Das Glas ist fast leer

Die Koalitionsgespräche sind beendet und die neue Regierung ist vereidigt. Was für ein Elend. Inzwischen frage ich mich nicht mehr, ob unsere Politikerdarsteller auf dem Mond leben, sondern nur noch auf welchem, möglicherweise Io oder Hyperion oder Hydra, wahrscheinlich einer der weiter entfernten, erdnah kann nicht sein.

Glauben diese Pappnasen da in Berlin tatsächlich sie könnten diese Förderung der Versicherungswirtschaft, die sie da ausgekungelt haben, noch als Interessenvertretung des Volkes vertreten? Oder gehen sie sowieso davon aus, dass sie ja nur von einer Minderheit gewählt wurden (in absoluten Zahlen), so dass es eh egal ist. Was soll das eigentlich, mit dieser doch so offensichtlichen Förderung der Versicherungen? Privatisierung von Gesundheitsvorsorgen, Privatisierung der Arbeitslosenversicherung, die ganzen Privatisierungen, die in den vergangenen Jahren schon gelaufen sind (z.B. Berufsunfähigkeitsversicherungen). Manchmal kann ich es kaum glauben, dass dies anderen nicht genauso ins Auge springt, wie mir.

In den letzten Tagen hatte ich ständig die Phantasie, dass in 10 oder 20 Jahren, vielleicht auch erst in 50 Jahren eine junge Studentin eine tiefe Recherche für ihre Magisterarbeit anstellt und die ganzen Schmiergeldzahlungen, die in letzten 20 Jahren zwischen Versicherungswirtschaft und Politikerdarstellern ausgräbt und belegen kann.

Auch der Kurs in der Gesundheitspolitik, der in der Spur des teueresten Gesundheitsystem der Welt gehalten wird, ist so unfassbar dumm. Viele Regierungen der Welt schielen auf unser Gesundheitssystem und hätten es auch gerne oder was ähnliches oder das was wir mal vor 20 Jahren hatten oder so. Aber nein, die komplett merkbefreiten PolitikerInnendarsteller, allen vorne weg unser neuer Außenminister, werben für die Privatisierung von allem und jedem, dass es einem schlecht werden kann.

Man könnte ja einfach nur noch eine gesetzliche Krankenkasse einführen. Was das an Vorstands und Lobbygeldern freisetzen würde, die für die Versicherten eingesetzt werden.

Wie melden heute die Nachdenkseiten, 2,04 Stundenlohn wären noch nicht sittenwidrig. Bitte was? Ja, ne, wir brauchen für die Sicherung unserer Sicherungssysteme keinen Mindeststundenlohn. Wieso auch. Ich erinnere mich noch an diesen unsäglichen „Pakt für Arbeit“, der die Gewerkschaften dannn entgültig unglaubwürdig machte. Stillhalten für Arbeitsplätze, die dann nicht kamen. Hat das irgend jemand ernsthaft geglaubt? Ich nicht. Damals schon nicht und der enttäuschte und etwas verständnislose Ausspruch des IG-Metall-Vorsitzenden, dass die Zugeständnisse der vergangenen 10 Jahre keinerlei Änderungen bei der Arbeitsplatzsituation herbeigeführt habe, löste bei mir nur den Impuls aus, den guten Jungen mal in den Arm zu nehmen und ihm zu erklären, dass die Welt eben so ist oder so.

Wenn ich schon immer diesen Ausspruch lese oder höre „Es sei nicht die Aufgabe von Unternehmen sozial zu agieren, sondern Gewinne zu erwirtschaften“ so oder so ähnlich. Ja, warum denn nicht? Wieso ist das Soziale da ausgeklammert, wieso werden Soziales, die Folgen für die Umwelt usw. ausgeklammert? Was ist das für eine seltsame Welt, die fundamentale Abhängigkeit aller von allen (ja, ja ich weiß, ist ein bisschen polemisch) ignoriert? Unternehmen brauchen ein Umfeld, dass ihnen Infrastruktur, ausgebildete Menschen und sozialen Frieden sichert. Nur so sind sie in der Lage erfolgreich zu arbeiten. Wieso, zur Hölle, soll das dann nicht auch zu ihren Aufgaben gehören an der Herstellung dieser Situation beteiligt zu sein? Und das nicht nur durch gesetzgeberischen Zwang sondern auch durch Selbstverständis? Wenn Unternehmen juristisch schon als Personen behandelt werden, wieso erwartet man dann keine Manieren am Eßtisch von Ihnen, sondern lässt sie wie unter 3 Jährige agieren, die kognitiv noch nicht in der Lage sind, mit anderen zusammen zu arbeiten oder unter 2 Jährige, die sich noch nicht in andere hineinversetzten können? Nicht nur dass man sie lässt, nein, man propagiert sogar, dass ein solches Verhalten sozusagen das „natürliche“ Verhalten von Unternehmen ist. Über die Natur und ihre Ursprünglichkeit sollte doch seit Rousseaus Emile Klarheit herrschen.

Die neoliberalen Setzungen erzeugen eine asoziales, pathologisch Gesellschaft in der der Traum vom komplett alleinstehenden hedonistischen Menschen als Ideal (der Traum aller Marketingabteilungen, nix mehr mit sozialen Kontakten oder Netzwerken, alles muss gekauft werden), der doch nichts anderes ist als ein schwer kranker Menschen.

So pessimistisch kann ich gar nicht sein. Ich weigere mich nur ein leeres Glas als voll zu bezeichnen.

4 Antworten zu “Das Glas ist fast leer

  1. Hi somlu,
    der Post iss, glaub´ich, schon wat älter, oder? :-D Trotzdem: Klasse. Besonders die Metapher mit den Monden, die iss eifach guud!

    Kommentieren im Sinne von kristisieren kann ich da wenig. Zwei Punkte, die mich bei Gelegenheiten immer wieder reizen, will ich doch ´mal ´n bisschen „beweisheiten“:

    Als Erstes:

    Glauben diese Pappnasen da in Berlin tatsächlich sie könnten diese Förderung der Versicherungswirtschaft, die sie da ausgekungelt haben, noch als Interessenvertretung des Volkes vertreten?

    Frage: Wie unterscheidet sich die private Versicherung von der gesetzlichen?
    1. Die private strick´ ich mir nach meinen Bedürfnissen – die gesetzliche muss ich fressen wie sie ist. Als grundsicherenden Generalbass für alle nich verkehrt aber nix worüber man in Hochrufe ausbrechen müsste!
    2. In Sache Rendite lügen sie beide: Die private Versicherung iss natürlich nich für das Wohl des VN gedacht sondern für den Shareholder und sein Value und für den Menetscher und seine Spielchen. Die gesetzliche iss analog gedacht: Für die Politniks, für deren und ihrer Partei Gedächtnis und für Pöstchenschiebereien und für Wahlergebnisse.
    3. Gemeinsames Geheimnis beider: Sie schöpfen aus dem selben Topf: Leistung! (ganz allgemein gesagt) Nachdem nun beide nich (mehr) pleite gehen können, die Privaten wegen der Systemimmanenz, die gesetzlichen weil systemimmanente Staaten gehen heutzutage halt nich pleite iss auch die Sicherheit gleich – solange eine Leistung dahinter existiert. (Hier kommen wir in ganz andere Probleme. Bitte nich …)

    Als Zweites:
    Das solidarische Tragen von Sozialkosten das u. a. auch hier besungen wird: Von wem stammt das Märchen, der AG gäbe aus seiner Tasche etwas zu den Sozialkosten zu (im Sinne von „der Teil steht mir zu, davon, von meinem Teil also, geb´ ich freiwillig, solidarisch etwas zu Gunsten des AN ab um dem das Tragen der Sozialkosten zu erleichtern“, von wem stammt diese fromme Lüge eigentlich?? Wie intelligente Mensche jemals auf so´n Scheiß reinfallen konnten – mir rätselhaft! Der AG kennt nur die Personalkosten als einen zusammengefassten Posten! Punkt! Und es ist im egal, in wie viel Teile er den zerschneiden soll, in ein vor Brutto Abgezogenes, in 13 oder 14 Teile oder wie auch immer … dieser eine Job, dieser bestimmte, darf nur x kosten, und keinen Cent mehr – und da sind alle Kosten drin. Punkt!

    Gut´s Nächtle

  2. Ich finde deinen Kommentar eher als Ergänzung. Allerdings merke ich persönlich zunehmend, dass ich eben so gestrickt bin. Ich wäre bereit, deutlich mehr in Gemeinschaftskassen zu zahlen, wenn ich sicher wäre, dass das Geld eben auch dieser Gemeinschaft zugute käme. Eben deshalb der Gedanke an eine gesetzliche Kasse und ja, die müsste ich dann so nehmen wie sie ist, bzw. es müsste ein gesellschaftlicher Diskurs über die Gestaltung einer solchen Kasse geben. Ja, da setze ich ne Menge voraus aber eine andere Idee habe ich nicht. Da wir ja alle immer weniger arbeiten, gibt es ja auch immer mehr Zeit für solche Diskussionen außer man redet den Menschen und dann sich selbst immer ein, man müsse im Hamsterrad „ohne Erwerbsarbeit bin ich nichts wert“ bleiben.

    Und wie Arbeitgeber rechnen ist mir wurscht, ich weiß auch, dass die gern alle Kosten verlagern wollen. Das ist ja was ich kritisiere. Die Kosten, die die in der Gesellschaft/auf diesem Planeten verursachen, die gehören mit in die Diskussion. Es ist mir auch egal, dass sich da welche dann über meine vermeintliche Naivität drüber stellen, weils doch so ist. Ja und? Ich werde nicht aufhören, all diese Fragen zu stellen und ich werde das wohl in nächster Zeit verstärken, weils not tut.

    Wieso ist eine Unternehmenshaltung in der sogenannte „Externalitäten“ eben nicht existieren nicht ebenso selbstverständlich denkbar, wie das was wir derzeit erleben. Ich als Kleinstunternehmerin bestelle mein Büromaterial ja auch bei einem Dienstleister, der den Fokus auf nachhaltig und ressourcenschonende Materialien hat. Mal abgesehen davon, dass das nicht wirklich teurer ist (für den Moment gesehen) ist es auch in der langfristigen Perspektive billiger, weil wir es uns nicht mehr leisten können unsere Ressourcen zu verschleißen. Ich versuche das so gut es geht zu leben. Weil ich weiß, dass meine Handlungen Auswirkungen haben. Klar, mit der Begründung hab nur wenig Einkommen, muss sparen usw. ließe sich alles begründen aber wenn unseren Kindern und natürlich auch uns die Luft zum Atmen fehlt, endet alle ökonomische Profitmaximierungsideologie.

  3. Tach somlu,
    denke auch, dass wir in wichtigen Dingen nich sehr weit auseinander sind – ich bin halt nur´n bisschen desillusionierter als Du und andere Kommentatoren.

    In Einem Punkt muss ich Dir allerdings energisch widersprechen:

    Und wie Arbeitgeber rechnen ist mir wurscht, ich weiß auch, dass die gern alle Kosten verlagern wollen.

    Den Satz solltest Du noch´mal dringend überdenken. Ganz einfach: Weil die AG nie einen solidarischen Beitrag geleistet haben, leisten und leisten werden iss jede Senkung der „Lohnnebenkosten“ nix anners als ´ne ganz klare Lohnkürzung (Senkung der Lohnkosten klingt richtig niedlich, gelle). Dat wollen die!

    Beste Grüße

  4. Tach Vogel,

    was mir noch einfällt, dein Einwand oben, in dem du mir energisch widersprichst. Mit, wie die Arbeitgeber rechnen usw. meinte ich lediglich, dass ich mir ihren Standpunkt nicht zu eigen mache. Von daher gibt es nichts zu widersprechen ;-)

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