Das Märchen vom faulen Arbeitslosen

Ich frage mich ja sowieso, warum irgend jemand noch meint, dass solche Studien überhaupt noch notwendig sind. Andererseits weiß ich zu genau, dass es noch genug Menschen gibt, die diesen Glaubensätzen der Politpropaganda nachplappern.

Das Argument geht ungefähr so: Geringqualifizierte wollen nicht arbeiten gehen, weil sie mit den Leistungen aus dem SGBII mehr zur Verfügung haben, als wenn sie arbeiten gehen.

Mal abgesehen davon, dass dieses Argument so nicht stimmt, ist das Argument vollkommen falsch. Es nicht die Schuld der Erwerbslosen, dass in diesem Land so meise Löhne bezahlt werden, dass dieses Almosen, dass in diesem Land „Grundsicherung“ genannt wird, diese Löhne überzeigen kann. Die Realität sieht deutlich anders aus.

Was die meisten Erwerbslosen wollen, ist eine Arbeit, die es ihnen ermöglicht ihre Familien und sich anständig zu unterhalten. Das ist ja auch schon alles bis zum Abwinken durchgerechnet, dass das Argument der zu teuren Arbeitskraft vollkommener Blödsinn ist, denn anständige Löhne hätte positive Effekte auf Steuern, Sozialkassen und Konsum, dass sich das wieder ausgleichen würde.

Woher ich das weiß? Ich plaudere jetzt mal aus dem Nähkästchen: Seit über 3 Jahren arbeite ich inzwischen als Dozentin, Trainierin und Coach im Bereich Bewerbungstraining, EDV und noch so einiges. Manchmal ist das schon seltsam, Teil dieses Systems zu sein und ich bin auch sehr erleichtert, dass sich gerade in den letzten Monaten einige Möglichkeiten aufgetan haben, die es mir ermnöglichen nicht mehr in arbeitsmarktpolitsche Maßnahmen mein Geld zu verdienen. Was aber auch mehr damit zu tun hat, dass Maßnahmen, die durch die Arbeitsagentur finanziert werden auch ür die Dozenten nicht gerade toll sind, weder was die Bedingungen angeht, noch die Bezahlung. Andererseits gibt mir meine Arbeit jede Menge Möglichkeiten Sand und Schrauben ins Getriebe zu werfen. Interessanterweise ist es mir auch immer wieder gelungen, bei solchen Trägern oder wenigstens in der jeweiligen Niederlassung auf Leute zu treffen, die da mitgemacht haben.

In Maßnahmen von der Arbeitagentur sitzen sie also, all diese Menschen, die da sein müssen, weil ihnen sonst Sanktionen drohen. Diese Maßnahmen sind alles andere als sinnvoll und dass ist allen Beteiligten vollkommen klar. Was ich aber sagen kann, dass ich im Laufe der Jahre unterschiedlichste Menschen in Arbeitslosigkeit kennen gelernt habe und alle wollten Arbeit. Alle, na ja, vielleicht waren da ein oder zwei dabei, die das nicht wollten aber selbst bei denen liegen die Gründe dafür tiefer und sind mit einem Disziplinierungsinstrument, wie dem SGBII, nicht zu lösen.

Was sie aber definitiv nicht wollen, egal, ob sie in Küchen Gemüse putzen wollen, als Lastkraftfahrer arbeiten oder im kaufmännischen oder im gewerblichen Bereich tätig sein wollen: Sie wollen nicht irgendeine Arbeit, die irgendwie bezahlt wird. Denn das ist ja das Credo der Politik als Antwort auf höhere Produktivität in unserer Gesellschaft: Du musst jede Arbeit zu jeder Bezahlung annehmen.

Sie wollen eine anständige Bezahlung, anständigen Umgang mit ihnen als Menschen. Sie wollen keine Zeitarbeitsfirmen, die sie 3 Tage kostenlos Probearbeiten schicken, die Kohle dafür kassieren und dann den nächsten probearbeiten schicken (nein,das ist kein Horrorszenario, das gibt es häufiger als ich je vermutet hätte). Sie wollen keine Arbeitgeber, die Einstiegskohle für sie kassieren und sie dann wieder rauswerfen, wenn das ausläuft. Sie wollen eigentlich überhaupt keine Zeitarbeitsfirmen, die sie mit Stundenlöhnen zwischen 6,50 – 7,60 beschäftigen, was zum Leben einfach nicht reicht. Sie wollen auch nicht hören, dass sie selbst Schuld sind an ihrer Situation, die ist eh schon schwierig genug. Sie wollen auch keine Sachbearbeiter in der Behörde, die ihre persönlichen Machtbedürfnisse an ihren „Kunden“ austoben, was regelmäßig geschieht.

Das ist nämlich inzwischen so, dass die Mitarbeiter bei den ARGEn, die den Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen wollen, immer weniger werden und leider nur die übrigbleiben, die sich mit den Glaubensätzen der faulen und unwilligen Klientel super identifizieren können.

Ein Beispiel? Ein junger Mann braucht nur einen aktuellen Schweißschein, um sofort wieder in Arbeit zu kommen. Stattdessen wird er in ein Bewerbungstraining von 6 Wochen, 9 Stunden am Tag gesteckt. Eine der Maßnahmeformen, die ein reines Disziplinierungsinstrument darstellen, weil es nur darauf ankommt, dass die Teilnehmer pünktlich und regelmäßig anwesend sind. Jedenfalls haben wir ihm geholfen einen schriftlichen Antrag auf den Schweißkurs zu stellen und ihm auch erklärt, dass er eine Eingliederungsvereinbarung nicht unterschreiben muss, wenn er sich erst einmal beraten lassen will. Leider ließ sich kein Beistand organisieren, das ganze fand in einer ländlichen Region statt, da sind die Hilfestrukturen nicht vorhanden. Bei seinem nächsten Termin gab er den Antrag ab und wollte die Eingliederungsvereinbarung nicht sofort unterschreiben. Daraufhin drohte die Sachbearbeiterin seinen Antrag auf den Schweißkurs sofort abzulehnen, wenn er die Eingliederungsvereinbarung nicht unterschreibe. Er hat unterschrieben.

Solche Beispiele sind alltäglich und zeigen, wie das SGBII von den Sachbearbeitern als Herrschafts- und Disziplinierungsinstrument mißbraucht wird.

Den meisten TeilnehmerInnen solcher Maßnahmen ist ein kritisches Denken, dass Entscheidungen einer Behörde wie der ARGE in Frage stellt, sehr fremd. Dann spielt das systemische dieser Institution auch eine große Rolle, dass die Menschen klein macht und sie zu Bittstellern degradiert. Selbst für mich war es immer wieder mal schwer nicht in regressive Verhaltensweisen zu verfallen.

Ich kann jeden Menschen verstehe, der nicht bereit ist, zu mieserabler Bezahlung, meisen Arbeitsbedingungen und mit miesen Verträgen zu arbeiten. Obwohl viele auch das versuchen, wenn sie denn dann auch mal über das berüchtigte Probearbeiten hinaus kommen. Die Menschen wollen einfach ihr Leben leben, die Kränkung, dass sie das nicht tun können, wirkt tief und die unzähligen Kränkungen, die durch die Institution ARGE ihnen zugefügt wird, hilft nicht dabei, dass sie Arbeit finden. Dazu braucht es in der derzeiten Arbeitsmarktsituation viel Kraft Selbstbewußtsein.

Da zeigt sich dann auch, dass es bei dem ganzen Arbeitslosen-Komplex nicht um die Erwerbslosen geht. Die sollen sich mies fühlen, damit die, die noch Arbeit haben Angst bekommen. Wie es ja auch hier ja auch treffend beschrieben wird.

2 Antworten zu “Das Märchen vom faulen Arbeitslosen

  1. Planetsafer

    Bravo! Endlich traut sich eine Insiderin von der „anderen Seite“ (Arge) mal die Fakten auf den Tisch zu legen die von ihren Arbeitgebern und der Politik stets abgestritten wird!

  2. @Planetsafer, nur um das klarzustellen, ich bin keine Angestellte der ARGE bzw. Jobcenter. Mal abgesehen davon, dass ich das nicht wollte (soviel Schmerzensgeld können und wollen die gar nicht zahlen, würden die mich nicht wollen, mein kritischer Standpunkt quillt mir sozusagen aus jeder Pore. Meine Kunden gehören u.a. zu der sogenannten Arbeitslosenindustrie, wobei ich darauf achte und mir das glücklicherweise auch immer mehr gelingt, mir die dabei rauszupicken, die sich nicht den Glaubensätzen der Politik über Erwerbslose verschrieben haben.

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