Einige Überlegungen zum Zugangsverhinderungsgesetz

Mein Erstaunen darüber, dass unsere PolitikerInnen dem Widerstand gegen offenkundig wirkungslose Verfahren gegen Kinderpornographie, die nur verdecken und nichts verhindern, ignorierten und verleumdeten, konnte bei mir in den vergangenen Wochen nicht größer sein. Die KritikerInnen dieser Politik zu Befürwortern von Vergewaltigung und Misshandlung von Kindern zu machen, macht mich immer noch maßlos wütend.

Ich habe ein paar Reden von Frau von der Leyen gehört, aus denen klar hervorgeht, dass sie unvorstellbar grausame Bilder über vergewaltigte Kinder gesehen haben muss. Ich selbst kann mir nicht einmal vorstellen, solche Bilder anzuschauen. Ihre Reaktion darauf ist nicht das beherzte und sofortige Einschreiten, dass Abschalten der Server, dass Auffinden und Verhaften der Verantwortlichen und die Aufnahme aller dieser misshandelten Kinder in eine Umgebung, die Sicherheit und Geborgenheit garantiert sondern das Aufstellen von Schildern. Schutzschilder, die verhindern sollen, dass sie und der Rest der Bevölkerung jemals wieder „sehen“ müssen, was unerträglich , ja nicht auszuhalten ist. Diese Bilder lösen mit Sicherheit bei nicht entgültig verrohten Menschen heftige Gefühle der Hilflosigkeit, Ohnmacht, impotente Wut und Schmerz angesichts des Leidens dieser Kinder aus.

Ich habe Frau von der Leyen dabei zugehört, wie sie über diese Bilder sprach. Sie deutete Grausamkeiten an, bei denen in mir Bilder aufstiegen, die ganz real Übelkeit in mir erzeugten. Mir selbst reichten diese Andeutungen vollkommen aus. Erstaunlich war ihre kühle, sachliche Darstellung dieser Andeutungen. Eine Sachlichkeit, die durch die Vehemenz mit der sie die Sache der Stoppschilder durchfocht, konterkariert wurde. Was nichts anderes bedeuten kann, als dass sie die Gefühle, die sie beim Anblick dieser Bilder gehabt haben musste, zurück gedrängt hat. Ihr ganzes Handeln ist darauf gerichtet den Anblick dieser Bilder zu vermeiden und dies scheinbar fürsorglich (damit alle, die aus Versehen auf diese Seiten geraten, geschützt sind) auf alle Mitglieder der Bevölkerung zu übertragen.

Das Zugangsverhinderungsgesetz hat hier eine ungeheuerliche Symbolkraft. Es zeigt, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Das Schild, dass jetzt aufgestellt wird, ist ein Schutz. Aber kein Schutz für die Kinder, sondern ein Schutz für uns alle vor unseren Gefühlen. Der Blick auf diese Bilder wird verstellt und damit auch auf unsere Gefühle, die wir beim Anblick solchen Leidens unwillkürlich haben müssen (wie gesagt, außer wir sind vollkommen verroht).

Die Abwehr von Gefühlen durch das Verstellen des Blicks ist eine Kulturtechnik unserer Gesellschaft. Denn indem der Blick verstellt wird, bleibt anderes erhalten, dass im anderen Falle in Frage stehen würde. Das Bild unserer Gesellschaft auf die Familie, die nach wie vor als Hort der Liebe und Geborgenheit beschworen wird. Dieses Bild muss um jeden Preis erhalten werden, denn dieses Bild stellt das Fundament unserer Gesellschaft dar. Ich selbst weiß immer nicht, ob ich lachen oder vor Wut aus der Haut fahren soll, wenn mir erzählt wird, dass ein Kind immer Mutter und Vater braucht, weswegen eine rechtliche Anerkennung von Lesben und Schwulen als vollwertige Eltern zurück gewiesen wird. Als wäre die physische Anwesenheit von exakt einer Frau und einem Mann der Garant für ein liebevolles und geborgenes Elternhaus. Ich kenne das anders und ich bin wahrlich nicht allein damit.

Wie die Realität hinter diesem Bild aussieht, dass es in den allermeisten Familien tradierten Misshandlungen aller Art von Kindern üblich sind, wird ja schon lange erfolgreich hinter diesem Bild verdeckt.

Und ein weiteres Bild würde zerstört werden, wenn wir uns der Wirklichkeit der Kinderpornographie stellen würden. Unser Bild von uns selbst. Denn das Leiden dieser Kinder muss uns mit unseren eigenen Leiden in Kontakt bringen. Es sei denn, dass wir uns komplett von unseren Gefühlen abgespalten haben. All die Kränkungen, Abspaltungen, Anpassungen an diese Gesellschaft (A. Gruen:Der Verrat am Selbst,1986) werden beim Anblick, bei mir reicht schon die Vorstellung, dieser Bilder berührt. Je nach dem, wie sehr wir in der Lage sind, diese Gefühle in uns zu tolerieren, können wir uns für diese Kinder einsetzen oder nicht.

Ich glaube auch, dass hier genau der Konflikt liegt. Glücklicherweise gibt es nicht wenige Menschen, die genug Kontakt zu ihren Gefühlen haben, dass sie begriffen haben, dass ein Verstellen des Blicks keine angemessene Reaktion auf das Leiden von Kindern sein kann. Auch wenn Frau von der Leyen und ihre Mitstreiter weiterhin auf ihre reduzierte Abwehr ihrer eigenen Gefühle beharrt. Auch mißbraucht Frau von der Leyen Mitgefühl und Fürsorglichkeit, in dem sie ihre Abwehr auf die Bevölkerung überträgt, um uns vor diesen Bildern zu schützen. Natürlich müssen wir KritikerInnen auch abgewehrt werden. Für mich ist dieser gigantische Abwehrmechanismus eine Erklärung dafür, wie es Frau von der Leyen und ihren Mitstreitern gelungen ist, den Widerstand, die sachlichen Erklärungen, die Fachleute und auch die Betroffenen komplett zu ignorieren. Denn Kinderpornographie und Kindesmißhandlung ist so ungeheuerlich in in einer Gesellschaft, die die sogenannte Kleinfamilie zur Keimzelle der gesamten Gesellschaft erhoben hat, dass wir sie nicht sehen sollen.

Arno Gruen (ebd.) schreibt in seinen Werken wie die Zerstörung der Autonomie, mit der die Übereinstimmung des Menschen mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen gemeint ist, zu einer Gesellschaft der Abhängigkeit, Anpassung und zu Herrschaftsanspruch führt. In unserer Welt sind die eigentlich Geschädigten, die, denen es gelingt, sich den Anforderungen einer Welt anzupassen, die von ihnen verlangt ihre ureigensten Bedürfnisse und Gefühle zu unterdrücken, um so als reduzierte Menschen in einer reduzierten Welt funktionieren zu können. Diese nennen wir dann erfolgreich. In diesem Kontext gilt Freiheit auch als Erlösung von den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, nicht die Verbindung mit unseren eigenen Bedürfnissen.

Wie dieses Schild, dass „uns“ vor unseren Gefühlen in Angesicht von Grausamkeit und Hass gegenüber Kindern erlösen soll.

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3 Antworten zu “Einige Überlegungen zum Zugangsverhinderungsgesetz

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