Tauschticket verändert sich grundlegend und wird gebührenpflichtig

Die Grundidee von Tauschticket als es noch Buchticket hieß: man träumte vom größten Bücherregal der Welt und ermöglichte Menschen, die den gleichen Lesegeschmack haben untereinander tauschen zu können. Keine Kosten, wenn man mal von Porto und Verpackung absieht. Das Prinzip war einfach, ein Buch, ein virtuelles Ticket wofür man ein anderes Buch bekommen konnte.

Ich kenne die Anfangszeigen von Tauschticket nicht wirklich. Ich habe es erst kennen gelernt, als es schon die Möglichkeit gab Filme, Spiele und Cds zu tauschen. Damals aber noch nicht übergreifend zwischen den Kategorien.

Veränderungen über Veränderungen

Dann kamen nach einigen Monaten weitere Änderungen, man konnte die Tickets Kategorien übergreifend tauschen und es wurde möglich für ein Buch, Spiel, eine CD bis zu 5 Tickets zu verlangen. Dann wurde die Kategorie „Alles Mögliche“ eingeführt, die es den Usern ermöglichte von Gesichtscreme über Bastelmaterial bis Kleidung schlichtweg alles gegen die virtuelle Währung dieser Seite zu tauschen.
Ich war dort einige Jahre sehr aktiv, sowohl beim Tauschen als auch im dortigen Forum. Es gelang mir immer mal wieder seltene und vergriffene Ausgaben bestimmter Bücher zu ergattern, was mich sehr glücklich machte. Auch gefiel mir die Community sehr gut, die im großen und ganzen aus großzügigen und freundlichen Leseratten besteht.

Dann kam noch ein Relaunch der Site, die auch mit einer Überarbeitung des zugehörigen Forums einherging.

Jetzt wird dies aber wohl vorbei sein. Ab dem 4.10.2010 wird die Firma Internext, die hinter der Seite Tauschticket seht, für jeden Tauschvorgang beim Anforderer 0,49 Cent erheben. Bis zu diesem Datum auch keine Neuanmeldungen möglich.

Von der Community getragen

Tauschticket war – meiner Wahrnehmung nach – immer eine extrem communitybasiertes Plattform. Im dortigen Forum wurden die Bücher, die gegen Tickets nicht mehr weggingen, mittels Spielen vertauscht, ganze Pakte voller Bücher auf die Reise geschickt (auch anderes aber ich war dort primär wegen der Bücher) und auch viele viele Hilfen für Schul- und Gemeindebüchereien organisiert. Um nur mal eine kleine Auswahl zu nennen.

Auch bin ich mir sicher, dass viele Menschen, die im Forum gar nicht in Erscheinung getreten sind, die Seite weiter empfohlen haben. Ich habe diese häufig gemacht und denke damit zur Größe der Seite mitbeigetragen zu haben.

Als die Mehrticketregelung eingeführt wurde, überlegte ich das erste Mal ernsthaft Tauschticket zu verlassen. Ich habe das dann nicht getan, weil Tauschticket schlicht, die größte Gemeinschaft an Tauschern und die größte Anzahl an Büchern hatte. Und bei meinen Tauschinteresse brauchte ich ein möglichst große Gemeinschaft.

Seit die Firma Internext die statistischen Daten von der Hauptseite genommen hat, ist die Anzahl der User dort nur schwer zu schätzen aber der Buchbestand ist beeindruckend, 1,4 Mio eingestellte Bücher -auch wenn diese Zahl im absoluten nicht zutreffend sein soll – so ist doch eine beachtliche Auswahl an Büchern vorhanden.

Flagschiff versenken

Schade, es war eine wirklich gute Idee und sicher auch eine Art Flagschiff der Firma Internext, die davon lebt:

– Professionelle Planung, Beratung, Konzeption sowie Realisierung von Internet/ Intranet-Projekten und eCommerce-Lösungen
– Entwicklung und Betrieb kommerzieller Datenbanken und Shop-Systeme
– Erstellung individueller Fax-/Email-Dienste sowie SMS-Lösungen
– Konzeption,Realisierung und Betrieb effizienter Suchmaschinen

Im allgemeinen ist es nicht vernünftig Flagschiffe zu versenken.

Ob Internext, im Verhältnis zu anderen gebührenpflichtigen Anbietern dieser Art, es schafft einen relevanten Marktanteil zu erreichen, steht in den Sternen. Aber die Marktingstudie, die zu diesem Schritt und der Art und Weise, wie dieser kommuniziert wurde, erstellt wurde, würde ich doch dann bei Gelegenheit mal lesen wollen. Ich fürchte aber, dass es so gelaufen ist, wie ich es auf vielen Unternehmen kenne, keine Studie, keine vernünftige Marktanalyse, kein strategisches Vorgehen usw. Und ja, auch sogenannte Internetunternehmen verhalten sich oft genug dem Internet gegenüber hoffnungslos ahnungslos und naiv.

Kommunikation #fail

Was mir aber in all den Jahren immer aufgestoßen ist, ist die Kommunikationspolitik des Unternehmens Internext mit den Userinnen und Usern des zugehörigen Forums. Üblicherweise wurden – obwohl es eine communityabhängige Seite ist, Veränderungen mitgeteilt und nicht weiter kommentiert. Als User konnte man sich im dortigen Forum die Finger wundtippen, ohne eine einzige Reaktion von Seiten der Betreiber. Leider kann man das nicht mehr nachvollziehen, da seit dem Relaunch der Seite alle älteren Thread aus dem Bereich „Neues bei Tauschticket“ verschwunden sind. Wie auch schon bei vorherigen Änderungen quilt das dortige Forum von Beiträgen über. Die Plattform ist zeitweise nicht erreichbar. Aber seit bald 3 Tagen ist keine weitere Äußerung von Internext an die User ergangen.

Ich gehe davon aus, dass es keine weiteren Informationen von Seiten der Betreiber wird, mal abgesehen von den genauen Details der angekündigten Veränderungen, die in vieler Hinsicht noch fehlen (nachzulesen im dortigen Forum). Ein Eingehen auf Vorschläge von Forumsbeteiligten würde mich sehr überraschen.

PNs überwacht?

Was aber fast noch dramatischer ist, ist, dass scheinbar die Privaten Nachrichten der User überwacht werden und alle die in ihren PNs mögliche Alternativen zu Tauschticket weitergeben, gesperrt werden. Wenn das stimmen sollte, so bringt dies dann für mich das Fass entgültig zum Überlaufen. Sicher wer im Forum von Tauschticket solche Alternativen postet, ist meiner Ansicht nach selbst schuld. Aber die privaten Nachrichten, die sich die User untereinander schicken? Das Vorgehen scheint, soweit mir bekannt ist, rechtlich in Ordnung zu sein aber ob man so mit Usern umgeht, die teilweise seit der ersten Stunde dabei sind, steht auf einem anderen Papier. Was natürlich auch auf alle anderen zutrifft.

Auch scheint die Firma Internext der Begriff Streisand-Effekt vollkommen unbekannt zu sein. Wie ja scheinbar auch jede Empfehlung für Onlinemarketing. Auch hat Internext meiner Meinung nach mit seinem Vorgehen den Ruf der Tauschbörse beschädigt. Allein die Einträge auf Twitter und diversen Blogs werden die Sache weiter tragen

Was bleibt?

Meiner Ansicht nach hat Tauschticket trotz des miserablen Umgangs mit den Usern funktioniert und zwar weil zum einen das Angebot soweit kostenlos war und zum anderen von einer sehr treuen Gemeinde an „BücherfresserInnen“ getragen wurde.

Ich habe die Seite immer geschätzt, weil ich dort Menschen traf, die 2000 und mehr Bücher sein eigen zu nennen, vollkommen normal fanden und andere, die einen ähnlichen Buchgeschmack wie ich hatten. Ich habe jede Menge Anregungen für mir unbekannte Autorinnen und Autoren bekommen und so hat sich mein Buchbestand im Laufe der Jahre eher vergrößert als verkleinert. Besonders geschätzt habe ich die Möglichkeit, dort Ausgaben meines doch hochspezialiserten Sammelgebietes (Science-Fantasie) finden zu können.

Selbstverständlich muss ein Unternehmen betriebswirtschaftlich denken aber nicht nur, denn der Erfolg einer solchen Site ist von den Usern abhängig. Dass diese so sträflich vernachlässigt werden, wundert mich schon lange. Auch finde ich diese „Gebühr“ relativ hoch. Denn bisher konnte man bei Tauschticket einfach mal ein Buch anfordern, weil man neugierig war, auch wenn es schon sehr alt und abgegriffen war. Das wird wohl nicht mehr stattfinden und wenn ich die neuen AGB richtig verstanden habe, sind die von mir erwähnten Tauschspiele nicht mehr möglich, wie auch die beliebten 2:1 Tausche (Zwei Bücher für ein Ticket) nicht mehr möglich. Mit der Gebühr von 0,49 Euro ist die Idee sich schnell mal ein Buch anzufordern, einfach weil es interessant klingt, gestorben.

Im dortigen Forum werden unterschiedliche Möglichkeiten der Finanzierung der Plattform diskutiert, über eine deutlich niedrigere Gebühr, Jahres- oder Monatsbeiträge, gestaffelte Preisgestaltung usw. Meine bisherigen Erfahrungen mit der Firma Internext sagt mir aber, dass zu all diesen Vorschlägen keinerlei Reaktionen kommen werden. Was sehr schade ist.

Ich selbst werde mein virtuelles Regal am Wochenende auf die Seite meinbuch-deinbuch umziehen und bei Tauschticket einen Schlussstrich ziehen. Selbst wenn die Firma Internext ihr Vorgehen noch mal überdenkt, bleibt doch ein bitterer Nachgeschmack. Ich persönlich bin nicht mehr bereit eine Dienstleistung mitzutragen, die keinerlei Respekt vor den Menschen zeigt, die sie groß gemacht haben.

Ich wünsche allen, die bleiben eine bessere Kommunikation mit den Betreibern, einen stabilen Server und vor allem, dass sich das Tauschen/der Handel dort für sie lohnt.

5 Antworten zu “Tauschticket verändert sich grundlegend und wird gebührenpflichtig

  1. Pingback: Alternativen zu Tauschticket « Just life …

  2. Tauschticket habe ich immer etwas skeptisch gesehen – das liegt aber daran, dass ich als Bookcrosser eh schon bei einer Platform bin die ein etwas anderes Konzept hat, im Endeffekt aber kann man auch bei Bookcrossing genau das tun was man bei Tauschticket kann. Halt aber nur für Bücher, nicht für anderes Gedönse. Die von Dir angesprochene Kommunikationsunfähigkeit fiel mir schon sehr früh auf, das ist bei Bookcrossing zum Glück anders.
    Von daher: Ich war dort nie Mitglied, ich kenne die Plattform aber seit ihrem Beginn. Schade, dass man jetzt offenbar das Ebay-Modell übernimmt anstatt das Freemium-Modell von Bookcrossing. Allerdings: Solange es Optionen gibt bei denen ich nichts bezahle, warum sollte ich dann bei einer Plattform bleiben?

  3. Na ja, Bookcrossing und Büchertauschen sind schon zwei verschiedene paar Schuhe, im letzteren geht das Buch in mein Eigentum über, im ersteren nicht. Ich kann Bookcrossing nix abgewinnen, ist mir zu stressig den Büchern hinterher zu laufen und wenn es eines ist, dass ich möglicherweise gerne behalten will, geht das auch nicht. Insofern finde ich beides nicht miteinander vergleichbar.

    Wie auch immer, mein Regal bei Tauschticket steht jetzt auf Urlaub bis ich alle Bücher zu meinbuch-deinbuch umgezogen habe. Ich werde mich allerdings nicht löschen lassen und ab und zu mal schaun, wie sich das weiter entwickelt. Fängt ja heute schon gut an, eigentlich sollte heute bis 14:00 Uhr Tauschticket down sein, aber bisher ist alles beim Alten.

  4. Eine Alternative zu Tauschticket und meinbuch-deinbuch wären noch Hitflip und Balu die allerdings auch nicht kostenlos sind. Eine neue Tauschbörse – http.www.swapy.de – die zwar kostelos ist, aber noch ein recht überschaubares Angebot hat.

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