Archiv der Kategorie: privat

Gedanken 7-4

Okay, ein Thema noch. In Großbritannien solle in Ministerium für (gegen) Einsamkeit eingerichtet werden. In Deutschland wird eine allgemeine Zunahme der Einsamkeit festgestellt. Viele reden darüber und viele davon wundern sich. Ich wundere mich nicht und ich finde es auch folgerichtig, dass gerade in Großbritannien die Sache am weitesten fortgeschritten sein soll.

Der Neoliberalismus predigt das Glück der Vereinzelung. Die Menschen werden seit Jahrzehnten mit der Lüge des „Jede*r kann es schaffen, wenn si:er es nur will“. Eine Lüge, denn es fehlt der letzte Teil des Satzes, der die Realität der Meisten darstellt. Der vollständige Satz lautet also „Jede*r kann es schaffen, wenn si:er es nur will aber nicht jede*r“.

Aber da sich fast alle in dieses Hamsterrad begeben haben, ist eine der fatalen Konsequenzen „Einsamkeit“. Denn damit der heutige Kapitalismus weiterfunktioniert, braucht eben jede* und jeder* einen eigenen Hammer. Damit entfällt zwar möglicherweise die quälende Überlegung, was di:er Nachbarin wohl denken mag aber uch der soziale Kontakt. Ja, es gibt eine Bewegung der „shared Economie“ aber die ist in Wirklichkeit nichts neues. In meiner Kindheit nannten wir das noch: Ich geh mal zum Nachbarn und leih mir den Schwingschleifer aus“. Das ist weg, wenn du mit dem Wagen liegen bleibst, hast du ja dein mobiles Telefon. Zum nächsten Haus zu laufen, dort nach einem Telefon fragen, ein Wasser angeboten zu bekommen und ein kurzes Schwätzchen halten, bis der Abschleppwagen kommt, fällt weg. Im Gegenteil, solltest du so etwas heute versuchen, kann es dir passieren, dass du -mit dem Hinweis auf die mobilen Telefone – abgewiesen wirst.

Großbritannien liegt auch deshalb vorne, weil dort der Einfluss des neoliberalen Gedankengut weit früher eingesetzt hat, als hier in Deutschland.

So nimmt die Einsamkeit der Einzelnen zu und scheinbar niemand kann sich das erklären.

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Ich reg mich zu wenig auf

Nachdem ich gestern auf Twitter schon meine Erkenntnis gepostet habe, wird es wirklich Zeit dieses Blog wiederzubeleben. Für alle, die das gestern nicht mitbekommen habe, hier meine Tweets von gestern Abend:

Ich rege mich viel zu wenig auf!
seit Jahren dümpelt mein Blog so vor sich hin, ich meide Nachrichten, Nachrichtenmagazine und dergleichen, weil die mich aufregen, immer entweder die Inhalte regen mich auf oder die Nicht-Nachrichten, das Gesabbel der Politiker*innendarsteller*innen. Die regen mich auf, aber sowas von. Irgendwie habe ich gedacht, ich sollte mich nicht aufregen, ich sollte ruhig, sachlich (!) usw. die Dinge angehen. Geht nicht, die wachsende Empathielosigkeit in unseren Gesellschaften, die Habgier,das alles regt mich auf. Ich weiß jetzt auch, warum ich lieber gutes Kabarett gucke, weil die sich aufregen und das für mich stellvertretend tun. Das reicht mir nicht mehr. Ich will mich nicht mehr beruhigen. Ich bin besorgt, ohnmächtig im Angesicht von so vielem und das regt mich auf. Ich hätte jetzt hier und heute kein Problem mich auf eine Bühne zu stellen und euch mindestens 2 Stunden lang zu erzählen (auch interessant) was mich aufregt, weil ich nämlich eine Sache wirklich gut kann. Zusammenhänge herstellen. Ich gehe vielleicht nicht beim einzelnen Thema in die Tiefe aber ich sehe Zusammenhänge. Heut bin ich durch mein eigenes Blog gescrollt, die besten Texte da sind die, in denen ich mich aufrege. Viel zu wenig aber das wird sich ändern. Ich kann mir vorstellen, Nachrichtensendungen und sogenannte Nachrichten wieder sehen zu können, wenn ich mich endlich angemessen aufregen kann. Bisher hab ich echt gedacht, ich müsste Aufregung vermeiden aber das ist doch mein Talent, ich kann mich total aufregen und dabei nicht den Faden verlieren, in Seitengebiete gehen und wieder zum Hauptthema zurückkommen. Ich kann das, im privaten Gespräch mache ich das häufig. Auf einer Bühne hätte ich zumindest den Vorteil, dass mich dort solange es dauert, die Leute dafür bezahlen (oder auch nicht) und mich nicht unterbrechen. Ist in dem Setting nicht vorgesehen.Ich muss jetzt erst mal was essen und dann will ich gucken, dass ich den Staub und die Wollmäuse aus dem Blog kehre. Diese deutsche Kultur ist so bedächtig, blos nicht aufregen, wer laut wird, ist unsachlich. Na und, als wären es die anderen nicht. Irgendwie habe ich gedacht, ich bräuchte weit mehr Expertise in diesem und jenem Gebiet so ein Quatsch, wie auch dieser essayistische Anspruch an mich selbst. Weil ich immer dachte/fühlte ich sei nicht gut genug. Das regt mich auch auf aber anders.
(alles Originalzitate vom 18.01.2017, ich habe lediglich Tippfehler korrigiert)

Ja, so sieht es aus. Ich spüre, dass ich mich aufregen muss, um meine Sprachlosigkeit überwinden zu können, um meinen Gefühlen von Fassungslosigkeit und Ohnmacht eine Form geben zu können und mich nicht weiter  ins Schweigen treiben zu lassen.

Die meisten Menschen in meinem Umfeld reagieren auf mich oft mit Irritation und tatsächlich dachte ich, ich dürfe nicht irritieren. Immer wieder diese alten Impulse mich anzupassen, den von mir bei anderen wahrgenommen Erwartungen gerecht werden zu wollen und wie alle immer froh sind, wenn alle anderen um sie herum, das bitte auch machen. Ich will überhaupt nicht verleugnen, dass es Jahrzehnte gedauert hat, bis ich an diesem Punkt gekommen bin. Bis ich mir genug Boden unter den Füße und genug Liebe ins Herz erarbeitet habe, denn beides waren keine Voraussetzungen im Anfang meines Lebens.

Dieser Gedanke, ich habe mir das Erarbeitet – ja mit Unterstützung anderer UND ich habe nie das Handtuch geworfen, obwohl es manchmal so schlimm war, dass ich nah dran gewesen – ist auch eine Quelle meiner Aufregung. Denn Menschen, die menschenverachtend sind, müssen das nicht sein. Die werden so  nicht geboren und auch wenn Kindheit und Jugend unfassbar prägend  sind, sind sie kein Schicksal. Ich habe keine Verständnis für menschenverachtendes Verhalten von Erwachsenen, für Menschen, die Kinder schlecht behandeln und daran nichts ändern wollen. Es halten zu viele  – ich auch viel viel zu oft – die Klappe, die in der Position sind, etwas sagen zu können, gegen die kleinen und großen Ungerechtigkeiten im Alltag, den absurden Chef, die rassistische Bemerkung von Freund*innen, die sie gedanken- und gefühllos von sich geben.

Ach, heißt es dann, reg dich doch nicht auf, ich habe es nicht so gemeint.

Ja, wie denn dann? Wolltest du nur den Mund bewegen?

Ich spüre die Zensorin in meinem Kopf aktiv werden, die meinte grad, ich müsste einen super Schluss schreiben. Nö. Erstmal hier Ende.

 

 

Neoliberal in den Faschismus

Es marschieren wieder Menschen offen und leben eine unmenschliche und egoistische Menschenfeindlichkeit aus, die einen Vergleich hat. Das gab es in Deutschland schon einmal. Alles gab es schon einmal, die wirtschaftliche Verunsicherung, die Abstiegsängste der sogenannten Mittelklasse. Auch die Zurichtung des Menschen auf Funktion und Nützlichkeit. Die kalte Persona entstanden aus der Verdrängung der Folgen es sogenannten 1. Weltkrieges ersteht wieder auf aus den Trümmern des Sozialstaates, der sich schon längst zu einem Kontroll- und Überwachungsstaat mit wirtschaftspolitischer Ausrichtung gewandelt hat und den einzelnen Menschen ein lapidares „Streng dich mehr an“ als Lösung hinwirft.

Ich beobachte, lese, manchmal kommentiere ich auf Twitter aber im Großen und Ganzen fühle ich mich ohnmächtig und sprachlos. Manchmal könnt ich vor Wut aus der Haut fahren und gleichzeitig möchte ich mich auf eine goldene Insel zurückziehen, wo alles gut ist.

Ende März jährt sich meine Bloggerei zum zehnten Mal, schon damals war ich besorgt über den gewollten Umbau der Grundannahmen der Gesellschaft. Die Forcierung des neoliberalen Paradigmas der Vereinzelung, die Zerstörung der Gemeinschaften perfiderweise als Fortschritt tituliert und von den „Massen“ geschluckt. Alles ein Deckmantel für die unbegrenzte Zerstörung des Planeten und der Menschen im Namen von wirtschaftlichem Wachstum. Fassungslos macht mich das. Ja, ja, es gibt Erklärungen, die individuelle Entscheidungen einzelner fassen vermögen aber die Gesamtentwicklung. Es ist ihnen alles so egal, sie sind nur interessiert an Wachstum. Im Gefolge dessen werden seit 50 Jahren Sozialsysteme in Europa demontiert, die doch eigentlich hätten ausgebaut und weiterentwickelt gehört hätten. Ja, ich lebe noch in dem Menschheitstraum eines besseren, gerechteren Lebens für alle Menschen. Ja, auch zu dem Preis, dass wir hier in Europa uns zurücknehmen müssen. Nicht so viel besitzen, nicht so viel konsumieren, weniger besserwissen, mehr Geschichte durcharbeite, mehr Demut gegenüber den Folgen europäischen Handelns in der Geschichte und Gegenwart, aber vielleicht auch mehr gemeinsam machen, mit der Nachbarin oder wem auch immer. Dieser Optimismus in mir, ich habe ihn vor nicht allzulanger Zeit in mir entdeckt. Vielleicht weil ich verstand, dass Adorno nur deshalb weitermacht, weil er glaubte, dass es sich lohnt, dass sich etwas ändern kann. Was würde er wohl sagen, lebte er heute. Ich weiß nicht mehr, ob es sich lohnt, ich sehe nur keinen anderen Weg. Kind der Aufklärung. Welch Zynismus war doch die Aufklärung an deren Peripherie Sklaverei, Brutalität und Mord den Reichtum Europas sicherte.

Politik, Journalist*innen und Verantwortliche (und auch weniger Verantwortliche) in Institutionen und Behörden klammern sich an eine irrationale Angst vor dem Kommunismus et al., der die europäische Geschichte seit 150 Jahren durchzieht. Dagegen sind rechte Positionen und Gewalttaten zu vernachlässigen. Es fällt mir mehr und mehr schwer, nachzuvollziehen, wieso diese Irrationalitäten nicht breiter erkannt werden. Es fällt mir so schwer nachzuvollziehen, dass es funktioniert, wo alles so offen auf der Hand liegt.
Diese Menschen behaupten mit ihren Märschen gegen Menschen einer Glaubensgemeinschaft, dass diese entfernen (was immer das heißen mag) würde ihre Probleme lösen. Glauben diese Menschen ernsthaft, dass das meritokraitsche Heilsversprechen, wenn sie sich anstrengten, würden sie auch nicht absteigen, sich erfüllt, wenn Muslime aus dem Land sind? Auf der Glaubensebene scheint es so zu sein. Aber es ist Feigheit. Ich sehe die Feigheit dieser Menschen, sich gegen die zu wenden, die ihr kommendes Elend zu verantworten haben. Niedriglohn, Abbau von Sozial- und Arbeitsrechten, Zerstörung der Altersicherung, Zerstörung der Umwelt im Namen von wirtschaftlichen Wachstum. Feigheit. Sie könnten seit Jahren auf der Straße stehen und für ihre Rechte kämpfen, statt jetzt gegen Muslime und Muslimifizierte und alles anderen Menschengruppen, die sich von ihnen unterscheiden oder von denen sie denken, sie unterschieden sich. Eine der Symbolfiguren dieser Entwicklung faselt etwas vom Aufstand der Anständigen. Ein Anständiger, der die Lebenshoffnungen so vieler zerstört hat. Da will ich keine Anständige sein. Wahrscheinlich war ich das sowieso nie. Ein*e Anständige*r darf nicht mitfühlen und nach Gerechtigkeit fragen. Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn sind nicht erwünscht. Anständige wissen was richtig ist, ich bin mir immer weniger gewiss.

Sie bauen alles um, die Spielräume, die vor 30 Jahren schon nicht so groß waren, schwinden im Angesicht des Rattenrennens, um mehr wirtschaftlichen Wachstum und Sicherstellung der eigenen Position. Es wird kälter im Land. Und wieder und wieder heißt es: „Streng dich EINFACH MEHR an, dann wird es schon“. Wie Tantalos greifen sie nach den Weintrauben, die sie doch nicht erreichen und treten nach denen, von denen sie glauben, das sie ihnen die unerreichbaren Weintrauben wegnehmen könnten. Sie handeln im Glauben, das brächte die Weintrauben näher.

Während auf der einen Seite, die Sicherheit der Menschen preisgegeben wird, weil zu viel Sicherheit die Freiheit zerstören soll und geleugnet wird, dass Sicherheit im Leben der Garant für persönliche Freiheit ist, bauen sie paternalistisch einen angeblichen Schutz vor Bedrohungen aus und zerstören damit die Freiheit und kontrollieren alle und alles. Ein perfides Spiel mit Worten und ihrem Inhalt. Was für eine Verdrehung. Das ist nicht zu verstehen, vielleicht ein bisschen mit dem Verstand aber nicht mit dem Gefühl. Es ist so grundfalsch, dass ich es kaum glauben kann, dass es passiert. Adorno und Becker sprachen vor 45 Jahren im Radio darüber, wie es gelänge, die Menschen zu entbarbarisieren. Sie sprachen vom Autoritätsprinzip, dass jede „unerhellte Autorität“ abgebaut gehört. Wie in einem Albtraum ohne Aufwachen greifen diese Strukturen wieder, diesmal im Gewand eines globalen ökonomischen Prinzips, dass den Begriff der der Selbstverantwortung der Einzelnen pervertiert. Dieses Prinzip wird ebenso auf globale Zusammenhänge übertragen, keine Geschichte mehr, keine Verantwortung für die komplexen Strukturen, die heutige Verhältnisse hervorbrachten. Wie auch der Mensch, ist jeder Staat nur für sich selbst und aus sich heraus verantwortlich, was passiert.

Und mit Häme und Fingerzeig werden die Zurückgelassenen auf dem Pranger der Medien und Politik und auch im Privaten für ihre hoffnungslose Situation veurteilt. Das muss aufhören, diese Lüge über die Chancen der Einzelnen durch persönliche Anstrengung, die jede strukturelle und auch gewollte Benachteiligung verleugnet. Es ist die Rede vom „verrohten Bürgertum“. Diese Rohheit wird jetzt auf die Straße getragen. Rohheit ist frei von Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn. Roheit sieht nur sich selbst und die eigene Position. Rohheit nennt sich auch „Zalando-Tag“, wo erwerbslose Menschen unter Androhung des Verlusts ihres sogenannten Existenzminimums in erschöpfende und unterbezahlte Arbeit gezwungen werden. Rohheit ist diese Gemeinde, die am Ortseingangsschild Flüchtlingen erklärt, sie wären willkommen nur nicht hier. Rohheit von Freiheit und „Brüderlichkeit“ zu sprechen und überall an der Peripherie Europas Mauern errichten, damit die, über deren Elden sich so wohlig sprechen lässt, keine Chance haben. Rohheit ist der*die Lehre*in, die meint einen untrüglichen Gerechtigkeitssinn auszuüben, wenn sie die Leistungen nicht weißer Kinder bewertet und nicht davon weiß und wissen will, dass diese sich doppelt, ach was dreifach anstrengen müssen, um genauso gut wahr genommen zu werden. Rohheit ist die Polizei, die Mord nicht sehen will und von Selbstmord faselt. Rohheit ist es, zu sagen, dass Hunger kein Grund ist, seine Heimat zu verlassen. Rohheit, die sich roh gegen die wendet, die sie ausüben und noch mehr Rohheit gebiert. „Streng dich an, dann schaffst du es“ Rohheit überall.