CSD Charta

Vor 20 Jahren war ich auf meiner ersten CSD Parade. Fast eher zufällig, stieß ich in der Innenstadt von Frankfurt auf einen Wagen auf dem ein paar Schwule fröhlich Lieder schmetterten, gefolgt von einer Gruppe von ca. 50. Lesben, Schwulen, Transleuten, Strichern und Prostituierten. So fing das an. Jedes Jahr wurde die Sache ein bisschen größer. Die beste Zeit, wie ich finde, war, als der CSD noch in der Klingerstraße stattfand. Nicht weit von der Konstablerwache aber noch schön für sich. Im großen und ganzen aber mag ich den Frankfurter CSD, er repräsentiert die Frankfurter Szene und die Parade war auch eine Pflicht. Man traf sich halt, ging mit und feierte sich und die Seinen (Ist das in Frankfurt eigentlich immer noch so?).

Derweilen bin ich nach Köln gezogen. Wie ich schon schrieb, kann ich dem Kölner CSD wenig abgewinnen. Die Parade meide ich großräumig. Einfach mal so mitgehen, sich und die seinen damit zu feiern, ist ja eh nicht drin. Es ist so eine Art Karnevalumzug im Sommer, Fußgruppen müssen sich dort auch anmelden.

Nach der Aufregung um die Nackten und Schwarzgekleideten vor zwei Sommern haben sich nun die Mitglieder Kölner Lesben- und Schwulentag e.V. (KLuST) dazu hinreißen lassen, eine sogenannte CSD-Charta zu veröffentlichen.

Schon in der Präambel wird klar gemacht, dass das politische Programm, wenn man es denn nun so nennen mag, der Veranstalter in Anpassung an das herrschende Gesellschaftssystem besteht. Es macht wirklich den Eindruck, dass die Forderung nach Assimilation in die heteronormierte Gesellschaft nun auch programatisch festgeschrieben wird.

Ziele
dieser Demonstration sind die vollständige rechtliche Gleichstellung und die gesellschaftliche Anerkennung unserer Minderheit sowie der Ausdruck unseres Selbstbewusstseins und unserer Lebensfreude.

Es geht natürlich nicht um die Auswirkung, sondern um Spaltungstendenzen innerhalb der „Minderheit“.

Die Integrations- und Strahlkraft der CSD-Parade dürfen wir im Interesse unserer gemeinsamen Ziele nicht dadurch in Gefahr bringen, dass die Teilnahme von umstrittenen Gruppen / Unternehmen an der CSD-Parade zu einer Entsolidarisierung oder gar einer Spaltung innerhalb unserer Gemeinschaft führen.

Besonders deutlich wird diese Anpassung an die widerspruchlose Unterwerfung unter gesetzliche Vorgaben und die Geiselnahme alle TeilnehmerInnen unter die Formulierungen dieser Charta:

Eingedenk der rechtlichen Vorgaben, die mit der nach wie vor wichtigen und unbestreitbaren Qualität der CSD-Parade als einer politischen Demonstration verbunden sind, stellen wir die nachfolgenden Regeln auf, deren Einhaltung wir selbst versprechen, und deren Beachtung wir auch von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der CSD-Parade verbindlich erwarten.

Widerstand gegen gesellschaftliche Normen und Zwänge sind offensichtlich nicht mehr en Vogue. Wir brauchen auch kein CSD Motto mehr, denn es steht in der Charta schon drin:

Die CSD-Parade in Köln ist eine politische Demonstration für die gesellschaftliche Akzeptanz und rechtliche Gleichstellung von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen. Zu diesem politischen Anspruch gehört es, dass wir stolz unser Selbstbewusstsein als Minderheit, aber auch unser Lebensgefühl und unsere Liebe demonstrieren. Diesen Zielen sind alle anderen Beweggründe zur Teilnahme an der CSD-Parade unterzuordnen.

Statt sich für echte Vielfalt einzusetzen, wird die Zusammenarbeit mit den Behörden betont:

Der KLuST als Aufrufer zur CSD-Parade ist zwar nicht zuständig für die Sicherstellung der Einhaltung der allgemeinen Gesetze oder für die Strafverfolgung. Wir arbeiten jedoch eng mit der Polizei und den ordnungsbehörden zusammen und werden unsere Helferinnen und Helfer, die jedes Jahr für die Organisation und Abwicklung der CSD-Parade sorgen, dazu anhalten, im zumutbaren Rahmen für die Einhaltung dieser Charta zu sorgen.

Das ist so unfassbar. Wenn ich daran denke, wie das alles begann. Als Menschen, die alles andere als Gesetzeskonform auftraten auf die Straße gingen um gegen polizeiliche Willkür, Mißhandlung und Vergewaltigung zu protestieren. Nur so ein Beispiel eine Butch, die nicht mindestens drei „weibliche“ Kleidungsstück am Leib trug, konnte problemlos verhaftet werden. Wie muss ich mir das heute hier in Köln vorstellen? Oh, die Butch hat gegen das Gesetz verstoßen, also alles klar, nehmt sie mit, liebe Ordnungshüter? Macht ihr dann selbst die Kleiderkontroll, um festzustellen, ob sie genug „weibliche“ Kleidungsstücke trägt? Zum Kotzen.

Und wir sollen alle bitteschön Rücksicht nehmen:

Die Toleranz, welche die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der CSD-Parade für sich einfordern, soll nicht durch maßlose Provokation überstrapaziert werden.

Dieser Passus ist ja so watteweich. Was ist denn nun bitte eine „maßlose Provokation“, wann werden knutschende Lesben und Schwule aufgefordert werden mit ihren Provokationen aufzuhören. Wer von uns hat nicht mal den Spruch von irgendwelchen Heteros gehört, dass sie ja nix gegen „Homos“ haben, nur fänden sie es ekelhalt, wenn die sich küssen würden. Und liebe Leute, ich fordere keine Toleranz – für niemanden – sondern Akzeptanz. Aber da bin ich – mit einigen anderen – eine Ruferin in der Wüste. Eine Oragnisation, die sich stellvertretend für alle Lesben und Schwule für Toleranz einsetzt, ist für mich eh nicht ernst zu nehmen. Da es ja offensichlich nicht um Akzeptanz geht, brauche ich diesem Regelwerk nicht zu folgen.

Machen wir uns nicht vor, dieses Dokument ziehlt nicht auf Spaltungen innerhalb der „Szene“ (Ich lach ja eh schon die ganze Zeit Tränen bei der Vorstellung, dass irgendjemand diese Spaltungen ungeschehen machen wollte) , sondern darauf die Parade in einen Medien und Massenkompatiblen Umzug zu verwandeln.

Besonders schön finde ich in diesem Dokument die Beschwörung der Lebensfreude:

Die Kreativität bei der Mottoumsetzung, die spürbare Lebensfreude der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie die politische Aussagekraft machen den CSD Köln so bunt und einzigartig.

(Hervorhebung durch mich)

Das erinnert mich an die Sittenforschung eines Norbert Elias, der feststellte, dass die Tischsittenhinweise in historischen Dokumenten darauf hinweisen, dass ein Verhalten nicht gezeigt wird. Analog dazu wirkt diese Charta fast schon, wie ein Beschwörung einer Lebensfreude, die nicht vorhanden ist.

Das einzige was ich diesem Vorhaben zugute halten kann, ist, dass (noch?) nicht darin verankert ist, dass Gruppen und Organisationen, die dieser Charta nicht zustimmen, ausgeschlossen werden.

Es scheint innerhalb der Organisation des Kölner CSD überhaupt keinerlei kritische Distanz zu gesellschaftlichen Normen vorzuherrschen. Offensichtlich leben wir alle in der besten aller Welten und das darf auch auf keinen Fall in Frage gestellt werden.

Eine Antwort zu “CSD Charta

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