Rudelbildung

Ich erinnere mich noch an den letzten Streik an der Uni, an dem ich teilnahm. Es war der Streik bei dem sich sogar die Studierenden der Wirtschaftswissenschaften anschlossen und ihren Fachbereich für immerhin ein paar Tage dicht machten, womit das Vorlesungsgebäude erstmals bei einem Streik vollkommen bestreikt wurde. Wer Unistreiks kennt, kann ermessen welch singuläres Ereignis das darstellte. Der „Turm“ (ja klar, welches Gebäude sonst) war sowieso blockiert, das war noch bevor er wegen Baumängeln für die breite Masse geschlossen wurde. Auch wurde auf den Fluren vor den Räumen des Universitätspräsidenten genächtigt. Es gab Vorlesungen von Professoren auf öffentlichen Plätzen, unter anderem auf großen Straßenkreuzungen aber vorzugsweise in B-Ebenen, denn es war Winter und saukalt. Über Wochen standen hunderte bis tausende Studierende trotz bitterer Kälte jeden Morgen auf dem Campus um an den Vollversammlungen teilzunehmen. Viele Vorlesungen und Seminare, die weiterhin stattfanden, teilweise an anderen Orten, schwenkten inhaltlich auf Inhalte des Streiks um. Ich erlebte viel unterhaltsames als Mitglied einer studentischen Delegation bei dem großen Mittelständler, auf dessen Parkett angeblich das Herz des Kapitalismus schlägt. Schließlich traten Vorstand und Geschäftsführung persönlich an, um uns, bei Kaffee und Teilchen auf der Vorstandetage zu erklären, warum BA und MA Studiengänge für sie interessant sind. Man versuchte sogar mit mir zu flirten, weil bei ihnen auch Geisteswissenschaftlerin, wie ich, eine Zukunft hätten. Ich habe viel gelacht und lehnte ab. Schließlich spendierten sie so was um die 27 Workstations für die Universität, die heute in der Stadt- und Universitätsbibliothek stehen.

Nachdem deutlich wurde, dass dieser Streik sehr viele Universitäten der Republik erfasste, meldete sich der ein oder andere sogenannte 68er zu Wort, die uns mit so freundlichen und unterstützenden Worten in den Rücken fielen, dass wir ja viel zu unpolitisch
wären, wir kein politisches Gesamtkonzept hätten und es uns letztlich nur ums Geld gehen würde. Damit disqualifizierten sie sich in ihrer grenzenlosen Borniertheit was ihre eigene Vergangenheit und unsere Gegenwart anging. Zumindest wir zuckten mit den Schultern und machten weiter. Ich kenne diese Sprüche von den glorreichen 68ern direkt aus meiner Familie und weiß exakt, was davon zu halten ist. Ich bedanke mich an dieser Stelle auch mal öffentlich für die großartige Selbstbeweihräucherung dieser Idioten. Danke für die großartige Unterstützung, an Widerstand soll man ja angeblich wachsen.

Es war ein großer Streik, er beschäftigte wochenlang die Öffentlichkeit, trotzdem sprang der Funke von den Universitäten nicht über in andere Bereiche der Gesellschaft, obwohl es uns gelang die Streik über die Unterbrechung durch Weihnachten am Leben zu erhalten. Hätten sich damals die Gewerkschaften angeschlossen…. Na ja, man darf ja mal träumen.

Die Koordination war äußerst dezentral. Man traf sich Abend in einer Art Plenum, jeder konnte kommen und dort wurde zusammengetragen, was den Tag gelaufen war und was man für den nächsten plante. Meist waren so um die 50 Personen in wechselnder Zusammensetzung anwesend und auch der Ablauf war eher informell als irgendwie strukturiert. Mir gefiel das, keiner und keine die mit ihrem Gesicht vorne stand. Keine StudentenführerInnen, sondern jede Menge Leute, die tatsächlich etwas machten. Das war etwas besonderes, keine langweiligen Tagesordnungen, keine Vorsitzender und Kassenführer, niemand wurde gewählt und auch nach einigen Wochen kristallisierte sich kein dieser Strukturen heraus. Soweit ich das wahrnehmen konnte, profilierte sich niemand über seine eigentlichen Aktivitäten hinaus.

An irgendeinem dieser Abende tauchte eine Journalistin einer großen Frankfurter Tageszeitung auf. Leicht irritiert über die Unstrukturiertheit der gesamten Situation, rang sie sich schließlich zu der Frage durch, wer denn hier die Person sei, die das ganze anführe? Wir haben sie nicht ausgelacht, zumindest die meisten von uns. Aber je mehr wir versuchten zu erklären, wie das hier ablief, desto verschleierter wurde der Ausdruck ihrer Augen. Ich konnte es fast auf ihrer Stirn lesen, dass sie uns nicht glaubte, dass es nicht sein konnte, was in Deutschland nicht sein darf. Das war ja fast schon Anarchie. Wir gründeten keinen Verein, wir machten einfach und auf diese Weise hatte sich einer der größten Unistreiks der vergangenen Jahrzehnte entwickelt. Sie diagnostizierte uns ebenfalls mangelnde politische Programmatik und hatte nichts verstanden. Dieser Teil des Streiks blieb mangels Erwähnung der breiten Masse verborgen. Man kann es auch Rudelbildung nennen.

Advertisements

5 Antworten zu “Rudelbildung

  1. Ist echt zum Schmunzeln, Deine kleine Abrechnung mit den väterlichen/mütterlichen 68ern. :-)

    Ein dezentral koordinierter Streik ohne StudentenführerInnen ist sicher sehr pragmatisch, aber eine große Öffentlichkeitswirkung wurde damit offensichtlich nicht erreicht. Auch deshalb, weil die „Gesichter“ fehlten, an denen die Medien ihre Berichterstattung festmachen konnten. Deshalb war die Journalistin auch so irritiert; passte einfach nicht in ihre Welt.

    Wenn ein Ziel des Streiks das Erreichen einer breiteren Öffentlichkeit war, hätte man sicher mit etwas Planung auf der P.R.-Seite mehr erreichen können. Und die Gewerkschaften haben eben auch ihre Hierarchien, die richtig „bedient“ werden wollen.

  2. Soweit ich mich erinnere, erreichten wir eine ziemlich breitere Öffentlichkeit, aber studentische Streiks lassen sich immer gut marginalisieren. Das die Dinge, gegen die wir damals protestierten ein Teil eines Ganzen sind und die gesamte Gesellschaft betreffen, dass wurde nicht rübergebacht, wie auch immer das im Einzelnen abgelaufen ist. Es lag sicher nicht an der mangelden Präsenz von Studierenden und Inhalten.

    Was die Gewerkschaften angeht, da dieser STreik sich über wochen in den Medien hielt, hätten sie wirklich jede Gelegenheit gehabt aber damals waren sie noch zu sehr mit ihren Stillhalteabkommen beschäftigt und die New Economie zeichnet sich schon am kalten Wintermorgen ab.

    Wäre ja mal ein Thema für die Medien gewesen, genau das herauszuheben, dass es eben keine „Gesicher“ gab.

  3. Medien sind eben auch nur Menschen ;-). Denen könnte schon mal ein brennender Dornbusch in die Fresse fliegen, ohne dass sie merkten, worum’s geht.

  4. (OT) Somlu, könntest du mich mal anmailen? Ich habe leider alle e-Mailadressen „verloren“ und klaube sie mir jetzt wieder zusammen. Ich wollte dich nämlich was fragen….

  5. Pingback: Martina Kausch : Blogger werden langsam seriös…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s