Fördern und Fordern – Überprüfung der Arbeitswilligkeit

Im Rahmen der Kampagne „Sanktionen wegbloggen“ werde ich (hoffentlich) in loser Folge einige Beiträge zur Umsetzung des Prinzips „Fördern und Fordern“ verfassen:

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Maßnahmen zur Überprüfung der Arbeitswilligkeit.

Von diesen Maßnahmen gibt es reichlich. Sie werden sowohl im für Leistungsbezieher im ALGII als auch im ALGI eingesetzt. Sie sind meist als Bewerbungstraining maskiert. Ihre Kennzeichen sind unsinnig lange Anwesenheitspflichten und eine unsinnig lange Dauer in Anbetracht der zu vermittelnden Inhalte. Meist läuft es darauf hinaus, dass die Teilnehmer spätestens ab Mittag vor den obligatorischen PCs hocken und die Zeit totschlagen. Die Maßnahmeträger werden teilweise scharf kontrolliert, damit die Behörden sicher sind, dass diese Zeiten auch eingehalten werden. Wenn die TeilnehmerInnen Glück haben, treffen sie auf engagierte DozentInnen, die wenigstens Teile der Zeit interessant gestalten. Es wird angeblich eine „Arbeitsplatzsituation“ simuliert. Unentschuldigte Abwesenheit führt zu Abmahnung und nach zwei Abmahnungen bekommt der/die TeilnehmerIn eine Kündigung. Was natürlich Sanktionen zur Folge hat. Was im übrigen gleichermaßen für ALGI und ALGII BezieherInnen gilt.

Jugendliche, die gerne eine geförderte Ausbildung oder Zusatzqualifikation machen möchten, werden gerne in solche Maßnahmen gesteckt. Sie sollen erst einmal beweisen, ob sie die durchhalten, bevor sie das machen können, was sie wollen. Natürlich ist es für sie nicht wirklich einsehbar, was sie dort sollen, entsprechend verhalten sie sich. Nicht wenige halten das nicht durch, da sie den Sinn des Ganzen nicht verstehen können.
In anderen Fällen sollen die Träger überprüfen, ob bestimmte Jugendliche überhaupt auf dem ersten Arbeitsmarkt einsetzbar sind. Diese Jugendlichen sind meist schwer zu händeln und quälen sich sehr damit, bis zu 9 Stunden ruhig sitzen zu müssen, wo sie den Sinn für sich nicht einsehen.

In solchen Kursen kommen also höchst unterschiedliche Menschen zwangsweise zusammen und müssen ihre Zeit absitzen. Für alle Beteiligten ist die Sinnlosigkeit dieser Maßnahme spürbar. Erwerbslose, die die von den DozentInnen und Einrichtungen angebotene Unterstützung in Anspruch nehmen wollen, bleiben in solchen Maßnahmen meist auf der Strecke.

Die von mir beschriebenen Maßnahmen sind noch die „besseren“, wenn man das überhaupt noch so sagen kann, explizite „Integrationsmaßnahmen“ sind das noch nicht.

Die DozentInnen, meist selbst in prekären Arbeitsverhältnissen, sind mal besser und mal schlechter qualifiziert. Außerdem kommen sie mit dieser Mischung an TeilnehmerInnen meist an ihre Grenzen. Meist werden mindestens ein Hochschulstudium, diverse Zusatzqualifikationen und regelmäßige Weiterbildungen von ihnen verlangt. Gleichzeitig sollen weder Maßnahme, Verwaltung noch Dozenten viel kosten. Die die Honorare der DozentInnen sind in den vergangenen 10-15 Jahre teilweise um mehr als 50% gedückt worden. Wir reden derzeit von Honorarstundensätzen zwischen 12 – 22 Euro je nach Träger, mit sinkender Tendenz. Es findet sich immer ein Träger, der Versuche von Seiten anderer Träger gegen die Vorgaben der Ausschreibungen zu protestieren, z.B. durch Nichtbewerben auf Ausschreibungen, unterläuft.

Vernünftige Maßnahmen, die Menschen begleiten, die zurück in einen Beruf wollen, sind kaum zu finden. Ich kenne in der Großregion Köln-Bonn exakt eine einzige. Dort treffen sich die TeilnehmerInnen ein bis zweimal die Woche über drei Monate. Keine und keiner wird dort zwangszugewiesen. Alle haben sich selbst für diese Maßnahme entschieden. Allerdings muss ich dazu sagen, in Anbetracht der Situation jederzeit in eine unsinnige Maßnahme zugewiesen werden zu können, ist es natürlich sinnvoll, dem zuvor zu kommen und sich selbst die Maßnahmen raus zu suchen. Insofern kann auch hier von einem indirekten Zwang gesprochen werden, solange es ansonsten nur solche unsinnigen Zwangsmaßnahmen gibt, die jeden Erwerbslosen treffen können.

Diese Maßnahmen spiegeln auch in sehr drastischer Weise die Haltung von Politik und Gesellschaft, dass Erwerbslosigkeit ein individuelles Problem sei, das durch genügend Anstrengung von jedem Einzelnen gelöst werden kann. Widerstand gegen solch unsinnige und demütigende Maßnahmen von Seiten der Teilnehmer sind mit Sanktionen bedroht, denn nicht nur das unentschuldigte Fernbleiben sondern auch die dauerhafte Arbeitsverweigerung kann Konsequenzen für die TeilnehmerInnen haben. Hier wird die Gesinnung der Erwerbslosen überprüft.Wie es die Studie der Uni Bielefeld in diesem April für die ARGEn schon festgestellt hat (Zusammenfassung auf heise.de).Erwerbslose sollen in ihrem Leben keinen anderen Sinn sehen, als wieder in Arbeit zu kommen. Egal unter welchen Bedingungen. Widerstand von Seiten der Träger ist kaum möglich.

Das ganze System ist vollkommen entwürdigend. Die miese Bezahlung von Trägern und DozentInnen macht sehr deutlich welchen Wert solchen „Fördermaßnahmen“ zugemessen wird. Erwerbslose sollen sich wertlos fühlen. Und sie wissen das auch. In der Konzeption solcher Maßnahmen, die schon durch die Ausschreibungen festgelegt sind, wird die gesellschaftliche Realität der Massenarbeitslosigkeit komplett ausgeblendet. Es geht nicht um ein echtes, am Einzelnen orientiertes Fördern, sondern um ein Kontroll- und Zwangsapparat, der den Menschen vermitteln soll, dass sie ohne Erwerbsarbeit keinen Wert habe, dass nur ihre ökonomische Verwertbarkeit zählt.

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15 Antworten zu “Fördern und Fordern – Überprüfung der Arbeitswilligkeit

  1. Pingback: somlu's status on Monday, 05-Oct-09 07:58:56 UTC - Identi.ca

  2. Pingback: links for 2009-10-07 « Nur mein Standpunkt

  3. Beides löschen, hab’s nich kapiert. Mit (blockquote)(/blockquote) krieg ich’s hin, aber mit „city“ dazwischen …

    Veruch’s ein letztes Mal:

    Klingt alles so harmlos „Fördern und Fordern“, so logisch, so einfach … Wer z. B. ‘mal Sprengers „Mythos Motivation“ gelesen hat, weiß wie schwer …

    Und wenn dann noch viele Hände beteiligt sind – Bund, Länder, AA, externe Kräfte und: Beamte! dann wird’s idR unsinnig bis unmöglich: Es werden Hürden und Hemmnisse aufgebaut, die den Menschen nicht gerecht werden, die auch den gutmütigsten ‘n bisschen unwillig, unverständig machen … und schon geht’s weiter mit der selbsterfüllenden Prophezeiung und man kann die Schraube weiter drehen, die Katze sich in den Schwanz beißen lassen!

    Die DozentInnen, meist selbst in prekären Arbeitsverhältnissen, sind mal besser und mal schlechter qualifiziert. Außerdem kommen sie mit dieser Mischung an TeilnehmerInnen meist an ihre Grenzen. Meist werden mindestens ein Hochschulstudium, diverse Zusatzqualifikationen und regelmäßige Weiterbildungen von ihnen verlangt. Gleichzeitig sollen weder Maßnahme, Verwaltung noch Dozenten viel kosten. Die die Honorare der DozentInnen sind in den vergangenen 10-15 Jahre teilweise um mehr als 50% gedückt worden. Wir reden derzeit von Honorarstundensätzen zwischen 12 – 22 Euro je nach Träger, mit sinkender Tendenz. Es findet sich immer ein Träger, der Versuche von Seiten anderer Träger gegen die Vorgaben der Ausschreibungen zu protestieren, z.B. durch Nichtbewerben auf Ausschreibungen, unterläuft.

    Ohne Worte und das gilt generell. Ich kann nur zwei Sätze dazu sagen: Viel fordern, selbst wenig bringen! und: Die ALDIsierung schreitet fort. (Selber in Ghina kaufen und wenn der Nachbar dann alo iss, schimpfen; dann macht der Nachbar dasselbe, jezz bin ich alo, jammern unn auf denn Staat, die öffentlichen Institutionen, mit einem Wort: Den großen unbekannten Dritten schimpfen, dat iss sowieso so ‘ne Art Generalbass)

    So sinnse halt die durchschnittlich einssiebzig hoch gestapelten Zellhaufen.

    Beste Grüße

  4. Aldisierung und viel Fordern und wenig bringen, bringt die Situation für die DozentInnen gut auf den Punkt.

    Das ist auch ein Effekt neoliberaler Bildungspolitik, solche Maßnahmen werden öffentlich ausgeschrieben und wer in der Lage ist, innerhalb des engen Rahmens, den die Ausschreibungen vorgeben, am günstigsten anzubieten, bekommt den Zuschlag. Das dabei nur Murks herauskommt und die Teilnehmer ist zwangläuftig. Wie schon oben geschrieben, es gab schon Widerstand in manchen Regionen aber es gibt halt immer einen, der dann trotzdem Unterlagen einreicht.

    Mir geht es um die Mentalität, die dahinter steht. Erwerbslose werden in unserer Gesellschaft so massiv abgewertet, als sei das Ziel allen humanoiden Lebens erwerbstätig zu sein. Dabei zeigt die Kulturgeschichte, dass das Streben der Menschen immer dahin ging, mehr Menschen mit weniger Arbeit zu ernähren. Jetzt wo wir in diesem Prozess sehr weit fortgeschritten sind, wird die Erwerbsarbeit zum Popanz aufgeblasen, zum einzigen wonach der Mensch von der Wiege (Vorkindergarten) bis zur Rente zu streben hat. Da in dieser Logik Erwerblose nichts wert sind, sind die Maßnahmen im monetären Sinne (und das ist ja im allgemeinen in dieser Gesellschaft der wertgebende Faktor) auch nichts wert. Damit die Arbeit vieler meist hochengagierter DozentInnen usw. Ein elendes System.

    Mythos Motivation kannte ich noch gar nicht.

  5. Ach so, die Zitierfunktion hier kapiere ich selbst nicht, ich mach das immer noch altmodisch mit „Gänsefüßchen“

  6. Mir geht es um die Mentalität, die dahinter steht.

    Achtung: Mentalität … da gibt’s mind. zwei: Die der Einen und die der Anderen. Über die der Einen (die da „oben“) hast Du als einer von unendlich vielen das unendlichtse mal reflektiert. An die Mentalität der Andern wird weniger häufig gedacht.

    „Ich bin doch nicht blöd“ und „Geiz ist geil“ sind doch keine Slogans aus einer anderen Welt, dat iss doch von Menschen für Menschen! Hab‘ ich die Wahl, neue Dachrinne für 3k€ beim Unternehmer mit Mitarbeitern (!) oder ich schließ‘ mich beim Nachbarn an und der Kumpeln von ihm macht das für mich – schwarz – für 900€ mit, dreimal darfste raten …! Schon ‚mal den Satz: „Brauchen Sie ’ne Rechnung …“ gehört? Unn, was haste gesacht? Auch der Jens filisofiertphilosophiert darüber nach, dat er sich keinen Smart mehr leisten kann, wenn der jetzige platt iss.

    Lässt sich endlos fortführen, lässt sich auch (sehr trefflich) gegenargumentieren … geschenkt.

    Alle guten Ideen sind schon gedacht – warum nie nachhaltig, also über viele Generationen, umgesetzt?

    Beste Grüße

    Mythos Motivation? http://www.amazon.de/Mythos-Motivation-Wege-einer-Sackgasse/dp/3593385031/ref=sr_1_5?ie=UTF8&s=books&qid=1254937783&sr=1-5
    Geb‘ Dir ’nen heißen Tipp: Bei ämäson die ISBN-Nr. raussuchen und Rezensionen lesen, beim örtlichen Buchhändler tel. bestellen – am nächsten Morgen da! Der selbe Preis, kein Stress mit Frachtfreigrenzen – Umsatz bleibt im Dorf … unn die Jungs von ämäson können sich selber einen pellen :-)

  7. Also, lieber Vogel, ich kaufe meine Bücher grundsätzlich beim Buchhändler um die Ecke, der auch noch ein Onlinebestellformular auf seiner Internetseite hat. Aber, bevor ich ein Buch kaufe (natürlich habe ich mir die Rezensionen schon angeschaut), leihe ich es mir oft erst aus der Bibliothek. Hab auch nichts zu verschenken.

    Zur Mentalität. Ich kann erstmal nur bei mir und den meinen anfangen und das mache ich auch. Dann ist da ein Mißverständnis, ich schrieb von der Mentalität, bzw. Haltung, die hinter solchen Maßnahmen steht und die ist ja eindeutig.

    Was das Thema „billiger bitte“ angeht, kann ich nur meine Schichtleiterin von vor Jahren zitieren:
    Billig ist teuer!

    Dem kann ich nur zustimmen, denn die Gesamtkosten einer Sache (Wieviel Resourcen wurden aufgewandt, um es zu produzieren und wer trägt diese Kosten) werden selten berücksichtig.

  8. hat n bisschen was von ddr… viele sind unzufrieden, aber kaum jemand traut sich. ich nehme mich selbst nicht aus. was mich aber überrascht, ist, dass die wähler offenbar nicht großartig was ändern wollen. also kann es uns ja nicht allzu schlecht gehen, oder?

  9. @Eurojobber
    Ich kann immer nur hierauf hinweisen. Das gibt einem `n bisschen Gefühl für Ohnmacht und Fatalismus und daher für die Frage: Warum kriegt keiner den Arsch hoch!
    Dazu kommt noch, dass es zuvielen zu gut geht (Brecht: Erst Fressen, dann Moral), wir viel subtiler als je zuvor, und permanent, manipuliert werden, die Informationsflut zusätzliche Angst macht („50 Tote in Wagadugu, darunter 51 Frauen und Kinder“) Und: Die „geistig moralische Wende“ seit ’82 nich vergessen – Dummsinn ohne Sendeschluss!

    Grüße

    PS.: Hast Du auch schon für die Petition gestimmt? Hier kommst Du direkt ans Ziel. Registrieren, einloggen, zur Petition S. 3, unten, abstimmen, fertig – Bürgerrecht wahrgenommen!

  10. […] ich kaufe meine Bücher grundsätzlich beim Buchhändler um die Ecke […]

    freut mich dass es noch mehr Menschen gibt, die noch einen Einzelhändler kennen. Vergiss meinen Tipp.

    Zur Mentalität. […]

    Ich seh‘ nich, wo wir da in der Quintessenz auseinander sind. Solche, richtigen, Statements klingen halt oft nach: „Die Andern …“ Dass Du Dir zuerst an die eigene Nase packst … seltene Spezies … iss Klasse und richtig.

    Was das Thema „billiger bitte“ angeht, […]

    das wusste auch schon John Ruskin, achtzehnhundertpaarundneunzig, und, hat’s jemand mitgekriegt? Ja, Deine Schichtleiterin, Du, Ich, Mickey Mouse und noch ’n paar andere. Mehr für den Dollar iss Volkssport! Und bescheissen iss auch Volkssport!

    Beste Grüße

    PS.: Köln iss um die Ecke!
    PPS.: Mein Kommentar an Eurojobber iss veschütt (da waren zwei Links drin, ob das daran liegt?) – kannste den wiederbeleben? Danke!

  11. Morgen Vogel,ich weiß nicht, wo dein Kommentar hin ist, ich habe nichts mehr in der Moderation. Und ja, ich behandle Kommentare mit Links ziemlich restrigtiv.

  12. *Schnauf* jetzt muss ich mir dat Dingen wieder neu zusammen basteln!? Nur weil ich auf Wikipediea und auf die Petitionsseite des BuTa verwiesen habe … sei nich so streng, Mama ;)

    Ich hab‘ natürlich Verständnis, Du trägst schon Verantwortung, deshalb: Okee – Eurojobber muss ‚bisschen warten.

    Erfolgreichen Tag für Dich

    PS.: Mittlerweile weiß ich, dass blockquote für Zitate funktioniert. Weißt Du ob (a href=die zu verlinkende InternetURL hier eingeben)Text eingeben der als Linkbeschreibung dienen soll(/a)- mit eckigen Klammern natürlich – für Links funktioniert? Vielleicht lag’s ja auch daran?

  13. Ne, Vogel, das ist ein Mißverständnis, bei mir geht alles mit Link in die Moderation aber ich lösche nur sehr sehr selten. Dein Kommentar war überhaupt nicht in meiner Moderationsliste vorhanden.

  14. Okee, verstanden. Ich war’s wohl selber (ich bin der Kupferwurm :)

    Grüße

  15. Ich habe deinen Kommentar doch noch gefunden, doch kein Kupferwurm ;-), war im Spamfilter gelandet.

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