Studieren 2.0

Ich gehöre ja zu den Menschen, die man auch gerne als Langzeitstudentin bezeichnet hat. Es war eine gute Zeit. Da ich mein Studium sowieso selbst finanzieren musste und so halbtags (im Semester) und Vollzeit (in den Semesterferien) einen bezahlten Tätigkeit nachging, gleichzeitig mein Studium verfolgte, war ich in der glücklichen Lage, finanzielle unabhängig zu sein und mich mit Themen zu beschäftigen, die mich interessierten. Meine DozentInnen schätzen mich als gebildete und an der Materie interessierte Studentin und scherten sich nicht darum, dass meine Semesterzahlen weit im zweistelligen Bereich stiegen. Im Gegenteil, es wird kolportiert, dass einer meiner Professoren meinte, dass ein guter Student der Geisteswissenschaften mindestens 10 Jahre studiert hat.

Irgendwann war es Zeit abzuschließen und zu gehen. Nicht weil das Leben nicht hätte so weiter gehen können. Sondern, weil die Bemühungen die Universitäten in bessere Gymnasien zu verwandeln, den Professoren und Lehrkräften zunehmend den Spass verdarben und damit auch mir. Über den langen Zeitraum meiner Zugehörigkeit zu einer Universtität erlebte ich so einige Reformen mit. Aber zum Ende meines Studiums wurde es bedrückend spürbar, dass es bei den neuen Reformen der Universitäten nicht darum ging, die Bedingungen für Lehre und Studium zu verbessern, sondern das gesamte System vollkommen umzubauen und aus Universitäten Ausbildungsbetriebe zu machem, es ging nicht mehr um Bildung sondern um Ausbildung. Die Ökonomie und ihre Begrifflichkeiten prägten nun auch den Alltag der StudentInnen und Lehrkräfte so exotischer und unsere Leben bereichernden Fächer, wie Kulturanthropologie und viele andere. Es wird sicher niemanden wundern, dass damals im Gespräch war, dass dieser Lehrstuhl geschlossen werden sollte. Erkenntnisgewinn und Bildung gerieten ins Hintertreffen. Die Einführung der Studiengebüren erlebte ich glücklicherweise nicht mehr am eigenen Leibe. Wobei ich gerne bereit gewesen wäre ein bestimmte Summe abzugeben, so sie denn direkt meiner Fakultät gutgeschrieben worden wäre (Aber nur unter den alten Studienbedingungen).

Natürlich war ich auch einfach zu alt geworden, einfach nur Studentin zu sein. Hätte ich promoviert, wäre es eine Möglichkeit gewesen, mit neuem Status weiter zu machen. Aber der oben beschriebene Prozeß ist nicht meiner. Der Raum für Menschen mit ungewöhnlichen Lebensläufen, die ja eine Universität bereichern, wurde auch immer kleiner. Ich erinnere mich noch an eines der letzten Gespräche mit meiner Professorin in Literaturwissenschaften. Sie war wirklich verzweifelt, weil die Vorgaben des Ministerium für Promotionsstellen es fast unmöglich machten, begabten und hochgebildeten Menschen eine Chance zu geben.

Meinen Respekt zolle ich Marius Reiser, dem zurückgetretenen Professor für Neues Testament am Fachbereich Katholische Theologie der Universität Mainz, der jetzt seine Konsequenzen aus all dem zieht und nicht mehr weitermachen will, keine Lücken im System suchen will, sondern eine klare Stellungnahme abgibt: Warum ich meinen Lehrstuhl räume

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2 Antworten zu “Studieren 2.0

  1. Ich organisiere zum Thema eine Veranstaltung am Donnerstag, den 22. Januar 2009 um 18 Uhr in Mainz: „Gescheitert? Oder bloß korrekturbedürftig? Widersprüche im Bologna-Prozess“ Torsten Bultmann referiert zum Thema, aber Prof. Marius Reiser wird auch anwesend sein. Ich bin schon sehr gespannt!

  2. Ich bin sehr gespannt, wie das heute Abend läuft, ich würde mich über einen kleinen Bericht bei dir darüber freuen :-)

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