Die links-alternative Erziehung

Gestern Vormittag habe ich mir den, wie so oft, ausgezeichneten Podcast von heiterscheitern* angehört. Maj, Steff und Laufmoos ranten dort über ein heteronormatives Projekt, das neben der krassen Ignoranz gegenüber nicht cis-heterosexuellen Familien auch einige Punkte über deren Vorstellung zu Kindererziehung widerspiegelt, die bei mir ziemliche Übelkeit ausgelöst haben. Schockiert habe ich wahrnehmen müssen, dass die heutigen „links-alternativen“ Eltern, zumindest die, die für den im Podcast erwähnten Reader verantwortlich zeichnen und die damit ja auch einen Überblick über die aktuelle Situation abgeben wollen, keinen Deut irgendwas durchgearbeitet haben oder verstanden haben, was Kinder angeht.

Was mich so schockierte, war die Stelle, wo das Kinderbild dieser Menschen deutlich wurde. Es behauptet, dass Kinder bis in die Pubertät keine Identität haben. Und dass sie durch den „Feind“ beeinflußt werden und von den Eltern beigebogen bekommen sollen, was richtig oder falsch ist. Maj, Laufmoos und Steff regen sich zu recht darüber auf und ich rege mich darüber auf, weil ich das so gut kenne. So gut, dass es mir beim Zuhören anfing körperlich schlecht zu werden.

Ich bin 1968 in Frankfurt geboren, meine Mutter studiere zu dieser Zeit und mein Vater ging Arbeiten und kümmerte sich, neben haufenweise Bekannter und entfernter Verwandter, um mich. Meine Mutter war voll involviert in das, was heute als die 68’er Bewegung bezeichnet wird und sehr stolz darauf einen Mann aus der Arbeiterklasse geheiratet zu haben. Sie hatte auch ein paar sehr konkrete Vorstellungen über meine Erziehung und wie ich zu sein und zu werden habe. Wobei sie sich keinen Deut dafür interessierte, was ich vielleicht wollte. Also eine eigene Identät als Kind wurde mir „mit besten Wissen und Gewissen“ nicht zugestanden. Ich vermute mal, ohne dass ich mich da natürlich an die ganz frühen Zeiten erinnern kann (für spätere Zeiten gibt es eingie Erinnerungen, die da evident sind), dass es da auch so ein Feindbild gab, das ja auch im Podcast erwähnt wurde. Das nämlich ein Kind, ich also, wenn ich mich für die falschen Sachen interessiert habe, damals in meiner Familie Comics, Barbie, Cola und Nutela, ich sozussagen mit dem Feind kollaborierte. Es gab neben diesen Konsumbeispiele auch noch Beispiele für mein Verhalten, ich hatte selbstbewusst (als Haltung nicht als Bewusstsein), ein „anderes“ Mädchen, „politisch“ und selbstständig zu sein. Infolgedessen wurde ich schmerzlich allein gelassen, wenn ich mal was nicht konnte oder nicht klar kam. Wenn ich nicht klarkam und diesen Erwartungshaltungen nicht entsprach, war ich auch der Feind. Das schaffen nur Menschen, die Kinder für identitätslos halten und das ist echt übel.

Alles in allem, war meine Kindheit und Jugend von einer Menge Ansprüche an mich geprägt und wenig davon, dass sich jemand für mich oder meine Person wirklich interessiert hätte. Interessanterweise haben andere, die ähnliches erlebten in diesen Jahren und ich uns immer erkannt. Oft mussten wir uns nicht mal ansprechen, wir wußten es einfach.

Dass diese Haltung von Eltern offenbar seit 40 Jahren nahtlos und unhinterfragt weitergegeben wurde, war die Stelle, wo mir so schlecht wurde, beim Zuhören.

Ja, ich kenne einzelne andere Beispiele. Meine Großcousine, die es irgendwie ohne Therapie geschafft hat, sich von meiner Familie abzugrenzen und ihren Sohn anders zu behandeln, Freundinnen und Freunde, die Eltern sind und ihre Geschichten durchgearbeitet haben oder noch durcharbeiten und ihren Kindern gegenüber mit Respekt und Wertschätzung auftreten konnten.

Die Vorstellung, dass da irgendwo Kinder sind, die mit den gleichen respektlosen und ihre Person ignorierenden Eltern leben müssen, macht mich echt traurig. Ich kann nur hoffen, dass diese Kinder irgendwo in ihrem Umfeld Menschen haben, die ihnen helfen, zu erkennen, dass es auch anders geht.

Kinder sind nicht die Verlängerung der Identitäten ihrer Eltern oder Bezugpersonen!

*Ursprünglich wollte ich etwas in dieser Art in die Kommentare schreiben, hab mir aber dann überlegt, weil es mich persönlich so triggert, es hier zu schreiben. Ich bin auch froh, dass es Menschen, wie maj, tutnurso und Laufmoos gibt, die klar sehen und es anders machen. Danke dafür meine innere Kleine hat sich gefreut euch zu zuhören.

12 Antworten zu “Die links-alternative Erziehung

  1. Du sprichst mir aus der Seele! Traurig, daß ‚eigentlich‘ nette Leute diese wichtige Lektion in Bezug auf Kinder nicht lernen wollen. Ungetrübte Selbstsicherheit in Bezug auf eigene Positionen … wo kommt das eigentlich her? Haben doch sonst nur Politiker(?) und Lehrer(?)

  2. Dazu passt dieses Gedicht:

    Wer Kindern sagt
    Ihr habt rechts zu denken der ist ein Rechter
    Wer Kindern sagt
    Ihr habt links zu denken
    der ist ein Rechter

    Wer Kindern sagt
    Ihr habt gar nichts zu denken
    der ist ein Rechter
    Wer Kindern sagt
    Es ist ganz gleich was ihr denkt
    der ist ein Rechter

    Wer Kindern sagt
    was er selbst denkt
    und ihnen auch sagt
    dass daran etwas falsch sein könnte
    der ist vielleicht
    ein Linker

    (von Erich Fried, glaub ich)

  3. dieandereperspektive

    futuredwin, weise Worte und zum Artikel auch mir nur allzu gut bekannt. Doch bin ich auch dazu erzogen worden kritisch zu denken und das wurde auch in der Schule noch gefördert, während das heute eher nicht mehr der Fall ist.

  4. Ja, klar, das mit dem kritischen Denken (so als Anspruch) war bei mir auch Teil des 68er-links-autonomen Kinderprojektes. Aber bitte nur im Doublebind: „Sei kritisch, aber nicht mir gegenüber“.

    Interessanterweise hat diese links-autonome Haltung meiner Mutter nicht lange vorgehalten, als ich so um die 5 Jahre alt war, bröckelte das zunehmebnd und es wurde deutlich (zumindest für mich im Nachhinein), dass darunter autoritäre Strukturen lagen.

  5. dieandereperspektive

    Verglichen mit der Erziehung, die meine Eltern genossen, war ja die von mir genossene ziemlich fortschrittlich. Ich denke das Kritische gegenüber den Eltern ist so der schwierigste Teil, den nicht alle soverän lösen können, weil es ein schmaler Grad zwischen Autorität und autoritär ist, der dann ganz gerne verpeilt wird. War es doch noch in meiner Kindheit auch öffentlich völlig normal, dass man für jede Lapalie eine Ohrfeige einstecken durfte und ich noch in der 3. Klasse Grundschule vom Lehrer geohrfeigt werden durfte.

  6. Es ist eben so: Es findet sich nicht nur in rechten sondern auch in linken Millieus ein bestimmter sehr selbstgerechter Habitus.
    Klar fände ich es auch schön, wenn meine Tochter später mal meine Gedanken aufgreift, aber letztlich stecke ich da zu wenig drin. Das ist nicht schlecht, sich das jetzt schon mal klar zu machen. Eine beliebte Art zu rebellieren ist ja, einen anderen Weg einzuschlagen, als den der Eltern. Also grätscht man bei seinen Kindern vielleicht nicht allzu hart rein, das könnte nach hinten losgehen.
    Aber es ist schon schwierig: wie rede ich mit meiner vierjährigen Tochter, wie lese ich ihr vor. Um Genderstrukturen in Frage zu stellen ist es vielleicht noch etwas zu früh. Ich versuche ihr Interesse an pink, rosa und Babys nicht zu fördern, aber gegensteuern will ich aus obigen Gründen eigentlich auch nicht. Ist total schwierig…….

  7. Pingback: hs47 krass - heiter scheitern

  8. Ich komme über die Mädchenmannschaft hier her.

    Ich selbst bin eher konservativ erzogen worden. Es gab zwar keine Strafen aber auch kein Lob. Meine Eltern haben mich nie als Person wahrgenommen, ich habe nur als etwas existiert für das man Geld verdienen muss und das Arbeit macht. Es gab keine Gespräche und keine Gefühle.

    Ihr habt ja recht mit eurer Kritik an den Eltern, aber es ist heute so schwer Kinder zu erziehen. Und ich finde es so unendlich schwierig mich von meiner eigenen Erziehung zu lösen und es anders zu machen und meinen Weg zu finden. Wie soll man jemanden respektieren und sich frei entfalten lassen, wenn man das für sich selber nicht mal gelernt hat? So theoretisch ist das ganz einfach, aber wenn man täglich mitten drin steckt, dann ist das gar nicht so einfach, ehrlich.

    Allen, die noch kinderlos die Erziehung anderer kritisieren, rate ich: schreibt eure Gedanken auf. Wenn ihr selbst Kinder habt können sie euch helfen euch wieder daran zu erinnern, wie ihr es eigentlich machen wolltet. Und manches seht ihr dann vielleicht auch anders. Manchmal versteht man dann auch seine eigenen Eltern plötzlich, oder merkt dass die vielleicht manchmal auch einfach nur ängstlich, unsicher oder überfordert waren.

    Und letzt endlich glaube ich, selbst meine Eltern haben es einfach so gut gemacht wie es ihnen möglich war und haben vermutlich nichts Böses gewollt.

    So dass, war mein Plädoyer für mehr Verständnis für die Eltern. Sorry, dass das so lang geworden ist. Das musst ich wohl mal irgendwo los werden. Sorry, das war halt jetzt hier, Somlu.

  9. So ein kleiner Gedanke von mir:

    Vielleicht ist es so, dass eine politisierte Erziehung sehr leicht dahin geraten kann, dass hier die Wünsche von Kindern unter die Räder geraten.

    Warum & wieso das so ist, darüber müsste ich mir noch Gedanken machen. Irgendwie ist das mit den „besten Absichten“ nicht so einfach.

  10. Ich habe das Gefühl, von meinen in der NS-Zeit sozialisierten Eltern sehr viel freier und libertärer (Zitat Mutter: „Den habe ich gar nicht erst zu erziehen versucht“) aufgezogen worden zu sein als Du, Somlu. Wahrscheinlich deswegen, weil sie die Scheiße ihrer eigenen Lebensumgebung kannten. Wobei die Tatsache, dass Vater (mit 16!) SS-Hauptsturmführer und Mutter Tochter eines eingeknasteten Oppositionellen war für ihre Nachkriegsliebe keine Rolle spielte.

  11. Vielen, vielen Dank für diesen Blogpost. Ich komme auch über heiter scheitern hierher, und ich bin gerade dabei, die Folgen meiner eigenen ‚erfolgreichen‘ linksalternativen Erziehung aufzurollen und hatte mich damit bisher für völlig allein gehalten (Kleinstadt).
    Insbesondere auch so skurrile Dinge wie der ideologische Zwang, selbstbewusst zu sein (weil Mädchen), erkenne ich sehr genau wieder.
    Ich finde für mich auch bis heute noch schwer zu trennen zwischen den weitestgehend freiheitlichen, fortschrittlichen Ideen, denen gegenüber ich mich immer noch weitestgehend ‚loyal‘ fühle, und der emotional gewaltvollen, erpresserischen Umsetzung ‚in mir‘.

  12. @madove schön, dass du hergefunden hast. Ich wünsche dir viel Kraft und Ausdauer bei dem Unterfangen diese Aufgabe zu bewältigen. Ich meine das ganz ernst. für mich wird es wohl ein Lebensthema bleiben, von dem ich immer mehr weiß und es deshalb nicht mehr soviel Macht über mich hat aber wirklich los, werde ich es wohl nie werden.

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