Hase und Igel

Im WDR bringen sie Bilder von den Demonstrationen bei Heiligendamm. Da scheint das vorzugehen, was ich mir als sinnvolle Strategie vorstelle. Völlig dezentral und querfeldein maschieren die Demonstrierenden auf den Zaun zu, von dem sie sich fernhalten sollen. Autobahnen, Zufahrtsstraßen und Bahnstrecken sind blockiert und die Polizei weiß nicht so genau was sie machen soll, wenn sie sich in Bewegung setzen, weichen die Demonstrierenden einfach aus. Die Wasserwerfer können nicht folgen. Sehr schön, bitte mehr davon.

Um das Bild zu vervollständigen. Natürlich haben die Berichterstatter nicht vermieden von der „bedrohlichen Atmosphäre“ angesichts einem Haufen buntgekleideter Menschen in Wald und Wiese zu zu sprechen und so einen holländischen Kameramann danach zu befragen, ob er Angst habe. Wie schon weiter unten beobachtet, scheinen die Medien vor Ort auf bürgerkriegsähnliche Zustände zu hoffen. Eine bunte Truppe in Feld und Fluren, die es nicht auf Ärger ankommen lässt, sondern friedlich ihrer Wege geht, dafür fehlen in dem Koordinatensystem der Reporter wohl die Worte.

Ich habe mir mal diese Bildstrecke angeschaut, besonders beachtenswert sind die Bildunterschriften. Nur zwei Beispiele: unter Bild vier steht: Teilweise müssen die Demonstranten regelrecht weggespült werden. und unter Bild 10 Demonstanten marschieren entlang einer Bahnstrecke zum Absperrzaun, der das Hotel Kempinski in Heiligendamm für die Zeit des G8-Gipfels sichert. Für vermeintlich gute Stimmung sorgen Musiker, die Samba spielen.. Wieso „müssen“ die Demonstranten weggespült werden? Wieso sorgten die SambaspielerInnen für „vermeintlich“ gute Stimmung. Mir ist auch die Verwendung des Terminus „Randalierer“ aufgefallen. Bei einigen Bildern konnte man schon den Eindruck gewinnen, dass es sich um bürgerkriegsähnliche Zustände handelt, vor allem bei den KampfEinheiten in voller Ausrüstung mitten im Feld. Vermutlich steht morgen irgendwo, dass da irgendwelche Chaoten randalierend die Ernte vernichteten oder so. Das ist kein Journalismus, wie ich ihn mir wünsche. Weniger tendenziöse Formulierungen wären eindeutig angebrachter!

Eben im ZDF: Bericht aus einem der Camps. Der Sprecher erklärt, dass sie, nach dem doch einige Interviews geführt wurden, aus dem Camp gedrängt wurden und findet die Erklärung, dass sie das verstehen müssten, die Medien im Allgemeinen doch sehr tendenziös berichterstatten, sehr einfach. Schlußbemerkung, die Menschen im Camp machen sich ihre eigenen Regeln, die Polizei hätte da keinen Zugriff darauf. Nun ja, wen soll dass überraschen. Ich schau jetzt gleich ne amerikanische Krimiserie, da brauche ich mich nicht zu ärgern, da weiß ich, was ich bekomme und erwarte auch keine journalistische Professionalität.

Nachtrag: Welch armselige Leistung die Medien bisher bei der Berichterstattung über die Ereignisse rund um Heilgendamm die Tage erbracht haben, kann man hier schön zusammengefasst nachlesen.

Nachtrag II: Bei indymedia gibt es einen Ticker, der die ganze Sache von der anderen Seite darstellt.

Nachtrag III: Die Darstellung im RTL Nachtjournal ist ohne Worte. Seit Minuten nur „Randalebilder“. Kaum Bilder, die freidliche DemonstrantInnen zeigen und wenn, wird es nur in Bezug auf mögliche oder geplante Gewalttätigkeiten interpretiert. Lediglich ein paar Polizisten werden gezeigt, die sich so die Stimme aus dem Off um Deseskalation bemühen. Irgendwelche Inhalte sonst? Bisher Fehlanzeige. Eine Schande ist das, richtig peinlich.

8 Antworten zu “Hase und Igel

  1. etiennerheindahlen

    n-tv lief vor einer Viertelstunde zur Höchstform auf: Reporter Carsten Lueb mitten in einer Gruppe von ca. 200 Demonstranten, die offenbar „wie aus dem Nichts“ innerhalb der „Bannmeile“ bei Hinter Bollhagen auftauchten. Konsequenz war zwar Räumungsaufforderungen, a bisserl Wasserwerfer, das bei Blockaden übliche Wegtragen/-zerren von Demonstranten und sichtlich nach mehr Action fiebernde n-tv’ler…Bis dann leider leider die Werbung der Live-Schalte ein Ende setzte und die „Börsen am Abend“-Aktienzocker-Promotionsendung das Thema Heiligendamm, G 8 und Protest wegwischte.

    Mehr zum Thema Berichterstattung über G 8 und die Weltmeinungen gegen diesen „Club“ auf
    http://etiennerheindahlen.wordpress.com/2007/06/06/nachrichten-sender-n-tv-und-informationsvielfalt

  2. Pingback: MedienGAU Rostock [Update III] - Der Spiegelfechter

  3. Pingback: Konsumblog.de

  4. Als ich heute mit bekam, dass man ein Greenpeace-Schiff außerhalb des Sperrgebietes anhielt und durchsuchte, den Heißluftballon beschlagnahmte und bis auf EIN Schlauchboot alle fahruntüchtig machte, da wusste ich wieder von wem die Provokationen ausgehen und wer da den ersten Stein geworfen hat. Aber ob man diese Aktion irgendwo in den neoliberal gleichgeschalteten Medien finden wird, ist wohl fraglich. Wenn ja denn wir die Meldung sicher so lauten:
    „Greenpeace-Attacke gegen G8-Gipfel verhindert.
    Die selbsternannte Umweltorganisation hatte sich zur Vorbereitung einer Attacke auf den G8-Gipfel auf einem vor der Küste kreuzenden Schiff verschanzt. Die Aktivisten hatte mehrere Schnell-Boote und Luftschiffe vorbereitet um von Seeseite eine Invasion zu starten. Im Gegensatz zur Invasion in der Normandie war die deutsche Wehrmacht diesmal vorbereitet….“ ups ich schweife wohl ab, da ist mir der Gaul duchgegangen.
    Cers

  5. Lottoqueen

    ALGIER/BERLIN/HEILIGENDAMM Gipfelgeflüster – alle die Zweifel haben sollten mal hier lesen was da im Hintergrund abgeht.
    http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/56873
    ARD, ZDF übernehmt und berichtet..

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