schlimm.

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