Sprachliche Sichtbarkeit

Ich verfolge ja seit einiger Zeit wieder die Diskussionen in Bloggersdorf.

Im Kontext Gender schlagen die Wogen oft sehr hoch. Vor allem wenn es um die Benennung von Gender, biologisches Geschlecht, Begehren usw. usf. geht. Cis-Gender z.B. war mir bis vor ein paar Wochen als Begriff weitgehend unbekannt und ich verdanke es dem Podcast >> „heiter scheitern“, dass ich da einigermaßen durchgestiegen bin. Die Begriffe werden oft mit unterschiedlicher Bedeutung verwendet und auch darüber wird gestritten. Ja, es ist nötig sich mit diesen Begriffen auseinander zusetzen, wenn man sie einigermaßen verstehen will. Aber mal ehrlich mit Mann- und Frau-sein haben wir uns alle seit unserer Geburt auseinander gesetzt und nur deshalb erscheint das so selbstverständlich.

Eben beim Zähneputzen ging mir durch den Kopf, dass ich das super finde. Richtig super und entlastend, dass in den vergangenen 20-30 Jahren Begriffe entstanden sind, die mich in die Lage versetzen, meine Identität, wie ich sie empfinde, besser fassen zu können.

Die Auswahl ist im Vergleich zu den 80er Jahren riesig geworden. Damals hatte ich mein lesbisches Coming out. Ich war eine Lesbe, die mit ihrer Feministät nicht so recht in die damalige Lesbenszene passte. Was gabs da eigentlich für Begriffe?

Geschlechtsidentität: Mann, Frau
Begehrensidentität: Homosexualtität (lesbisch, schwul), Bisexualität, Heterosexualtität.

Natürlich gab es damals auch schon Transsexuelle, allerdings war das die Zeit, wo man noch den Unterschied zwischen Tanssexuell und Transvestit klar machen musste. Und natürlich gab es auch Intersexuelle aber die waren überhaupt kein Thema.

Wenn man sich irgendwie mit den Zuschreibungen, die an diesen Begriffen hängen, nicht recht identifiezieren konnte, war man im sprachlichen Bereich komplett aufgeschmissen. Ich musste oft stundenlang erklären, was ich meine weil es keine Worte dafür gab. Und wenn es sprachlich etwas nicht gibt, ist es meist auch unsichtbar. Eine These, die in der Linguistik in den späten 80ern und frühen 90ern schon diskutiert wurde und sogar zu der wunderbaren Science Fiction Trilogie der Linguistin Suzette H. Elgin führte.* Heute scheint diese Diskussion wieder >>aufzuleben.

Und heute?
Da ich eine scharfe Trennung nicht mehr so recht machen kann, also so:
Frau, Mann, Trans*, Inter, butch, femme, Cis-Gender, lesbisch, schwul, homo, queer, hetero, pansexuelle, ftm, mtf, mono, poly ..ehm gibt noch mehr, fallen mir grad nicht ein.

Wie wunderbar, ich kann mich heute als queere cis-Femme bezeichnen und komme dem recht nahe, wie ich meine Identität derzeit wahrnehme. Okay, viele Menschen verstehen das heute noch nicht und deswegen verwende ich dieses Vokabular auch nicht überall. Das ist okay für mich. Ich muss ja auch nicht in jeder Sekunde meines Lebens meine Identität zur Debatte stellen.

Aber was mir aufgefallen ist und was ich noch viel wichtiger finde. Diese Begriffe scheinen jede Menge Reaktionen hervorzurufen. Oft abwehrende, oft wird in bestimmten Kreisen über bestimmte Begriffe gewitzelt. Ich erinnere mich an unterschiedliche Kommentarbereiche, wo der Begriff Cis-Gender Thema war. Aber wisst ihr was, damit bewirken diese Begriffe auch was. Denn egal ob angenommen oder abgewehrt, sie machen klar, dass die Beschreibung geschlechtlicher Identität und Begehren nicht mehr so einfach ist. Allein die Existenz dieser Begriffe erzeugt ein Klima des Infrage stellens. Und das ist richtig klasse. Diese Begriffe brechen althergebrachte Selbstverständlichkeiten auf. Der Streit um ihre Bedeutung und wie man diese füllt, ist dem geschuldet, dass selbst diese Begriffe – Begriffe überhaupt – Eindeutigkeit abfordern, bzw. eine Übereinkunft über ihren Inhalt. Eine Eindeutigkeit, die es eben nicht gibt.

Klar, wird die Sache damit etwas unübersichtlicher und das ist gut so, weil das Selbstverständnis, wie ich jemanden lesen, in Frage gestellt wird. Wenn jemand sich in einer Runde von Menschen befindet, wird er oder sie in Zukunft möglicherweise erst mal fragen müssen, wer weiblich oder männlich angesprochen werden will und zwar unabhängig davon, wie ich die anwesenden Menschen wahrnehme. Der Umstand sich sprachlich noch entscheiden zu müssen, stört mich immer mehr. Unsere Sprache zwingt uns noch eine solche Entscheidung treffen zu müssen, insbesondere das Deutsche macht es einer da echt nicht leicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass dies irgendwann auch einem sprachlichen Wandel unterliegen wird.

Es wird sprachlich sichtbar und damit für die Welt sichtbar, dass es mehr als nur Frauen und Männer gibt, dass Geschlechtsstereotypen eben genau das sind, Stereotypen, die mit der Realität der Menschen oft nicht viel gemeinsam haben.

*In den 80 Jahren gab es einige wunderbare feministische Science Fiction Romane. Die Trilogie der Linguistin >>Suzette H. Elgin „Amerika der Männer“, „Die Judasrose“ und „Earthsong“ (erschien nie in deutsch) schildert eine Dystopie in der, wie man heute sagen würden, die Maskulinisten, die Frauen engültig zu Eigentum und kleinen Kindern degradiert haben. Die Erde hat Kontakt mit Aliens und für die Kommunikation mit ihnen werden spezialisierte LinguistInnen gebraucht, die in sieben großen Clans organisiert, als DolmetscherInnen fungieren. In diesen LinguistInnenfamilien gelingt es den Frauen nach und nach eine Art Emanzipationsbewegung aufzubauen und dafür entwickeln sie eine eigene Sprache, eine Sprache, die die unbenannte Realität abbildet. Suzette H. Elgin hat diese Sprache, das Laadan, wirklich entwickelt und eine Grammatik (die ich auch mein eigen nenne) dafür entwickelt. Es gab wohl auch Kassetten für das Erlernen der Aussprache, die ich leider nicht mehr bekommen habe. Ein Beispiel für die Benennung von unbenannter Realität war der Nicht-Geburtstag. Er bezeichnete die Situation, wenn eine Mutter ihren eigenen Geburtstag vorbereiten und ihre Gäste bewirten muss und deswegen vor lauter Arbeit keinen Geburtstag feiern kann.

3 Antworten zu “Sprachliche Sichtbarkeit

  1. Das mit dem ‚Nicht-Nicht-Geburtstag‘ verstehe ich nicht. Doppelte Verneinung müsste doch dann wieder sowas wie Geburtstag ergeben, oder stehe ich jetzt total auf dem Schlauch. Wenn eine ihren ‚Nicht-Geburtstag‘ feiern würde, damm würde ich das verstehen, es ist eben kein Geburtstagfeiern, wenn man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, sich um andere zu kümmern, statt sich feiern zu lassen.Was bedeutet also das zweite ’nicht‘?
    Aber es klingt echt spannend!

  2. Du hast vollkommen recht, ich ändere das gleich. Ist schon eine Weile her, dass ich die Bücher gelesen habe. :) danke für den Hinweis.

  3. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Leben auf Diät, Hunger nach Wörtern – die Blogschau

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