Frauenverachtung ist nicht sexy

Das Deutsche zeichnet sich ja durch ein Phänomen aus, das angeblich keinerlei Bedeutung habe. Es handelt sich um das Generische Maskulinum. Also, den Umstand, dass im Deutschen die grammtisch maskulinen Wortformen verwendet werden, um in allgemeiner Form über Frauen und Männer zu sprechen oder zu schreiben. Mit anderen Worten, wenn wir von einer Gruppe von 100 Lehrern sprechen, so sind die Lehrerinnen dieser Gruppe mitgemeint, unabhängig davon, ob es sich in dieser Gruppe 4, 50 oder 99 Lehrerinnen aufhalten. Die Anwesenheit eines einzigen Lehrers genügt, um die anwesenden Frauen sprachlich unsichtbar zu machen (Pusch).

Diese Phänomen ist seit spätestens den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Anlaß für eine Menge Diskussion. Es gibt Untersuchungen, dass dieses Phänomen Einfluß auf die Selbstwahrnehmung von Frauen haben, da sie nicht vorkommen und damit auch in den Vorstellungen nicht erscheinen, was wiederum bestritten wird. Gleichzeitig wird immer wieder beteuert, dass es ja überhaupt keinen Unterschied mache und Frauen in jedem Fall mitgemeint seien. Dreht man das aber um und schreibt/spricht in einem generischen Femininum sind die Reaktionen meist recht heftig und man setzt sich diverser Vorwürfe aus, die allesamt darauf hinweisen, dass es sehr wohl etwas ausmacht. Wäre es nicht so, könnten wir zukünftig einfach das grammatische Femininum bevorzugen. Was das Mitmeinen sowieso vereinfachen würde, da ja in den allermeisten femininen Formen die maskulinen enthalten sind. Ein anderes Beispiel, das es sehr wohl etwas ausmacht, sind die seltsamen Wortbildungen, die entstehen, wenn Menschen über Gattungeen reden, deren Hauptform per se eine feminine Form hat und darauf hinweisen wollen, dass sie von einem weiblichen Exemplar der Gattung sprechen, immer wieder gehört: die Kätzin, als sei die Katze ein Kater.

Ich habe es ja schon mal erwähnt, dass ich die Berichterstattung über die Morde in Winnenden nicht sonderlich intensiv verfolgt habe. Aber eine Sache gab es da, die mir sofort aufgefallen ist: das der Mörder hauptsächlich Schülerinnen und Lehrerinnen erschoss und verlezte. Wenn ich mich recht erinnere , war unter den SchülerInnen exakt ein Schüler. Was hat den Täter dazu veranlasst, sich in seinem Morden auf Frauen zu konzentrieren, ging mir durch den Kopf. In den Nachrichten der folgenden Tage höre ich dann wiederholt, es wurden soundsoviele Schüler und Lehrer ermordet. Kein Wort darüber, dass sich dieses Morden hauptsächlich auf Frauen beschränkte. Schlimmer noch, die Mädchen und Frauen verschwinden aus dem Bewußtsein, sie existieren nicht in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, weil sie nicht mehr erwähnt werden. Es sind Schüler und Lehrer umgekommen. Seid ehrlich, war euch das klar, dass es hauptsächlich Mädchen und Frauen traf? Ich wage das zu bezweifeln.

So wie die Berichterstattung ablief und abläuft, neben allem was dabei schon aufgedeckt wurde, ist ganz offensichtlich kein Interesse an einer tiefergehenden Analyse vorhanden. Über Computerspiele und Bond*ge-Bilder wird diskutiert, kein Wort über die offensichtliche Frauenverachtung, die in dieser Tat liegt. Keine Untersuchung über die Frage, welches Verhältnis zu Frauen der Mörder hatte. Das zeigt, wo diese Gesellschaft in der Frage zu Frauenverachtung/hass steht: es wird unsichtbar gemacht. Frauenverachtung ist halt unsexy, schlecht skandalisierbar, obwohl es ein Skandal ist.

Antje Schrupp erinnerte mich glücklicherweise wieder daran und verweist auf den ausgezeichneten Artikel bei Luise F. Pusch.

Nachtrag:

Der wie immer sehr feinfühlige mo hat es auch bemerkt.
Am 11.03. titelte der Schweizer Tagesanzeiger sogar damit. Allerdings endet dieser Artikel mit dem Satz:

«Wenn man sich die Schule anschaut und die nicht benutzte Munition auf dem Boden betrachtet, kann man nachvollziehen, was noch hätte geschehen können», sagte auch Landespolizeipräsident Erwin Hetger. Auch die Polizei habe Glück im Unglück gehabt: «Der Täter hat auf alles geschossen, was für ihn sichtbar war», sagte er. (Hervorhebung durch mich)

Eines ist mir noch aufgefallen, während die ermordeten Frauen und Mädchen aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit verschwunden sind, wird bei Gewalttaten durch Menschen mit Migrationshintergrund gerne zu der sogenannten „überkompleten Beschreibung“ gegriffen. Also, der überflüssigen Erwähnung des Migrationshintergrunds bei bestimmten Taten. Hier spiegelt unser Sprachgebrauch ausgezeichnet gesellschaftliche Verhältnisse.

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5 Antworten zu “Frauenverachtung ist nicht sexy

  1. Ich will mich nicht unbedingt so weit aus dem Fenster lehnen und sagen, dass ich es anders sehe, aber ich gebe einiges zu bedenken:
    – Eigentlich gehört die Identität (und dazu gehört auch das Geschlecht) der Opfer geschützt. Ich finde es schon sehr merkwürdig, wenn der Bundespräsident die Namen der Menschen, um die wir in seinem Namen trauern mögen, schamlos auflistet – und dann auch noch Tim auslässt, als gäbe es nicht genügend Gründe, auch um den „Täter“ zu trauern!! Sowas wie das angesprochene Phänomen sollte (zunächst) gar nicht in der Öffentlichkeit diskutiert werden!
    – Jungen sitzen in der Schule eher mal hinten, Mädchen eher mal vorne. In Relation zum dargelegten Phänomen müsste man den Tathergang im Einzelnen (öffentlich!) rekonstruieren. An solch massiver Medienpräsenz besteht aber kein Interesse.
    – Am wenigsten verstehe ich den Vorwurf der angeblich dahinter stehenden „Frauenverachtung“. Psychologisch wäre m.E. das Gegenteil anzunehmen: Frauenverehrung, die, weil Erich Fromms Darstellung nach zu urteilen in einer Lebensweise des Habens konstituiert, nach (etlichen) Zurückweisung(en) ins Gegenteil umschlägt. Freilich weiß „die Öffentlichkeit“ gerade in dieser Frage am wenigsten und wir wollen es eigentlich dabei belassen.

  2. Frauenverachtung ist nicht sexy – ja, dermassen gefallen zu finden an pornografie und darstellungen von frauen in devoten posen etc. bedeutet für mich eindeutig frauenverachtung. Was sind das eigentlich für junge männer, die sich mit gewaltdarstellungen, vergewaltigungsszenen, pornografie täglich stundenlang beschäftigen. Hier zeigen sich doch schon in erschreckendem masse negative botschaften gegenüber dem weibl. geschlecht. Wollen diese betrachter hiermit ihre überlegenheit gegenüber weibl. menschen kundtun und mit allmachtsfantasien untermauern? Und bist du nicht willig, so gebrauch ich gewalt – das wurde und wird doch tagtäglich hunderttausendfach an frauen/mädchen praktiziert und in den medien, der virtuellen welt vorgelebt bzw. eingeübt. Und niemand unternimmt etwas dagegen.
    Einfach mit `zurückweisung`- wie im obigen fall – das phänomen zu erklären, finde ich etwas naiv, eher gehört es zur männl. identität, frauen zu dominieren, ihnen überlegen zu sein …

    Die themen frauenverachtung/hass und Männergewalt sind so wichtig und sollten öffentlich angegangen werden. Einerseits wird gewalt, gewalt gegen frauen/mädchen in der gesellschaft geächtet und strafrechtlich verfolgt, andererseits in der medien-virtuellen-welt als nervenkitzel zwecks unterhaltung bis zum koma vorgelebt und geduldet.
    Es ist erschreckend, mit welchem selbstverständnis z.b. 14jährige jungen im internet zugang zu gewalt und pornografie haben. Hat sich diese `herrenkultur`(pusch) nicht schon von anbeginn durch unmenschlichkeit und barbarei ausgezeichnet? dazu zähle ich pornografie, prostitution und gewalt …

  3. Mit ein bisschen Abstand…

    @Manfred, ich glaube, du unterschätzt die Situation von heranwachsenden Jungen. Die Frauenforschung hat schon vor Jahrzehnten auf die Situation von Jungen und Männern im Patriarchat aufmerksam gemacht. Die Identitätsentwicklung von Jungen ist auch davon geprägt (nicht bei allen), dass sie sich von dem abwenden müssen, was ihnen in unserer Kultur am wichtigsten ist, um eine männliche Identität zu erwerben, wie sie unsere Kultur vorsieht. Kommt dann noch eine schwierige Pychsodynamik zwischen Vater, Mutter und Sohn dazu, kann das schon auch in Hass umschlagen.

    Weiterhin, ging es mir in meinem Beitrag darum, wie Sachverhalte mittels Sprache unsichtbar gemacht werden. Das ist für mich ein wichtiger Punkt.

    Was dem Umstand angeht, „Mädchen sitzen mal vorne mal hinten usw.“ Auffällig ist ja, dass Tim, die Mädchen mit Kopfschüssen erledigte, der hat nicht einfach nur so rumgeballert. Aber gehen wir mal davon aus, dass es möglicherweise alles Zufall war (was ich nicht glaube aber auch nicht wissen kann), dann ist doch auffällig, dass zwar fast jedem Umstand Aufmerksamkeit gezollt wurde aber nicht diesem. Die Medien haben gnadenlos alles aus Tims Privatleben ans Licht gezerrt aber zum Thema Verhältnis zu Mädchen und Frauen und seinen Eltern kam so gut wie nichts. Alle Erfahrung, die ich so im Leben gesammelt habe, hat mich gelehrt, dass solche Taten in der Familie zugrundgelegt werden. Natürlich ist Tim für seine Taten verantwortlich.

    Das Argument mit dem Schutz der Privatsphäre ist irgendwie unlogisch, Manfred, was sollte daran weniger oder mehr Schutz sein, wenn der Umstand, dass hauptsächlich Mädchen und Frauen von Tim umgebracht wurden, benannt worden wäre.

    @Amy, wahrscheinlich habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt. Ich habe schon ein paar mal über diesen Beitrag nachgedacht und mich gefragt, ob ich ihn ergänzen soll. Die Phrase „xyz ist sexy“ entspringt dem Markting. Es geht darum, dass Menschen sich fragen, wie sie ein Thema/Produkt/Dienstleistung verkauft bekommen, dass es für den Kunden „sexy“ also interessant oder spannend genug ist, dass sie es kaufen. Somit ist meine Überschrift allein schon als Zynismus gemeint.

    Was die Frage der Pornogr*phie angeht, ich selbst finde an mancher Pornographie gefallen, wobei ich u.a großen Wert darauf lege, wie diese zustande gekommen ist, wie die Darstellung ist. Ich werde mich in diesem Leben nicht bereit finden erwachsenen Menschen vorzuschreiben, wie sie ihr Leben zu leben haben. Im selben Maße habe ich auch kein Problem mit Prostitution und auch hier hängt es wirklich davon ab, wer diese ausübt, unter welchen Bedinungen sie ausgeübt wird. usw.

    Darüber hinaus würde ich es auch nie wagen, einen Allgemeinplatz wie „es gehöre zur männlichen Identität Frauen zu dominieren“ von mir gehen. Dafür ist die ganze Angelegenheit doch zu komplex.

    Ich stimme dir zu, es ist wichtig und notwendig und überfällig, dass das Thema „Frauenverachtung“ in das Bewußtsein dieser Gesellschaft gerückt gehört. Und auch sehe ich nicht, dass nichts getan wird. Es wird allerorten etwas getan auch von Männern. Ich kann dir da das schweizer Magazin Männerzeitung empfehlen. Und ich kenne nicht wenige Männer, die eine andere Welt wollen, eine in der sie mit ihren Problmen und Gefühlen ihren Raum haben müssen. Nicht jeder Mann findet die für ihn gesellschaftlich vorgesehene Rolle komfortabel. Und, klar, wir alle werden bei einem Prozess in eine andere Gesellschaft jede Menge hergeben müssen.

  4. Ach so @Manfred

    Mir fällt noch was ein zum Thema „Frauenverehrung“, die umschlagen kann in Hass. Für mich ist die in unserer Kultur praktzierterte Frauen“verehrung“ nichts anderes als Frauenverachtung. Schon in der frühen Neuzeit wurde die Frau mit der Begründung zivilisatorisch das moralischere Wesen als der Mann zu sein, gleichzeitig als dem Mann biologisch, geistig und emotional unterlegen eingestuft.

    Idealisierung und Verachtung sind die beiden Kehrseiten einer Medallie.

  5. @ Somluswelt
    Zur pornographie – natürlich soll niemanden vorgeschrieben werden, wie sie oder er zu leben haben. Pornographie und prostitution sind themen, die z.b. in der frauenbewegung schon immer unterschiedlich bewertet wurden. Ich schliesse mich aber den stimmen der frauenbewegung und feministinnen an, die in beiden gegebenheiten einen verstoß gegen die menschenwürde von frauen sehen. Z.b. erotik oder erotische körperdarstellungen in der kunst etc. empfinde ich als etwas ästhetisches. Die gesamte sexindustrie ist nun einmal ein außerordentlich einträgliches geschäft für viele männer, die hier bewusst mit macht und dominanz weibliche menschen und deren ökonomische situation ausnutzen, um sich persönlich zu bereichern.
    Wie Aurora Javete de Dios sagte :“ Prostitution und menschenhandel sind untrennbar miteinander verknüpft. Man kann die rechte der frauen in der welt nicht fördern, ohne dass die regierungen auch diese beiden probleme energisch angehen. Und ohne entschlossene maßnahmen zur gleichstellung, zur wirtschaftlichen und politischen stellung der frauen werden immer mehr frauen in die prostitution und in die fänge der sexindustrie geraten. Der kampf gegen prostitution und menschenhandel ist nichts anderes als der für unsere vorstellung von einer zukunft, in der die vermarktung des menschlichen körpers , seine degradierung zur ware, keinen platz mehr hat.
    Prostitution hat nichts glamouröses. Die vorstellung, sie könne zu einem akzeptablen beruf für frauen aufgewertet werden, ist inakzeptabel. Sie ist der wichtigste indikator für die bestehende ungleichheit zwischen frauen und männern. Der kampf gegen menschenhandel und prostitution muss vor allem für zukünftige generationen geführt werden, damit die von der prostitution ausgehende diskriminierung der geschlechter ein ende hat.“ (aus schwarzbuch zur lage der frauen, Christine Ockrent)
    Hier noch ein auszug aus der petition für eine uno-konvention gegen sexuelle ausbeutung:
    Die sex-industrien haben weltweit massiv und eskalierend zugenommen. Lokale und globale sexindustrien machen profite für zuhälter und zulieferer und zerstören immer mehr frauen und kinder durch prostitution, sex-tourismus, frauen- und kinderhandel, geschäfte des braut-kaufes auf bestellung, pornografie und andere formen sexueller ausbeutung .
    Kein internationales menschenrechts-gesetz anerkennt sexuelle ausbeutung als schändung der menschenrechte.“
    (the coalition against trafficking in women)
    Ich sehe hierin einen starken politischen auftrag und aufruf gegen die sexuelle ausbeutung, die uns die `herrenkultur` – ein männliches erbe – überlassen hat. Wenn es so viele männer gibt, die mit ihrer gesellschaftl. `vorgelebten` rolle unzufrieden sind, dann müssen diese sich auch endlich lautstark zur wehr setzen.
    Es gibt leider in der öffentlichkeit zu wenige männer wie Rolf Pohl, Robert Jensen u.a. die sich kritisch mit dem männlichkeitsbild auseinandersetzen, wie `feindbild frau – männliche sexualität, pornographie, gewalt und die abwehr des weiblichen`.
    Diese mutigen männer verdienen meine absolute hochachtung …! Sie handeln und begeben sich nicht in die passivität ……..

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