Das Erwartbare

Da treffen sich die mächtigesten Staatschefs der WeltStaatschefs von 8 Nationen, repräsentierend 13 Prozent der Weltbevölkerung, um das künftige Schicksal der 100 Prozent zu verhandeln (diese Forumlierung ist geklaut), in einem kleinen Badeort an Deutschlands Ostseeküste, ein Zaun wird gezogen, Grundrechte eingestampft und natürlich kommt es zu Demonstrationen. Ich war leider das vergangene Wochenende in anderer Sache unterwegs und konnte gerade mal die 20:00 Uhr Nachrichten am Samstag schauen. Schon diese Berichterstattung hinterlies in mir die selbe Wut und Hilflosigkeit, wie es mir bei der Berichterstattung über solche Ereignisse immer hochsteigt. Da waren Zehntausende auf der Straße und über was wird berichtet? Ja klar, die bösartigen, organisierten (handynutzenden) „Autonomen, die sind jetzt schuld:

Schuld daran, dass anderen, die was zusagen haben, nicht zugehört wurde (Wie praktisch), dass die Medien und der Staatsapparat gar nicht umhin konnten als darauf hinzuweisen, dass dies kein demokratischer Austausch von Argumenten wäre. Ach ne, demokratischer Austausch von Argumenten? Mit einem Zaun und einer kilometerbreiten Bannmeile dazwischen? Und die Medien, die fleißig die Objektive draufhalten. Wieso nicht ein Bericht der Art „Es demonstrierten Zehntausende und am Rande gab es Ausschreitungen“ so oder so ähnlich. Jetzt lamentieren alle über das Erwartbare. Dafür geht mir jedes Verständnis ab. Am Rande solcher Veranstaltungen hat es immer Ausschreitungen gegeben und wer die ausgelöst hat, darüber lies sich auch schon vor 20 Jahre oft nur spekulieren. Was das Thema „Deeskalation“ angeht. Ich habe solche deeskalierenden Strategien der Sicherheitsbehörden oft genug erlebt. Im Kessel laufen zwischen voll ausgerüsteten Sicherheitsbeamten, die erwartungsvoll den Schlagstock spielen lassen. Ist ja nicht so, dass da Blumen verteilt werden. Oder mal schnell den Strahl des Wasserwerfers auf friedliche Demonstranten halten und wenn dann die Sanis der „Autonomen“ zu Hilfe eilten, die ganze Demo aufreiben und als „Autonomenaktion“ diskreditieren. Alles schon erlebt.

Also der erste Reflex, das Erwartbare aufblasen, im mehr Raum geben als nötig. Dann kommt der zweite Reflex, die Reaktion der anderen Seite, die sich betroffenen Blickes von den „Ausschreitungen“ distanziert und beklagen, dass jetzt denen die was zu sagen hätten, nicht mehr zugehört werde. Habe ich irgendwas verpasst oder ist der Gipfeltreffen der G8 Staaten von Freitag auf Samstag plötzlich zu einem offenen Diskussionsforum geworden? Liebe Leute, der Zaun, die Bannmeile, die Durchsuchungen im Vorfeld und darüber hinaus, das gesamte politische Klima, sind ein starker Hinweis darauf, dass von Seiten der Mächtigen dieser Welt kein Interesse an einer offenen Diskussion besteht. Es ist also egal was passiert wäre, die Argumente der Gegenseite wären so oder so verhallt. Wer war Anfang der 80er dabei, als nicht nur Zehntausende sondern Hunderttausende bis über ein Millionen auf der Straße waren, friedlich? Erinnert sich noch wer, was danach passiert ist? Nein? Seht ihr das liegt daran, das nicht viel passiert ist. Ich erinnere mich noch und ich war noch vorpubertär als ich damals meine Lektion gelernt habe. Das Argument, dass die „Autonomen“ für die Grundrechte in Gefahr bringen, ist ein Witz. Schon die Vorgänge im Vorfeld des G8-Treffen haben gezeigt, wer die Grundrechte abschaffen will. Von den schon länger laufenden Maßnahmen im Rahmen der sogenannten Terrorbekämpfung mal ganz zu schweigen.

Was mich vor allem an dieser Reaktion ärgert, die gleichen Leute, die neidglühend vor zwei Jahren nach Frankreich blickten als dort die Vorstädte brannten und heiße Diskussion über das träge Stimmvolk hier im Lande führten, distanzieren sich jetzt eiligst, um sich für die Mächtigen gesprächbereit zu zeigen. Was für mich nichts anderes heißt, als dass die Mächtigen ihre Gegner schon im Sack haben. Die müssen Ihre Kritiker nicht ernst nehmen, denn diese, sofern sie sich in diese „Distanzierungwelle“ unhinterfragt einreihen, haben die Maßstäbe derer, die sie kritisieren zu eigen gemacht. Überzeugender kann das Versagen einer Gegenöffentlichkeit überhaupt nicht ausfallen.

Ich rede hier überhaupt nicht davon, dass ich gewalttätige Ausschreitungen befürworte. Wenn ich aber so beobachte, wie nach und nach die Demokratie oder zumindest die Annäherung einer Gesellschaft an das was, man unter Demokratie verstehen könnte, zerstört wird, im Namen irgendwelche Notwendigkeiten jenseits von Mitgefühl und Gerechtigkeit, dann kann ich manchmal ganz tief unten eine heiße Wut spüren. Und ich frage mich dann jedes Mal, wem es alles noch so geht und wohin das führen wird. Ja,es hätten diesmal, wie so viele Male, Millionen sein müssen, die dann vermutlich einfach durch den Zaun hätten gehen können aber das ist leider nicht passiert.

Einige Anmerkungen zur Bewertung der „größten Ausschreitungen, die es in der Republik je gegeben hat“, denen ich nur zustimmen kann, finden sich bei Che. Dann gibt es noch diesen bedenkenswerten Beitrag.

Nachtrag: Für alle, die meinen sich von dem, was in den Medien wiedergegeben wurde, distanzieren zu müssen, ein kleiner Hinweis. Medienkritik bedeutet die Medien und ihre Berichterstattung kritisch zu hinterfragen. Bei der Berichterstattung über solche Ereignisse gilt dies um so mehr, weil genug Erfahrungen existieren, wie sowas inszeniert wird!

NachtragII: Der Konsumblog sammelt interessante Links und Beiträge zur aktuellen Diskussion.

Nachtrag III: Einige Anmerkungen zum Thema: Gewalt(monopol)

Nachtrag 5.6.: Hier ein guter Beitrag, der ein paar Fragen stellt.

Nachtrag 6.6: Interessante Auflistung bei monoma drüben, wider der Geschichtklitterung

4 Antworten zu “Das Erwartbare

  1. Und so sehr das sattsam bekannt ist, ist es ein Rückschritt gegenüber der Situation in den 80ern, als es zumindest auch Stimmen gegen die Spaltungsteile gegeben hat. Ich erinnere da an Robert Jungk in Hanau.

  2. Auf welchen Teil bezieht sich Dein „es“?

  3. Pingback: Konsumblog.de

  4. ES bezieht sich auf die Diskussionskultur in der Linken bzw. den Umgang oder nicht Umgang mit eilfertigem Distanzierungsdruck. In der Praxis sieht es ja so aus, dass da ein paar Wildgewordene, möglicherweise sogar Agent provocateurs, den Riot vom Zaun brechen, und die Distanzierung läuft dann gegen sämtliche Autonomen/Antifas/Interventionistischen, die damit eigentlich nichts zu tun haben.

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