Scannerin

Auch wenn ich von sogenannter Selbsthilfeliteratur nicht allzuviel halte, bin ich jetzt doch, mehr zufällig, weil ich dachte, ich könnte es beruflich brauchen über eines gestolpert, das ich jetzt in ca. 2,5 Stunden atemlos durchgelesen habe.

Ist jemandem hier schon einmal der Begriff der/des Scannerin untergekommen? Ich weiß, der Begriff ist grauenvoll und ich hätte nichts dagegen, wenn sich was passendes dafür finden ließe. Aber, als mir jemand vor Jahren schon sagte, ich sei eine Scannerin, wußte ich sofort, was diese Person meinte und außerdem wußte ich, dass sie recht hat.
In dem Buch mit dem dämlichen Titel „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“ (engl. „What do I do, when I want to do everything“)* von Barbara Sher steht einfach (na ja, vielleicht nicht ganz so einfach, wie es klingen mag), wer ich bin. Ich glaube sogar, dass es dieses Buch war, das mir seinerzeit empfohlen wurde, nur war es damals noch nicht in Deutschland veröffentlicht und ich hatte, wie immer zu viel im Kopf, um mich darum zu kümmern.

Scanner sind Menschen, die sich nicht nur für die unterschiedlichsten Themen manchmal auch gleichzeitig interessieren können, sondern müssen. Eine einzige Sache für eine lange Zeit zu verfolgen, finden sie langweilig. Sich festzulegen, wo es doch noch so viele andere Themen gibt, ist ihnen ein Grauen. In einer beruflichen Welt in der ständig vom „roten Faden“ im Lebenslauf und von stringenter Lebensplanung gefordert wird, haben ScannerInnen ein ziemliches Problem. Viele von ihnen wirken auf andere, als würden sie ständig etwas neues anfangen und nichts zu Ende bringen. Außer man gehört zu den Scannern, die seriell arbeiten. Aber viele sind wie die Schmetterling, es gibt so viele bunte Blumen auf der Wiese und von allen wollen wir soviel Nektar, wie wir brauchen. Viele ScannerInnen leben in der Spannung zwischen „Ich würde so gern wissen, was ich wirklich machen will“ und den unendlichen Möglichkeiten, die die Welt ihnen bietet. Für alle diese hat Barbara Sher eine gute Nachricht. Das Scannen, die Vielfalt, die Befriedigung sich ein neues Thema zu erarbeiten, das ist was ScannerInnen wirklich machen wollen. ScannerInnen haben keine Liste unfertiger Projekte im Schlepptau. Für ScannerInnen sind alle Projekte abgeschlossen, weil sie das bekommen und herausgefunden haben, was sie wissen und erfahren wollten. Sie – Wir können aufhören uns zu etwas antreiben zu wollen, was wir nicht können – uns für den Rest unseres Lebens auf eine oder wenige Sachen zu konzentrieren. Wir sind begeisterungsfähig, meistens schnell im Denken, neugierig für Neues, geistig flexibel. Wir werden vielleicht keine Experten für Physik oder Wirtschaft oder Kunst aber wir sind Experten im Recherchieren, Kommunizieren, Handbücher erstellen und bei den allermeisten, gleichzeitig mehrere Themen zu bearbeiten.

Ich habe so viele Interessen, dass mir selbst manchmal schwindelig wird, ich habe schon so viele verschiedene Dinge gemacht, dass schwerlich festzumachen ist, wo meine Leidenschaften liegen. Ein kleinen Einblick hat man ja schon, wenn man dieses Blog verfolgt: Origami, Katzengesundheit, Umwelt, Bloggen, Keltisch-römische Geschichte, Sozialpolitik, bisschen HTML, schreiben, lesen, gärtnern, usw. usf. Diese Liste lässt sich problemlos um einiges verlängern, was ich hier überhaupt nie thematisieren würde. Und manchmal läuft mir das eine oder andere singulär über den Weg.

Wie auch schon bei meinem Studium hatte ich immer das Problem, mich festzulegen. Im Zweifel hab ich dann lieber nix gemacht, weil mir die Vorstellung mich festzulegen, vollkommen zuwider war. Ein Beispiel: Ich habe klassisch Gesang studiert. Umgefähr 6 Jahre habe ich Unterricht genommen und meine GesangslehrerInnen wollten alle, dass ich mich auf einem Konservatorium bewerbe. Ich war/bin ein ganz passabler 2. lyrischer Sopran (Tamina, Susanna, solche Rollen hätte ich singen können). Jetzt ist es so, klassische Sängerin zu werden und dies zu deinem Beruf zu machen, verlangt, das war mir damals vollkommen klar, absolute Hingabe, sonst schafft man es nicht. Also habe ich mich dagegen entschieden. Mitte 20 wusste ich schon, dass ich mich nicht auf eine einzige Sache beschränken kann.

Inzwischen habe ich noch viele andere Sachen gemacht. Einen Beruf, eine Berufung konnte ich nie finden, denn es wartete schon das nächste interessante Thema an der nächsten Ecke. So ein Leben ist aber, vor allem hier in Deutschland, den meisten suspekt. Man bekommt es nur schwerlich in Einstellungsgesprächen verkauft, weil ja die Linie fehlt. Dabei ist es ja so offensichtlich – also jetzt – meine Linie liegt schlicht in dem Erwerb von neuen Kenntnisse, Erfahrungen und Reflexionen. Das hat mich zu einer ausgezeichneten Rechercheurin gemacht, zu jemandem, die schnell eine Sache erfasst und die wichtigen Punkte erkennt und nicht zuletzt, fällt es mir leicht mir neue Themengebiete in sehr kurzer Zeit zu erschließen. Insofern ist meine Entscheidung mich in einem bestimmten Gebiet selbstständig zu machen, vollkommen folgerichtig und das Buch von Frau Sher kommt gerade im richtigen Moment, denn meine Scannerinnenseele war schon wieder auf dem Weg in die nächsten Projekte. Weil ich bis heute (ja, wirklich) nicht begriffen hatte, worum es bei mir vor allem im beruflichen bei mir geht.

Das alles hat auch erheblich frustrierende Seiten. Ich langweile mich schnell in einem Job. Wenn ich mal soweit bin, für eine bestimmte Stelle ein Handbuch erstellen zu können – was ich im übrigen schon häufig gemacht habe – wird es absolut kritisch für mich, weil ich vor lauter Langweile dann eben nicht mehr so gut arbeite. Insofern hat mir mein Studium, dass ich selbst finanzierte und dadurch häufiger auch mal die Stelle wechselte, sehr entsprochen. Bis dann, nach dem Studium in einem Vorstellungsgespräch gesagt wurde, dass ich ja nie lange wo gearbeitet hätte. Mal abgesehen davon, dass die Arbeiten, die man während eines Studiums annimmt, meist zeit begrenzt sind, fand ich doch meine 3,5 jährige Zugehörigkeit zum einem letzten Arbeitgeber im Studium einigermaßen lang. Leider gings mir zu jenem Zeitpunkt nicht allzu gut und ich wusste nicht, was ich heute weiß, sonst hätte ich mich da besser vertreten können.

Viele BloggerInnen scheinen ähnlich strukturiert zu sein. Viele unterschiedliche Interessen, oft einen hauptsächlich zufriedenstellenden Beruf, der einen ernährt oder keinen Plan, was man eigentlich machen will. Bloggen ist ja eine wunderbare Möglichkeit die eigenen Interessen auszutoben. Lasst mich in Ruhe mit monothematischen SEO optimierten Blogstrukturen, ab sofort, lebe ich die Vielfalt. Bin mal gespannt, wie das die nächste Zeit weitergeht.

*Vergesst auch den Klappentext, hier ist keine Not aus der eine Tugend gemacht werden muss.

2 Antworten zu “Scannerin

  1. Hallo somlu,
    ich fand gerade über das Suchwort Scanner diesen Artikel. Er gefällt mir sehr, und auch das Buch ist inzwischen eine meiner „Bibeln“ geworden. Gerne auch empfehle ich es weiter – und ich habe in der letzten Zeit festgestellt, wie viele Scanner eigentlich in der Welt herumlaufen und sich das Leben schwer machen. Das „Projektbuch“ steht inzwischen direkt an meinem Arbeitsplatz. Und wann immer ich gut drauf bin, kommen die Ideen und dann kommen sie da hinein :-) Der Scanner entspricht im Übrigen ziemlich der Seelenrolle des „Künstlers“, wie ihn Varda Hasselmann und Frank Schmolke in ihrem Buch „Archetypen der Seele“ beschreiben.
    Erfreute Grüße von Scannerin zu Scannerin
    Nimrouz

  2. Novemberkind

    Hallo,
    komme endlich mal wieder dazu deinen Blog zu besuchen. (Tote Hose am Arbeitsplatz *grins* )
    Toll das sich für Dich da eine so bedeutende Einsicht ergeben hat. *schulterklopf*
    In früheren Zeiten waren es ja „Freidenker“, „Forscher“, „Privatgelehrte“ oder schlicht „Adlige“ die sich einem solchen, nicht an verwertbarer Produktivität ausgerichteten, Lebenswandel hingeben konnten. Ich vermute ja, daß (abgesehen von einer pathologischen Spielart, dem „nicht anders können“) das „nicht anders wollen“ nur natürlich ist. Gäbe es doch nur das Postulat, daß man der Gemeinschaft ein nützliches Handeln schuldet, nicht. Wieviel Verwirrung und Schuldgefühl bliebe uns erspart…..

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