Sprachlos

Es erscheint mir wie eine halbe Ewigkeit, dass ich hier einen Beitrag geschrieben habe, so etwas kommt vor und kam in diesem Blog immer mal wieder vor. Allerdings so konsequent, wie in den vergangenen Monaten habe ich mich selten zurück gehalten. Meinen Feedreader habe ich nur geöffnet, um auf den „Alles gelesen“ Button zu klicken und meine Tageszeitung hat ihren Lebenszweck darin gefunden als Renovierungsbedarf verwertet zu werden. Nachrichten in Fernsehen oder Radio habe ich konsequent gemieden.

Interessanterweise habe ich trotzdem die wichtigsten Entwicklungen immer noch mitbekommen und sie haben mich nicht darin bestärkt meine Verweigerungshaltung zu beenden. Mir kommen diese Zeiten vor als würde sich unsere Hochkultur ihrem dekadenten Ende zuneigen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in Deutschland lebe, das meinem Eindruck nach an einerapathischen Lähmung im Bereich des sozialen Widerstandes leidet. Ja, ich weiß, das Wendland und Stuttgart21 – ja ich habe es mitbekommen und ich habe sehr wohl realisiert, dass es mehr Menschen im Wendland waren als je aber ich bin in einem anderen Bereich unterwegs und wenn ich mir die Dimension der „sozialen Verrohung“ der gehobenen Mittelklasse und höher anschaue, die Resignation der Menschen, die hier wenig Chancen haben mit Arbeit auch nur ihren Lebensunterhalt zu verdienen, die Naivität der Menschen, die nicht mehr spüren, dass die SGBII Gesetzgebung sehr wohl auf die ArbeitnehmerInnen zielt. Eben diese ganze asoziale Agenda von Politik und Medien. Ich blogge nun mehr schon seit weit über 5 Jahren und in meiner Wahrnehmung hat sich die Situation vor allem im sozialen Bereich immer weiter verschärft.

Die stählerne Ignoranz unserer sogenannten Volksvertreter in Berlin, ihre Verbrüderung mit dem Kapital macht mich sprachlos. Die saudämlichen und durchsichtigen Tricks, mit denen sie versuchen ihr unglaubliches Desinteresse an Menschen jenseits der Büros der Lobbyisten im Bundeskanzleramt umzusetzen, das alles macht mich so sprachlos. Für den SGBII Regelsatz werden jetzt einfach nicht mehr die unteren 20% der Einkommensgruppen herangezogen, sondern nur noch die unteren 15% und das nachdem gerade diese Bevölkerungsgruppe in den vergangenen 5 Jahren immer weiter verarmte. Zynisch und verachtend finde ich das. Und die Reaktion darauf? Die Reaktion derer, die im System der ARGEN zu Bittstellern degradiert werden, statt ihnen ihr Bürgerrecht im Angesicht schwindender Arbeitsplätze zu geben? Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die doch tatsächlich glauben, das alles betrifft sie nicht, wenn sie sich nur noch mehr anpassen und mehr Verzicht leisten, um ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Was ihnen aber nichts nutzen wird, wenn dieses im Zweckrationalismus versunkene Wirtschaftssystem entscheidet, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Die Gut verdienenden und Reichen, die in dieser Republik und nicht nur hier immer mehr haben und trotzdem jammern, dass sie benachteiligt werden.

Und weitere Themen: Wirtschaftskrise, Exportfixierung, Umwelt, Regenwald, Kinderarbeit, Ausbeutung, Palmfett, Schokolade, Diamanten, Klimaveränderung, Kriege ….die Liste ist so lang. Eine Wirtschaft und Politik, die im rasenden Sinkflug, glaubt zu fliegen? Medien, die in jedem noch so großartigen kreativen Protest, die drei Deppen finden, die Steine schmeißen und diesen Typen in einer 30 Sekunden Maz 26 Sekunden einräumen. Wobei ich den Steinschmeißern zunehmend mehr Sympathie entgegen bringe. Manchmal denke ich, wir bräuchten viel mehr davon. Schade ist nur, wie sie dazu instrumentalisiert werden, Widerstand im gesamten zu entwerten. Ganz zu schweigen von der Situation, dass unsere oberste Wirtschaftsvertreterin sich vor die Kameras stellt und Menschen, die auf Gleisen herum sitzen zu Gewalttätern erklärt. In Spanien wurde jetzt Militär eingesetzt, um einen Streik zu beenden? Mir fehlen die Worte. Warum nicht gleich erschießen, gibt bestimmt genug Arbeitslose, die für weniger mehr arbeiten werden. Ach es ist einfach zum Kotzen.

Wer sich mit Geschichte beschäftigt, weiß, dass es eine Widerholung ist, die gezielte Verstärkung der sozialen Kälte und die Förderung des zweckrationalistischen Denkens haben in den 20er bis 30er Jahren in Deutschland zu einer Situation geführt, die noch lange Synonym für einer der brutalsten und menschenverachtensten Diktaturen sein wird. Die „Verhaltenslehren der Kälte“ (Lethen) sind nichts neues. Um so erschreckender, wie sich dies wiederholt.

Aber ich weiß auch, dass es für andere Menschen anders ist. Ich bin immer wieder überrascht, was Menschen sich so alles erzählen lassen und wie wenig kritisch sie sind. Manchmal schwanke ich zwischen Wut und Mitgefühl angesichts der Menschen, die sich so hilflos machen lassen.

Ich habe zu alle dem schon geschrieben, und jeden Tag tauchen weitere Punkte auf. Ich bin all dessen so müde. Aber ich lese ab und zu wieder meine Zeitung und schau auf den Nachdenkseiten vorbei. Aber sehr verhalten. Vielleicht liest man hier wieder mehr von mir, ich weiß es noch nicht. Ich bin noch da.

6 Antworten zu “Sprachlos

  1. Oh yes, – you schpeak me out of my soul!
    und schön, dass du noch da bist.

    lg
    G.

  2. novemberkind

    Auch wenn’s nicht viel nützen mag: Sei trotzdem umarmt!

  3. Ich hab ja auch immer mal wieder Pause gemacht, deshalb lese ich dies erst heute und freue mich, dass Du wieder da bist!
    Deine Abrechnung mit der besch… Situation bei uns macht mir fast ein schlechtes Gewissen. Du hast in allem Recht, und ich frage mich, ob es an meiner noch bequemen Rentnerinnensituation liegt, dass ich noch recht abgeklärte Äußerungen zur Tagespolitik abgebe. Deine Berichte zu HartzIV haben mich immer ziemlich aufgerüttelt, und gleichzeitig hilflos gemacht.
    Oder wie soll ich das ausdrücken.

  4. Vielleicht ist das eine Lektüre für dich?
    Der kommende Aufstand geschrieben vom unsichtbaren Komitee http://pdfcast.org/pdf/der-kommende-aufstand

  5. Deine Stimmung verstehe ich, glaube ich, gut.
    Bitte nicht verstummen! Das nicht!
    Die Freude des Daseins empfinden und sei es die allerkleinste, ein Atmen.
    Und davon erzählen.
    Einen Gedanken fassen, und sei es der allerkleinste.
    Und davon erzählen.

  6. huhu, Somlu, Dir auch ein gesundes + glückliches neues jahr an dieser Stelle + danke für deinen Blog :-)

    Gruß bibi

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