Nicht der schwarze Mann im Dunkeln

Die Diskussion hier bei Momorules hat bei mir spontan einiges unsortiertes zum Thema Faschismus hervorgerufen. Eine Materie, die mich kontinuierlich beschäftigt, die mich aber immer wieder vor Probleme stellt, vor allem sprachlicher Natur. Wenn ich im Folgenden von den „Angepassten“, „Strebsamen“ und „Unauffälligen“ spreche, ist mir bewusst, dass jeder einzelne Mensch als Individuum so nicht gesehen werden sollte. Jeder und jede hat seine/ihre Geschichte und welche Entscheidungen jedeR treffen musste, um sein Leben so zu leben, wie er oder sie es tut, habe ich nicht zu bewerten. Dennoch muss ich über Tendenzen sprechen können. Dünnes Eis auch gerade hier in Deutschland.

Faschismus ist deswegen eine so so gefährlich Strömung in unserer Gesellschaft, weil er direkt aus der „Mitte“ der Gesellschaft kommt. Kennzeichnend für ihn ist eine Normalisierung des Unmenschlichen. Es gibt keinen Menschen, der wirklich das Gefühl hat, jeder Norm zu entsprechen. Der sogenannte „Kleinbürger“, der in meinen Augen dem Ideal des Angepassten, Strebsamen, Unauffälligen am nächsten kommt, wird auf gründliche Nachfrage zumindest seine Angst äußern eben gegen diese Norm zu verstoßen. An dieser Stelle spielt die Abgrenzung von all jenen, die als anders und fremd wahrgenommen werden als Selbstvergewisserung eine zentrale Rolle und dort kann sich das Unmenschliche dann mit voller Gewalt entfalten.
Gefährlich aber ist die „Normalisierung“ aber auch deswegen, weil auch ein Prozess der Verinnerlichung bestimmter Setzungen für das „Normale“, auch bei eben jenen, die selbst nicht der „Norm“ entsprechen, eintreten muss. Einher geht dies aber auch damit, dass diese Menschen die Abwertung und Zuschreibungen für sie angenommen und verinnerlicht haben. Erwerbslose, die genug „echte“ „faule“ Erwerbslose kennen und sich darüber stundenlang aufregen können, die versichern müssen, nicht zu „denen“ zu gehören, Oft genug geht es damit einher, dass das Selbstwert und -bild an das propagierte Ziel „Arbeit aufnehmen“ gekoppelt sind. Dass sie selbst ihr Selbstwert und -bild davon abhängig machen. Als würde ihnen eine Stimme in ihnen den bösartigen und vernichtenden Urteil von außen recht geben. Ich kenne Schwule und Lesben, die mir erklärt haben, dass sie zu „schwules“ bzw. „lesbisches“ Auftreten selbst verabscheuen und öffentliche Zuneigungsbekundungen Schwuler und Lesben widerlich finden. Ein Effekt der Normalisierungstendenzen.

Es wird deutlich, es geht nicht um Vielfalt und Unterscheidbarkeit. Wenn das „Arbeitsame“, „Angepasste“ und „Unauffällige“ zu Maßstab wird und der Begriff von Akzeptanz und Solidarität mit einer rigiden Grenze versehen wird, nämlich nur noch dort Akzeptanz und Solidarität zu gewähren, wo Normalisierung und Unauffälligkeit stattfinden, kommen wir in Bereich des Faschismus. Wenn dieser Prozess mitten durch die Bevölkerungsgruppen geht, die ein Interesse an Vielfalt haben müssten, bekomme ich Angst. Denn es ist klar, die „Normalisierten“ werden sich keinesfalls hinter Menschen stellen, die, aus welchen Gründen auch immer, unangepasst erscheinen. „Selbst schuld“ klingt es durch die Gassen. Zumal Anpassung an von außen gesetzte Normen zumeist mit einer Deformierung des Selbst einhergehen. Der Eigenausdruck wird geopfert. Das erzeugt Wut und Hass, der sich häufig genug in der Feindseligkeit gegenüber allen ausdrückt, die nicht angepasst und normalisiert wirken. Die letztere Formulierung ist mir wichtig. Denn von außen und aus der Position der eigenen Anpassung heraus kann man schwerlich beurteilen, welche Anpassungsleistungen das Gegenüber geleistet hat. Das ist wohl auch die Krux. Aus der eigenen Position heraus überhaupt noch wahrzunehmen, dass der Unterschied zum Gegenüber sich lediglich im Anderssein erschöpft und eben nicht im „Falschsein“.

Dieses „Falschsein“ allerdings, erscheint mir eine zentrales Erbe der deutschen Nachkriegsgenerationen. Bloß nichts falsch machen, die Schuld und das eigenen Trauma nicht anrühren und aufpassen, dass man nicht aneckt, wie die „Radikalen“. Damals die Rechtsradikalten, heute überhaupt alles was den Geruch des Radikalen an sich hat. Dort hat sich der Faschismus seinen Winterschlaf gehalten. Im Begriff des Radikalen. Denn wenn Faschismus aus der „Mitte“ der Gesellschaft kommt, dann hat er mit Radikalität nichts zu tun. Aber auf die vermeintlich Radikalen zu deuten, lenkt den Blick um das Zentrum herum. Es ist eben nicht der schwarze Mann im Dunkeln sondern der nette Nachbar.

Man also sagen, faschistisch ist eine Gesellschaft, die die Norm des „Anständigen“, „Sauberen“, „Angepassenten“ und „Strebsamen“ zum Kriterium der Ausgrenzung aller, die nicht passend erscheinen erklärt und sich in dann in Sprache und Maßnahmen gegen diese scheinbar Nicht-normalisierten radikalisiert.

Vielleicht ist das auch präfaschistisch, bevor der Terror gegen die als „anders“ identifizierten offen ausbricht. Wobei ich mich frage, ob es nicht längs soweit ist:

Das heute unwidersprochen von „Sozialschmarotzern“ die Rede sein kann? Dass es keinen Sturm der Entrüstung entfacht, dass Menschen heute aus Mangel auf sozialer Sicherung, obwohl ein Grundrecht, verhungern? Dass eine Behörde entscheiden kann, einem Mensch, der sich nicht entsprechend des SGB II verhält, seine Existenzgrundlage verliert? Bedeutet es doch letztlich nichts anderes, als den einzelnen Erwerbslosen wegen Unangepasstheit aus der Gesellschaft zu verbannen, denn das ist es doch was die 100% Streichung des ALGII bedeutet, den Verlust von Wohnung, Krankenversicherung und Herd. Kein Aufschrei in dieser Gesellschaft darüber.

Das macht mir Angst.

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