ALGII, Inge Hannemann und die Medien

Wer sie noch nicht kennen sollte, seit einigen Monaten wird Inge Hannemann, ihres Zeichens derzeit freigestellte Jobcentermitarbeiterin, die vor einem Jahr begann ihre Erfahrungen als Mitarbeiterin dieser Behörde öffentlich zu machen (>> altona bloggt), durch die Medien durchgereicht(1).

Ich habe Respekt vor dem Weg den Inge Hannemann eingeschlagen hat. im Kampf gegen diese antisoziale Verarmungspolitik, brauchen wir jeden* und jede*. Allerdings geht es mir schon eine Weile so, das ich immer wieder, wenn ich Ihr auf Twitter oder Facebook oder auf ihren Internetseiten folge, einen bitteren Geschmack im Mund. Irgendwas störte mich mehr und mehr. Ich fragte mich wiederholt, wieso auf ihren Seiten weder auf die einschlägigen Erwerbslosenberatungsstellen hingewiesen wird noch auf das Erwerbslosenforum Deutschland. Lediglich auf einige ausgewählte Internetseiten und Verbündete weist sie hin aber dass es da schon lange eine große – von den Medien weitgehend ignorierte – Bewegung gibt, kommt irgendwie nicht vor. Dann recherchierte ich immer mal wieder auf den mir bekannten einschlägigen Seiten. Denn oft genug geht so ein Schweigen auf irgendwelche Konflikte zurück, die sich manchmal im Netz auffinden lassen. Es ist wenig zu finden. Das empfinde ich als große Diskrepanz, denn seit weit über 10 Jahren engagieren sich Menschen gegen die aktuelle Sozialgesetzgebung (das geht ja weiter als nur das SGBII) aber irgendwie kommen die im Kontext zu Inge Hannemann kaum vor.

In den letzten Monaten interessierten sich zunehmend auch reichweitenstarke Medien für Inge Hannemann. So, lassen sich bei einer flüchtigen Suche doch etliche Beiträge gern unter der Schlagzeile „die HartzIV Rebellin“ finden. Gestern nun war Inge Hannemann zu Gast bei SternTV. Nach dem Einspieler gab es eine kurze Gesprächsrunde, die weitgehend repräsentativ für vergleichbare Bericherstattung mit und über Inge Hannemann ist. Am Ende weist der anwesende Personalrat der Jobcenter darauf hin, dass Inge Hannemann und er nicht so weit von einander entfernt wären. (Nach dem er Minuten vorher wieder am Mühlrad der Eigenbemühungen gedreht hatte). Denn die Arbeitssuchenden und Leistungsbezieher säßen ja im gleichen Boot. Sie hätten ja keine Lobby bei den Wirtschaftsorganisationen und alle gemeinsam was tun könnten. Der Moderator erwidert darauf, dass man ja nur hoffen könne, dass dieser Dialog zustande käme und was sie (also stern tv) dazu betragen könne, wäre ja auch kein Fehler. Vor erklärte er noch wie spannend die Diskussion wäre und dass sie Informationen zusammengestellt hätten auch für Erwerbslose. (2)

Mich hat das sehr fassungslos gemacht und ich twitterte heute Morgen:

Die Medienberichterstattung über @ingehannemann macht alle Kritike*innen des ALGII-System, die seit 11 Jahren kämpfen, unsichtbar #sterntv

Das ist auch schon länger, was mich so stört,@ingehannemann ist nicht die erste, die anderen wurden ignoriert, marginalisiert und der 1/2

2/2 gesamte Diskurs als Faulheitsproblem dargestellt, auf einmal kommt @ingehannemann und wird von den Medien als Lichtgestalt inszeniert

Wie wäre es denn mal damit Vertreter*innen der diversen Erwerbslosenberatungsstellen und -initativen in Sendungen wie #sternTv einzuladen

Aber ne ist klar, Erwerbslose und ihre Allies sind natürlich nicht halb so glaubwürdig, wie eine Jobcenter-Mitarbeiterin, ist zum Kotzen

Kann ja nicht sein, dass #ALGII -Leistungsbezieher*innen und solidarische Orgas Expert*innen in eigener Sache sind #paternalistischerscheiß

Das ist es auch genau, was mich an den Geschichten rund um Inge Hannemann so stört, die Medien tun plötzlich so, als sei der Umgang mit Sanktionen durch die Mitarbeiter*innen der Jobcenter land auf land ab, erst seit dem Auftauchen von Inge Hannemann überhaupt ein Thema.

Es stört mich gewaltig und macht mich sauer, dass das tägliche Engagement von hunderten Erwerbslosen on- und offline durch diese Art der Bereichterstattung vollkommen marginalisiert und unsichtbar gemacht werden. Es wird sehr deutlich, dass Erwerbslose und andere Leistungsbezieher*innen von Leistungen nach ALGII offenbar nicht glaubwürdig genug sind, um als Expert*innen in eigener Sache ernst genommen zu werden.

Es stört mich gewaltig, dass genau die Medien,

die seit 15 Jahren den neoliberalen Kurs der diversen Bundesregierungen mitgetragen haben,
die diese ganze Abwertung und Hetze gegenüber Menschen, die keine Arbeit finden, überhaupt erst in die Massen getragen haben,
die nichts besseres zu tun hatten, als Mitarbeiter*innen von Jobcentern bei ihren gesetzeswidrigen und unangekündigten Hausbesuchen mit der Kamera zu begleiten,
die in ihren Realityshow alleinerziehenden Müttern, die Wohnung vollmüllen(3), weils so „realistischer“ aussieht – denn bei „Hartzern“ kann es ja nicht sauber und aufgeräumt sein,
die gerne in sogenannte Expertenrunden besonders „schlimme“ Fälle von Arbeits“verweiger*innen“ vor die Kamera gezerrt haben oder erfunden haben,und somit die widerlichen Annahmen der „Expert*innen befördert haben,

dass genau diese Medien jetzt Inge Hannemann fast schon zur Lichtgestalt, zur Retterin und Kämpferin der Entrechteten stilisieren. Sie ist jetzt der Transmissionsriemen, der den Medien ermöglicht ihre eigene Darstellung zu relativieren und sich damit selbst als kritisch darstellen zu können.

Ich denke, Inge Hannemann sollte vielleicht genau hinschauen, wer sie so alles beklatscht und dass sie sich nicht instrumentalieren lässt, wenn es für diesen Hinweis nicht längst schon zu spät ist.

(1) Ich werde hier an dieser Stelle nicht weiter auf ihr Engagement eingehen, wer sich dafür interessiert, findet im Netz, auf dem Gesichtsbuch und anderen Quellen genug Informationen.
(2) ich zitiere hier aus dem Gedächtnis
(3) ich habe einige dieser Mütter gesprochen, die das mitmachen wollten und die solches und schlimmeres mit den Produktionsfirmen erlebt haben

Eine Antwort zu “ALGII, Inge Hannemann und die Medien

  1. Nun ja, wenn ich jetzt mal so alles Revue, war doch der Mord in Neuss schon ein „Aufschrei“ – was mich da damals wie Heute wundert ist: „Dass es um das Prozessgeschehen kein Laut groß wurde.“ Alles Still, ganz still – da kommt dann Inge Hannemann, absichtlich oder unabsichtlich und stellt eben mal die andere Seite eines Jobcenters nach.

    Ich finde es schon gut, dass Inge Hannemann Zivilcourage zeigt, bzw. vormacht, jedoch mit mir persönlich viel zu wenig.

    Allerdings finde ich nicht, dass die anderen Sachen – Organisationen dadrunter verschwinden. Das war auch vorher nicht sonderlich viel im Gespräch oder in den Medien.

    Thema Hartz IV wird viel zu wenig in den Medien diskutiert, vor allem die Begleiterscheinungen werden gar nicht behandelt., die Folgen daraus.

    Es wir sicherlich deswegen zu wenig in den Medien thematisiert, weil es zu einem Aufbruch kommen könnte. Die Morde in den Jobcenter, sind so kleine Topfen – die dass Fass etwas zum überschwappen bringen und es wird sich bemüht da keine Welle zu schlagen.

    Ich gebe aber nicht auf, dass es mehr Menschen geben wird wie Inge Hannemann, die die wirkliche Arbeit in den Jobcentern aufzeigen.

    Ich habe mit diesen keine guten Erfahrungen gemacht, vor allem sind die Mitarbeiter dazu verpflichtet Fragen zu beantworten, wenn man Konkrete Fragen hat, bekommt man keine Auskunft oder man bekommt gesagt, dass es nicht möglich sei, obwohl es möglich ist.

    Und ich bin sehr froh, dass es Plattformen wie das Erwerbslosen Forum, Tacheles Sozialhilfe, Hilfestellen wie Diakonie oder auch andere, kleinere, die die Leute nicht im Stich lassen!

    Danke für Deinen Blog und die Hilfe die Du anderen anbietest :)

    Gruß.

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