Früh übt sich

Eben bin ich auf dem Rad heimgefahren.

Ein Taxi fährt an mir vorbei, zwei Jungs, vielleicht 8-12 Jahre alt – ich bin da schlecht im schätzen – einer vorn einer hinten hängen aus dem Fenster und rufen mir irgendeinen Blödsinn entgegen. Da mein Heimweg und der Weg dieses Taxis eine Weile parallel verlief, kreuzte ich, bedingt durch Kreuzung, Ampelschaltungen usw. mehrfach dessen Weg. Immer wieder rufen diese beiden Jungs mir irgendwelchen Kram zu und amüsieren sich dabei großartig. Der Taxifahrer (ich bin davon ausgegangen, dass er männlich ist, es lag irgendwie nahe) scheint keinen Anlass zu sehen, dieses Verhalten zu unterbinden. Ich überlege, dass das die Kinder des Taxifahrers sein müssen.

Das geht so eine Weile, inzwischen ärgere ich mich, weil mir klar wird, dass das sozusagen die Vorstufe zu sexistischem Verhalten ist. Ich mein, mal abgesehen davon, dass dieses Verhalten ja schon alle Elemente beinhaltet, die echt problematisch sind: wildfremde Frau, von der eins nicht weiß, wie es der grad geht, wird aus „Spaß“ irgendwas zugerufen und über diese Überschreitung meiner Grenzen wird gegiggelt und gekichert. Einmal hole ich das Taxi fast ein, da kurbelt der Junge, der hinten sitzt, schnell das Fenster hoch. Also ist ihm klar, dass sein Verhalten nicht okay ist und ich das wahrscheinlich nicht so lustig finde. Diese Jungs lernen offenbar gerade, dass es okay ist, irgendwelchen Frauen irgendwelchen Scheiß hinterher zu rufen. Das Taxi biegt ab und hält nicht weit vor einem Supermarkt, ich entscheide mich spontan, das ganze nicht auf sich beruhen zu lassen und fahre zu dem Taxi.

Aus dem Auto steigt ein Typ aus und es ist jetzt klar, es ist der Vater. der das Taxi fuhr. Der guckt erst blöde und herrscht mich dann an, was ich wolle. Ich meine, das ich die ganze Aktion ziemlich daneben fand und dass es nicht okay ist, wildfremden Frauen irgendwelchen Kram hinter zu rufen. Der Typ macht erstmal seine beiden Jungs mit nem vermeintlich lustig gemeinten Spruch „Sie lernen doch grad erst reden“ runter aber als er merkt, dass ich das nicht witzig finde, wird er in gefühlt 2 Nanosekunden sexistisch ausfällig. Inzwischen merke ich, dass im Auto auch noch ein Mädchen sitzt, offenbar die Jüngste. Ich wiederhole noch mal, dass ich das nicht okay finde, da legt der Typ noch einige Sprüche nach. In weniger als einer Minute werde ich auf Grund meines Aussehen beleidigt und mein Gender in Frage gestellt, war noch mehr aber ich hab da ehrlich nicht mehr zugehört. Ich bin ja auch eher schnell auf 180 und das ganze endete damit, dass ich ihm sexistisches Arschloch (wie schön, dass eine das jetzt als Beschimpfung verwenden kann) hinterher rief und wieder fuhr.

Im Nachgang habe ich darüber nachgedacht, was das jetzt gebracht hat. Ich denke, sogar mehreres. Zum einen, haben diese Jungs erlebt, dass es u.U. auch mal ne klare Reaktion auf so ein Verhalten gibt und dass das nicht unwidersprochen bleibt. Was ich aber noch viel wichtiger finde, ist, dass die Tochter mitbekommen hat, dass es eine Frau* (ich weiß, es gibt auch anti-sexistische Männer aber ich glaub, es ist für Mädchen* wichtig, das auch von Frauen mitzubekommen) gibt, die so ein Verhalten scheiße findet und die sich dagegen wehrt. Ich kann nur hoffen, dass das ein bisschen hängen bleibt.

Was mich ein bisschen ärgert ist, dass ich nicht daran gedacht habe, mir die Nummer von dem Taxi aufzuschreiben. Als Mensch ohne Führerschein nutze ich schon dann und wann Taxis und den Typen möchte ich mir in der Zukunft echt gern ersparen.

Eine Antwort zu “Früh übt sich

  1. Es gibt in dem Buch „Ich und die anderen“ von Matt Ruff eine Szene, in der ein ähnliches Resümee gezogen wird.
    Ein Mann schlägt seine kleine Tochter in einem Restaurant. Der Protagonist stellt den Mann zur Rede. Hinterher entspinnt sich eine Diskussion, was das denn jetzt gebracht habe. Der Mann sei ohnehin lernresistent und hätte die Szene sowieso bald wieder vergessen. Bis jemand sagt: „Aber das Kind nicht.“ Tolles Buch, geht um dissoziative Persönlichkeiten, was auch Kindesmissbrauch und –misshandlung impliziert und Genderthematiken zumindest streift.

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