Nach dem Pro Köln „Kongress“

Ich habe mich in den vergangenen Tagen durch unterschiedlichste Blogs und online gestellten Artikel gelesen, die sich zu den Vorgängen in Köln geäußert haben.

Es scheint einigen nicht klar zu sein, was sich hier in Köln abspielt. Die sogenannte Bürgervereinigung Pro Köln benutzt den geplanten Bau einer großen Moschee in Köln Ehrenfeld, um Stimmung gegen Menschen mit islamischer Religionszugehörigkeit zu machen. Sie machen die geplante Moschee zum Symbol einer Kampagne, die sie unter dem höchst merkwürdigen Stichwort “Islamisierung” zusammenfassen. Sie behaupten von sich für eine schweigende Mehrheit der bürgerlichen Mitte zu sprechen. So ist es von einen ihrer Häuptlinge sogar explizit ausgesprochen worden, dass man mit dem Thema “Islamisierung” gezielt breitere Gruppen ansprechen kann, da seit 2001 diffuse Ängste und Unsicherheiten in einigen Bevölkerungsgruppen vorliegen, die man nur aufgreifen braucht. Sie gebärden sich konservativ arbeiten aber eng mit Rechtsradikalen und Neonazis zusammen. Es geht nicht wirklich um den Moscheebau sondern darum gezielt Ängste in einer Gesellschaft zu schüren in der viele vermeintliche Gewissheiten höchst ungewiss geworden sind und dies soll dann im Antiislamismus kanalisiert werden. Das vergangene Wochenende wollten sie in Köln die größte rechtsradikalen Versammlung der deutschen Nachkriegszeit in Köln inszenieren, um sich selbst und den eigenen Inhalten, die sich derzeit wohl auf das Hetzen gegen Menschen mit islamischer Religionszugehörigkeit beschränkt, aufzuwerten und, natürlich, schon mal ihren Wahlkampf einzuleiten.

Leider haben diese Pro Köln Pappnasen so jetzt ihre Aufmerksamkeit erhalten, sicherlich nicht ganz so, wie sie sich das erhofft haben aber immerhin. Gut, dass sie sich in erster Linie lächerlich gemacht haben. Sicher, sie ignorieren, wäre das Beste gewesen. Das hätte aber auch bedeutet, keine Berichterstattung in den Medien und das ist unvorstellbar. So war es bitter notwendig klar zu machen, dass diese Rechtsradikalen keinen Fuß auf Kölner Boden bekommen. Und das ist doch ganz gut gelungen.

Ich will auch nicht unerwähnt lassen, anzumerken, dass diese Gruppierung (und andere) überhaupt mit ihrer Angstkampagne eine Chance hat, daran sind unsere Politiker und Medien nicht unschuldig. In den vergangenen Jahren wurde von Politik und Medien in unverantwortlicherweise das Gespenst der beständigen Gefahr des islamischen Terrorismus an die Wand gemalt und so diffuse Ängste und Unsicherheiten in einigen Bevölkerungsgruppen geschürt, was jetzt von den rechten Gruppierung quasi aufgefangen werden. Ich überspringe mal den Teil, dass diese “Gefahr” gerne benutzt wurde, um die eignen Süppchen zu kochen.

Ich versuche schon seit einiger Zeit zu verstehen, was das Wort “Islamisierung” wohl bedeuten mag. Wenn ich dann mal über Beiträge stolpere, die das Phantasma eines moslemischen Deutschlands, in dem alle Frauen in Schleiern gehen, an die Wand malen, muss ich immer lachen. Das ist so absurd, wie nur geht. Das Schlimme daran ist, dass diese Phantasmen von den wirklichen Problemen ablenken. Sie verharmlosen mit ihren widersinnigen Horrorvisionen die existierenden Probleme. Probleme, die viel mehr im Alltag verankert und gegenwärtiger sind. Die Probleme erwachsen daraus, dass sich Gesellschaften verändern, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen. Dies führt zu Verunsicherung und Hilflosigkeit und darüber brächte es eine Auseinandersetzung in der alle Seiten mit der gleichen Stimme reden können.

Diejenigen, die in der aktuellen Diskussion “Die Freiheit des Andersdenkenden” für sich beanspruchen (derzeit auf diversen Neoconblogs zu lesen), sind eine Schande für diesen Ausspruch. Denn sie beanspruchen für sich, was sie nicht bereit sind zu geben. Dass nur einer von denen sich verteidigend vor Menschen mit islamischer Religionszugehörigkeit stellen würde, ist wohl kaum vorstellbar.

Wer noch nicht weiß, dass der kulturelle Austausch zwischen “Orient” und “Okzident” bedeutet und wie sehr unsere Kultur von diesem Austausch geprägt ist, sollte mal St. Pantaleon hier in Köln besuchen und sich über die Kaiserin Theopanu informieren, um nur ein kleines Beispiel anzuführen.

„Die braunen Biedermänner sind in Wahrheit Brandstifter, Rassisen in bürgerlichen Zwirn, subtile Angstmacher. Dieser verfaulte Clique des Eurofaschismus, diese Haiders und Le Pens und wie sie alle heißen, rufe ich zu:Da ist der Ausgang, da geht’s nach Hause. Wir wollen Euch nicht!“ (Aussage des Kölner OB Schramma am 20.08.09 auf der Gegenkundgebung auf dem RoncalliplatzQuelle: Ksta, 22.09.08 S. 3)

So klasse das für den Moment am Samstag auf dem Roncalliplatz war. Hier darf die Diskussion nicht enden. Denn es reicht nicht den Rechtsaußen die Tür zu weisen und gleichzeitig nicht dafür zu sorgen, dass die Ängste und Unsicherheiten, die zwischen den Kulturen herrschen, eine gute Plattform für eine produktive Auseinandersetzung zu bekommen.

Fundamentalismus, egal welcher Couleur, ist ein Problem, weil die Menschen in ein Schema gepresst werden. Individualität, Selbstbestimmung, Selbsterkenntnis und dergleichen sind in fundamentalistischen Systemen nicht gewünscht. Mir ist es egal, ob das nun von links, rechts oder aus irgendeiner religiösen Ecke kommt. Ein ernsthaft gemeinter Diskurs über die Folgen von Zuwanderung sollte sich allerdings nicht in der Forderung nach Assimilation erschöpfen. Es kann nur mit gegenseitigem Respekt vor der Unterschiedlichkeiten gehen und, natürlich heißt das nicht, alles hinzunehmen.

Nachtrag: Big Berta hat auf Duckhome in ihrer Nachlese elaboriert die Situation zusammengefasst.

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Eine Antwort zu “Nach dem Pro Köln „Kongress“

  1. Danke für den Trackback. Das ist ein ganz hervorragender Artikel. Dies ist in Marmor zu meisseln:
    So ist es von einen ihrer Häuptlinge sogar explizit ausgesprochen worden, dass man mit dem Thema “Islamisierung” gezielt breitere Gruppen ansprechen kann, da seit 2001 diffuse Ängste und Unsicherheiten in einigen Bevölkerungsgruppen vorliegen, die man nur aufgreifen braucht.
    „Islamkritik“ ist eine Geschäftsidee, die nicht nur diese Herrschaften aufgegriffen haben…
    Ich hatte schon vor dem „Kongress“ geschrieben, dass ich mit der Blockade nicht 100% glücklich war, aber ich denke, die haben mit ihrer „modernen Medienarbeit“ so ein Gedöns gemacht, dass man darauf eingehen musste, weil sie sonst gefaselt hätten, daß die angeblichen Altparteien Angst vor ihnen haben. Vor dem event wussten weder sie noch wir, wie breit ihre Basis ist. Jetzt wissen wir es – und sie auch. 150 Nasen auf dem Heumarkt, maximal 400 auf dem Flughafen.
    Aber genau wie Du ist mein Reden auch: dranbleiben!

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