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Neoliberale Wirtschaftspropaganda und Menschenopfer

(Twitterthread vom 19.03.21 am Morgen)

Ja, diese Pandemie verschärft die Situation von Menschen, Angst, Unsicherheit, Ohnmachtsgefühle, existentielle Sorgen, keine Planbarkeit des Lebens, Ungewissheit. All diese Gefühle und Faktoren sind dauerhaft schlecht auszuhalten. Aber die Antwort kann doch nicht sein, dass wir deswegen die Pandemie laufen lassen. Das Problem ist doch viel mehr, dass die Versorgung der Einzelnen, ob das nun psychotherapeutische Unterstützung oder Einkommen oder digitale Beschulung nicht in angemessener Weise vorhanden sind.

Hier werden, gerade durch die Politik, schreckliche Fehlwahrnehmungen gefördert. Es ist nicht die Schuld der Eindämmungsmaßnahmen, dass es so schwierig ist. Wie oft gesagt wird, der Virus diktiert hier, wie es weitergeht. Es ist das von neoliberaler Propaganda, die die soziale und gesellschaftliche Verantwortung auf die Einzelnen abwälzen will, um eine Idee von freiem Wirtschaften auszuleben, die Menschen und Umwelt zerstört, verseuchte Klima in dieser Gesellschaft. Eine protofaschistische Haltung, die u.a. dazu führt, dass wie @tupfentier grad sagte, dass menschenfeindliche Haltungen verstärkt werden. Dass Menschenleben auf Dauer in Kauf genommen werden. Alte? Vorerkrankte? egal. Hauptsache die Wirtschaft läuft. Dass dies ein Denkfehler ist und dass diese Wirtschaft auch nicht weiterfunktionieren wird, wenn sehr viele dauerhaft krank oder gar verstorben sind, sollte klar sein.

Es ist für mich schwer zu verstehen, dass dies nicht viel klarer in der Diskussion ist. Ja, verdammt, wir leben in einer gefährlichen und tödlichen Pandemie. Wir können nicht weitermachen, „wie immer“. Das gilt auch für die Bildung, wo offenbar bei verantwortlicher Stelle die Meinung vorherrscht, die Schüler*innen müssen dieselbe Leistung erbringen, wie ohne Pandemie. Was für mich nicht nur unbegreiflich ist, ich finde es auch grausam. Das erzeugt Stress in den Familien. Ohne das und mit einer ausreichenden Finanzierung während die Kinder zu Hause bleiben müssen, würde uns ermöglichen die Pandemie wirklich zu bekämpfen. Und natürlich würde das auch dieser „Wirtschaft“ helfen.

Zuschauen zu müssen, wie eine kaputte und menschenfeindliche (Wirtschafts)Ideologie jetzt noch weiter durchgezogen wird, DAS macht mich verzweifelt und müde. Mit der Pandemie käme ich unter anderen Umständen klar. Aber die Opferung von Menschenleben, Lebenszeit im Namen einer Wirtschaft, die nicht mehr weiß, wieso es sie eigentlich gibt, die den Sinn des Produzierens von Gütern völlig von den Lebensrealitäten entkoppelt hat. DAS ist schwer erträglich.

Sag noch eine*r mal, die Funde, die nachweisen, dass es in Antike und Vorantike bei verschiedenen Völkern Menschenofper gegeben hat, schrecklich wären. Wir opfern auch Menschen, halt nicht mehr so direkt. Wir haben die Menschenopfer nicht aufgegeben. Statt eines dreifachen rituellen Todes für die Gemeinschaft zu sterben als Fürbitte an die Gottheit, opfern wir uns und unsere Lebensgrundlage einem Wirtschaftsglauben, was genauso wenig Wirkung zeigt, wie die die Menschenopfer vor über 2000 Jahren.

Gedanken 7-4

Okay, ein Thema noch. In Großbritannien solle in Ministerium für (gegen) Einsamkeit eingerichtet werden. In Deutschland wird eine allgemeine Zunahme der Einsamkeit festgestellt. Viele reden darüber und viele davon wundern sich. Ich wundere mich nicht und ich finde es auch folgerichtig, dass gerade in Großbritannien die Sache am weitesten fortgeschritten sein soll.

Der Neoliberalismus predigt das Glück der Vereinzelung. Die Menschen werden seit Jahrzehnten mit der Lüge des „Jede*r kann es schaffen, wenn si:er es nur will“. Eine Lüge, denn es fehlt der letzte Teil des Satzes, der die Realität der Meisten darstellt. Der vollständige Satz lautet also „Jede*r kann es schaffen, wenn si:er es nur will aber nicht jede*r“.

Aber da sich fast alle in dieses Hamsterrad begeben haben, ist eine der fatalen Konsequenzen „Einsamkeit“. Denn damit der heutige Kapitalismus weiterfunktioniert, braucht eben jede* und jeder* einen eigenen Hammer. Damit entfällt zwar möglicherweise die quälende Überlegung, was di:er Nachbarin wohl denken mag aber uch der soziale Kontakt. Ja, es gibt eine Bewegung der „shared Economie“ aber die ist in Wirklichkeit nichts neues. In meiner Kindheit nannten wir das noch: Ich geh mal zum Nachbarn und leih mir den Schwingschleifer aus“. Das ist weg, wenn du mit dem Wagen liegen bleibst, hast du ja dein mobiles Telefon. Zum nächsten Haus zu laufen, dort nach einem Telefon fragen, ein Wasser angeboten zu bekommen und ein kurzes Schwätzchen halten, bis der Abschleppwagen kommt, fällt weg. Im Gegenteil, solltest du so etwas heute versuchen, kann es dir passieren, dass du -mit dem Hinweis auf die mobilen Telefone – abgewiesen wirst.

Großbritannien liegt auch deshalb vorne, weil dort der Einfluss des neoliberalen Gedankengut weit früher eingesetzt hat, als hier in Deutschland.

So nimmt die Einsamkeit der Einzelnen zu und scheinbar niemand kann sich das erklären.

Gedanken 7-2

Komischerweise habe ich über die Überwachungskatastrophe, die jetzt von China und Shanghai gemeldet wird, in den Mainstreammedien kaum etwas gelesen. Zuerst ist mir das Thema in der C’t begegnet. Inzwischen findest sich ein Artikel dazu auch in der taz. Dort sollen spätestens ab 2020 alle Menschen nicht nur komplett überwacht werden , außerdem erhalten sie für ihr Verhalten Punkte. Für „gutes“ konformes Verhalten bekommen die Menschen dann Punkte (erinnert mich an das Verhaltenssmilie in Kindergärten und Grundschulen) und für nicht-konformes entsprechend Abzug. Außerdem beeinflusst der eigene Punktestand, den von Freunden, Bekannten und Verwandten. Überwachung bis ins privateste total. Das übersteigt bisherige Dystopien bei weitem, vielleicht auch nur deshalb, weil es so real und nah ist. Das Ganze ist – wenn ich alles richtig verstanden habe – eine Weiterentwicklung eines Systems der Konsumplattform Alibaba. Was ich immer wieder als besonders eklig empfinde. Jedes Mal, wenn ich einen dieser Artikel gelesen hatte, brauchte ich zwei Wochen nettes Serienprogramm aus der guten alten Zeit oder mit viel Glitzer und Einhörnern. Es ist so erschreckend und nah. Und die Reaktion der Rest der Welt (der sogenannten freien Welt)?  Nichts. Stattdessen wird da in Berlin irgendwo ein vergleichbares System installiert. 

Und sonst? Menschen stützen sich begeistert auf sprachunterstützte Notizbücher einer anderen Handelsplattform, melden fröhlich per Smartphone ihren Standorte usw. usf.  Wir geben unsere Daten und Angaben über unser Verhalten preis und die wenigsten denken über die möglichen Konsequenzen nach. Nur das diese jetzt vor der Tür stehen und statt eines weltweiten Aufschreis – Schweigen, im Großen und Ganzen.