Die Wenigverdiener sind schuld

Ich habe ja im Rahmen meiner Magisterarbeit vier bundesweite Tageszeitungen untersucht und ihren Stil verglichen. Die Welt war erschütternd mieserabel geschrieben und im Vergleich zu den anderen dreien dermaßen tendenziös in der Berichterstattung, dass kaum auszuhalten war. Eigentlich wollte ich diese Zeitung für den Rest meines Lebens weiträumig meiden

Aber ich will euch dann doch diese Perle der journalisischen Argumentation nicht vorenthalten. Der staatliche Raubzug gegen die Mittelschicht. (via)

Denn der Staat holt sich seinen ungebremst steigenden Finanzbedarf dort, wo etwas zu holen ist. Und das ist nicht bei den Geringverdienern (was soll er da holen?) und auch nicht bei den Großverdienern. Von denen gibt es nämlich einfach nicht genug, als dass es der Rede wert wäre. Das behauptet nur Oskar Lafontaine und seine Linkspartei – wider besseren Wissens.

Lassen wir mal das plumpe Linkenbashing außen vor. Weil es zu wenig Grossverdiener gibt (die zwar die Masse des Vermögens halten) lohnt es sich erst gar nicht dieser Gruppe zu zuwenden. Nein, es sind die Geringverdiener:

Diese Wenigverdiener sind es nämlich, die das Gemeinwesen mit ihren Wohlstands- und Versorgungserwartungen in den Bankrott treiben. Mittlerweile sind es so viele, dass keine große Partei mehr an Ihnen vorbei kommt, wenn sie Wahlen gewinnen will. Längst sind die direkten und indirekten Empfänger staatlicher Leistungen (also in Wahrheit des Steueraufkommens) in der Mehrheit. Eine von staatlicher Sozialpolitik selbst geschaffene Mehrheit, gegen die niemand mehr regieren kann.

Ja, genau, denn dieser Staat hat ja so gar nichts damit zu tun, dass der Mittelstand schrumpft und sich viele gutausgebildete Menschen inzwischen in prekären Lebenssituationen wiederfinden.
In diesem Artikel werden wieder einmal Bürger gegen Bürger aufgehetzt. Ist ja auch sicherer für die Verantwortlichen, wenn die Menschen im Mittelstand tatsächlich glauben würden, dass die Geringverdiener schuld an ihrer Misere sind. Wenn nämlich der Mittelstand und das Prekariat endlich entdecken, dass sie einiges gemeinsam haben, wird es hier ziemlich ungemütlich. Einfach mal einen Blick auf Frankreich werfen. Das gibts zündende Ideen.

Dumdreist ist dem Artikel dann eine Miniumfrage beigefügt: Sollten die staatlichen Sozialleistungen gekürzt werden? Und obwohl sich die Welt wirklich Mühe gibt, die Verantwortung für die Abgabenlast den Geringverdienern und Aufstockern in die Schuhe zu schieben, haben zu diesem Zeitpunkt 66% dagegen gestimmt.

Liebe Welt, warum unterschreibt ihr eure Zeitung nicht gleich mit dem Slogan: Eure Armut kotzt uns an.

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2 Antworten zu “Die Wenigverdiener sind schuld

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