Was nicht stimmt in diesem Land II – Nachtrag 15.03.09

Grauenhaft was sich da abgespielt hat. Ein junge Mensch erschießt viele andere und dann sich selbst. Unvorstellbar, wie sich die Menschen, die das miterleben mussten, die FreundInnen, Schwestern/Brüder, Ehefrauen, Ehemänner, Liebste, Söhne und und Töchter verloren haben, jetzt fühlen. Schock, Trauer, Schmerz, Fassungslosigkeit, Grauen, Leere. Ich kann es mir nicht vorstellen, in mir herrscht ein sehr diffuses Gefühl vor, dass zwischen Entsetzen, Grauen, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Wut pendelt. Ein schwieriges Gemisch, das zu spüren alles andere als einfach ist.

Ich habe die Berichterstattung über den Amoklauf bewußt gemieden. Es reicht mir zu wissen, dass es passiert ist. Mir ist allein davon schon schlecht. Lediglich die Tagesschau habe ich gestern geschaut und was musste ich die ganze Zeit hören? Es müsse über die Konsequenzen geredet werden! Ja, genau, immer schön auf der reinen Handlungsebene bleiben und möglichst nichts spüren. Möglichst an den Symptomen rumdoktern. Wie wäre es mal mit sich hinsetzen und sich spüren, all diese Fassungslosigkeit auszuhalten und einfach mal die Klappe zu halten? Sich selbst spüren ist keine Untätigkeit, im Gegenteil es ist eine hochkonzentrierte und energieerfordernde Tätigkeit, die nicht mit sinnlosem Aktionismus zu tun hat.

Neben dem Grauen, das die Tat in mir ausgelöst hat, habe ich auch daran gedacht, wie es wohl einem Jugendlichen ergangen sein muss, der eine solche Tat plant und durchführt. Was ist in ihm vorgegangen. Die Computerspiele und was jetzt nicht alles herangezogen werden, sind doch lediglich das Symptom des Gleichen, was auch zu der Tat geführt hat. Ich habe in meinem Leben schon erlebt, um zu wissen, das einer solchen Tat einiges vorausgehen muss. Natürlich ist es Spekulation aber wenn der Satz, das wir so mit anderen umgehen, wie mit uns umgegangen wird, zutrifft, dann muss es in dem Jungen grauenvoll ausgesehen haben. Das gleiche Grauen, das ich jetzt spüre. Versucht euch vorzustellen, das was wir jetzt, angesichts der Toten, fühlen, vermutlich das war, was dieser Junge vermutlich schon lange in sich gespürt hat. Wie kann das sein, das ein Kind soviel Grauen, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Entsetzen und Wut in sich hatte?

->Arno ->Gruen schreibt seit Jahren vom „Wahnsinn der Normalität“ und dem „Verrat am Selbst“, den wir gegehen (müssen), wenn wir uns den Anforderungen unserer Eltern unterwerfen. Von der Anpassung an eine Realität, die es eine großen Anzahl von Menschen in unserer Gesellschafdt abverlangt, sich von ihren authentischen Gefühlen abzutrennen und sich den Regeln einer Norm-alität zu unterwerfen, die Anpassung und Rationalismus als erstrebenswert erachtet. Schlimmer noch, eine Welt in der dieser Prozess mit psychische Gesundheit und Erfolg gleichgesetzt wird. Der Verrat am eigenen Selbst wird in unserer Gesellschaft als erfolgreiche Persönlichkeitsentwicklung eingestuft. Aber ein solcher Verrat an sich selbst hat Konsequenzen. Selbsthass und alles was damit einhergeht, wäre da an erster Stelle zu nennen.

„Wenn der Selbsthass so stark ist wie beim Psychopathen, ist das Unbewußte gekennzeichnet von Chaos, äußerster Rachsucht und Mordlust.“ (Der Wahnsinn der Normalität, S. 177)

„Ich spreche nicht in einem klinischen Sinn von Wahnsinn, sondern verstehe Wahnsinn im Sinne von Unmenschlichkeit, die allerdings nicht als solche erkannt wird und gerade deshalb viele Menschen zerstört. Denken Sie an all jene Menschen in unserer Kultur der Grösse und des Besitzes, die zwar ihre eigenen Gefühle des Schmerzes und Mitleids unterdrücken, dafür aber bestens funktionieren und gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Erfolg davontragen. Nur wer unempfindlich ist für den Schmerz eines anderen, kann diesem auf den Kopf hauen oder ihn im täglichen Konkurrenzkampf ausschalten.“
(Quelle)

Bei Weissgarnix titelt ein Beitrag mit „Er ist in unserer Welt zum Mörder geworden„. Damit weißt er uns darauf hin, dass es eben kein isoliertes Phänomen ist, kein überraschender Moment, dass jemanden zu einem Massenmörder macht. Es ist kein „irgendwie unverständliches und unheimliches, das einzelne täter – und ihre opfer – genauso „schicksalhaft“ trifft wie ein blitzschlag„. Der Selbst-Mörder, seine Tat und die Opfer sind ein Spiegel für uns, in den es zu blicken gilt und es da wenig angenehmes zu sehen gibt.

Nachtrag:
Ich will nur ein paar Links einpflegen, die ich für bedeutsam halte:

Notiz von monoma

Dieser und alle bisherigen Beiträge von quirinus auf seinem Blog zum Thema

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