Archiv der Kategorie: Rassismus

Gedanken 7

Es gibt da diese Politiker*innen, die die Verrohung der Gesellschaft beklagen. Ich beklage dabei das offensichtliche Fehlen jeglicher Selbstreflexion und jeglichem Erinnerungsvermögen. Die Schnittmenge derer, die für diese Verrohung verantwortlich ist ist, scheint mir doch erheblich. War es nicht Müntefering, der vor weit über 10 Jahren Erwerbslose als „Schmarotzer“  bezeichnete, was von den Medien mit großem Elan abgedruckt wurde? All diese Politiker*innen haben doch den Anfang gemacht. Auch die Verarmung viele Teile der Bevölkerung für einen radikalen auf Wirtschaftsinteressen ausgerichteten politischen Kurs tut das seine dazu.

Die Sprache von Politiker*innen und die sie flankierenden Medien wurde in den letzten 20 Jahren immer verächtlicher und herabsetzender und haben damit die Tür für die AfD  gelegt. Und was ist die allgemeine Reaktion darauf? Die Parteien rücken in Programm und Sprache noch weiter rechts. Heute wird die Linke, die im Kern ein sozialdemokratisches Programm aufweist, als Linksextremistisch beschimpft. Soweit sind wir inzwischen, das Eintreten für Menschen und die Begrenzung des Einflusses der Wirtschaft ist heutzutage linksextrem. Linksextrem nicht linksradikal oder so, das gilt als Extrem und muss vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Und die Medien plappern das unhinterfragt nach. Ekelhaft. Ich frage mich inzwischen fast täglich, warum diese Entwicklung nicht mehr Menschen Angst macht. Außerdem frage ich mich, wieso so wenig Analysen darüber stattfinden, wie groß die Parallele zu der historischen Entwicklung in der Weimarer Republik ist, stattfinden. Es ist so offensichtlich, dass es schmerzt.

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Neoliberal in den Faschismus

Es marschieren wieder Menschen offen und leben eine unmenschliche und egoistische Menschenfeindlichkeit aus, die einen Vergleich hat. Das gab es in Deutschland schon einmal. Alles gab es schon einmal, die wirtschaftliche Verunsicherung, die Abstiegsängste der sogenannten Mittelklasse. Auch die Zurichtung des Menschen auf Funktion und Nützlichkeit. Die kalte Persona entstanden aus der Verdrängung der Folgen es sogenannten 1. Weltkrieges ersteht wieder auf aus den Trümmern des Sozialstaates, der sich schon längst zu einem Kontroll- und Überwachungsstaat mit wirtschaftspolitischer Ausrichtung gewandelt hat und den einzelnen Menschen ein lapidares „Streng dich mehr an“ als Lösung hinwirft.

Ich beobachte, lese, manchmal kommentiere ich auf Twitter aber im Großen und Ganzen fühle ich mich ohnmächtig und sprachlos. Manchmal könnt ich vor Wut aus der Haut fahren und gleichzeitig möchte ich mich auf eine goldene Insel zurückziehen, wo alles gut ist.

Ende März jährt sich meine Bloggerei zum zehnten Mal, schon damals war ich besorgt über den gewollten Umbau der Grundannahmen der Gesellschaft. Die Forcierung des neoliberalen Paradigmas der Vereinzelung, die Zerstörung der Gemeinschaften perfiderweise als Fortschritt tituliert und von den „Massen“ geschluckt. Alles ein Deckmantel für die unbegrenzte Zerstörung des Planeten und der Menschen im Namen von wirtschaftlichem Wachstum. Fassungslos macht mich das. Ja, ja, es gibt Erklärungen, die individuelle Entscheidungen einzelner fassen vermögen aber die Gesamtentwicklung. Es ist ihnen alles so egal, sie sind nur interessiert an Wachstum. Im Gefolge dessen werden seit 50 Jahren Sozialsysteme in Europa demontiert, die doch eigentlich hätten ausgebaut und weiterentwickelt gehört hätten. Ja, ich lebe noch in dem Menschheitstraum eines besseren, gerechteren Lebens für alle Menschen. Ja, auch zu dem Preis, dass wir hier in Europa uns zurücknehmen müssen. Nicht so viel besitzen, nicht so viel konsumieren, weniger besserwissen, mehr Geschichte durcharbeite, mehr Demut gegenüber den Folgen europäischen Handelns in der Geschichte und Gegenwart, aber vielleicht auch mehr gemeinsam machen, mit der Nachbarin oder wem auch immer. Dieser Optimismus in mir, ich habe ihn vor nicht allzulanger Zeit in mir entdeckt. Vielleicht weil ich verstand, dass Adorno nur deshalb weitermacht, weil er glaubte, dass es sich lohnt, dass sich etwas ändern kann. Was würde er wohl sagen, lebte er heute. Ich weiß nicht mehr, ob es sich lohnt, ich sehe nur keinen anderen Weg. Kind der Aufklärung. Welch Zynismus war doch die Aufklärung an deren Peripherie Sklaverei, Brutalität und Mord den Reichtum Europas sicherte.

Politik, Journalist*innen und Verantwortliche (und auch weniger Verantwortliche) in Institutionen und Behörden klammern sich an eine irrationale Angst vor dem Kommunismus et al., der die europäische Geschichte seit 150 Jahren durchzieht. Dagegen sind rechte Positionen und Gewalttaten zu vernachlässigen. Es fällt mir mehr und mehr schwer, nachzuvollziehen, wieso diese Irrationalitäten nicht breiter erkannt werden. Es fällt mir so schwer nachzuvollziehen, dass es funktioniert, wo alles so offen auf der Hand liegt.
Diese Menschen behaupten mit ihren Märschen gegen Menschen einer Glaubensgemeinschaft, dass diese entfernen (was immer das heißen mag) würde ihre Probleme lösen. Glauben diese Menschen ernsthaft, dass das meritokraitsche Heilsversprechen, wenn sie sich anstrengten, würden sie auch nicht absteigen, sich erfüllt, wenn Muslime aus dem Land sind? Auf der Glaubensebene scheint es so zu sein. Aber es ist Feigheit. Ich sehe die Feigheit dieser Menschen, sich gegen die zu wenden, die ihr kommendes Elend zu verantworten haben. Niedriglohn, Abbau von Sozial- und Arbeitsrechten, Zerstörung der Altersicherung, Zerstörung der Umwelt im Namen von wirtschaftlichen Wachstum. Feigheit. Sie könnten seit Jahren auf der Straße stehen und für ihre Rechte kämpfen, statt jetzt gegen Muslime und Muslimifizierte und alles anderen Menschengruppen, die sich von ihnen unterscheiden oder von denen sie denken, sie unterschieden sich. Eine der Symbolfiguren dieser Entwicklung faselt etwas vom Aufstand der Anständigen. Ein Anständiger, der die Lebenshoffnungen so vieler zerstört hat. Da will ich keine Anständige sein. Wahrscheinlich war ich das sowieso nie. Ein*e Anständige*r darf nicht mitfühlen und nach Gerechtigkeit fragen. Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn sind nicht erwünscht. Anständige wissen was richtig ist, ich bin mir immer weniger gewiss.

Sie bauen alles um, die Spielräume, die vor 30 Jahren schon nicht so groß waren, schwinden im Angesicht des Rattenrennens, um mehr wirtschaftlichen Wachstum und Sicherstellung der eigenen Position. Es wird kälter im Land. Und wieder und wieder heißt es: „Streng dich EINFACH MEHR an, dann wird es schon“. Wie Tantalos greifen sie nach den Weintrauben, die sie doch nicht erreichen und treten nach denen, von denen sie glauben, das sie ihnen die unerreichbaren Weintrauben wegnehmen könnten. Sie handeln im Glauben, das brächte die Weintrauben näher.

Während auf der einen Seite, die Sicherheit der Menschen preisgegeben wird, weil zu viel Sicherheit die Freiheit zerstören soll und geleugnet wird, dass Sicherheit im Leben der Garant für persönliche Freiheit ist, bauen sie paternalistisch einen angeblichen Schutz vor Bedrohungen aus und zerstören damit die Freiheit und kontrollieren alle und alles. Ein perfides Spiel mit Worten und ihrem Inhalt. Was für eine Verdrehung. Das ist nicht zu verstehen, vielleicht ein bisschen mit dem Verstand aber nicht mit dem Gefühl. Es ist so grundfalsch, dass ich es kaum glauben kann, dass es passiert. Adorno und Becker sprachen vor 45 Jahren im Radio darüber, wie es gelänge, die Menschen zu entbarbarisieren. Sie sprachen vom Autoritätsprinzip, dass jede „unerhellte Autorität“ abgebaut gehört. Wie in einem Albtraum ohne Aufwachen greifen diese Strukturen wieder, diesmal im Gewand eines globalen ökonomischen Prinzips, dass den Begriff der der Selbstverantwortung der Einzelnen pervertiert. Dieses Prinzip wird ebenso auf globale Zusammenhänge übertragen, keine Geschichte mehr, keine Verantwortung für die komplexen Strukturen, die heutige Verhältnisse hervorbrachten. Wie auch der Mensch, ist jeder Staat nur für sich selbst und aus sich heraus verantwortlich, was passiert.

Und mit Häme und Fingerzeig werden die Zurückgelassenen auf dem Pranger der Medien und Politik und auch im Privaten für ihre hoffnungslose Situation veurteilt. Das muss aufhören, diese Lüge über die Chancen der Einzelnen durch persönliche Anstrengung, die jede strukturelle und auch gewollte Benachteiligung verleugnet. Es ist die Rede vom „verrohten Bürgertum“. Diese Rohheit wird jetzt auf die Straße getragen. Rohheit ist frei von Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn. Roheit sieht nur sich selbst und die eigene Position. Rohheit nennt sich auch „Zalando-Tag“, wo erwerbslose Menschen unter Androhung des Verlusts ihres sogenannten Existenzminimums in erschöpfende und unterbezahlte Arbeit gezwungen werden. Rohheit ist diese Gemeinde, die am Ortseingangsschild Flüchtlingen erklärt, sie wären willkommen nur nicht hier. Rohheit von Freiheit und „Brüderlichkeit“ zu sprechen und überall an der Peripherie Europas Mauern errichten, damit die, über deren Elden sich so wohlig sprechen lässt, keine Chance haben. Rohheit ist der*die Lehre*in, die meint einen untrüglichen Gerechtigkeitssinn auszuüben, wenn sie die Leistungen nicht weißer Kinder bewertet und nicht davon weiß und wissen will, dass diese sich doppelt, ach was dreifach anstrengen müssen, um genauso gut wahr genommen zu werden. Rohheit ist die Polizei, die Mord nicht sehen will und von Selbstmord faselt. Rohheit ist es, zu sagen, dass Hunger kein Grund ist, seine Heimat zu verlassen. Rohheit, die sich roh gegen die wendet, die sie ausüben und noch mehr Rohheit gebiert. „Streng dich an, dann schaffst du es“ Rohheit überall.

Es reicht – Ende der Diskussion

Ich habe es so satt, ich merke es mal wieder überdeutlich, deswegen twitterte ich heute Morgen:

Was sich sowohl unter #schauhin aber vor allem unter #aufschrei abspielt, da hilft nur eins, die komplett ignorieren und weitermachen.

Ich würde vorschlagen, dass wir wirklich alle die Hater und Trolle blocken und muten, jede Diskussion mit Ihnen gibt ihnen Futter, mit denen ist eh nicht zu reden.

Die Arschlöcher, die weiter gehen als die #aufschrei TL zu trollen, müssen natürlich offen gelegt und die betroffenen Frauen* brauchen Solidarität von uns.

Wer auch immer in meiner TL mitliest, bitte diskutiert nicht mit Hatern und Trollen!

Entzieht Hatern(1) und Trollen die Aufmerksamkeit (Das war schon vor Internet die Währung schlechthin).

(Ich habe einige Abkürzungen in meinen Tweets hier ausgeschrieben und Tippfehler beseitigt)

Es ist mir klar, dass auf Twitter der Zusammenhang dieser Tweets verloren gehen wird, deswegen hier meine Überlegungen noch mal in lang:
Seit Januar schau ich zu, wie Menschen den Aufschrei Hashtag bei Twitter trollen und noch weiter gehen und sich zu ekelhaften Vergleichen und Horroszenarien versteigen. Und wieder und wieder beobachte ich, wie einige Frauen* versuchen mit diesen Leuten zu diskutieren.

Es geht leider nicht um Verständigung sondern um Macht und Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsverteilung waren im Partiatchat schon immer die subtilere Form der Machtdemonstration. In der linguistischen Gesprächsforschung war das schnell klar. In entsprechenden international durchgeführten Studien wurde sehr deutlich, dass die Aufmerksamkeitsverteilung zwischen Männer* und Frauen* bei 60 zu 40 Prozent liegt und dass eine auch nur minimale Verschiebung von 2% schon zu heftigen Reaktionen führt. Männlich Sozialisierte fühlten sich benachteiligt und ungehört und weiblich Sozialisierte waren verwirrt und verunsichert. Wenn ich irgendwas aus diesen Studien gelernt habe, dann, dass Sexismus und Patriarchat kein Oberflächenphänomen sind, die mit ein paar Verhaltensregeln und Gesetzen zu ändern sei. Sie greifen tief in unsere Wahrnehmung ein und ermöglichen es uns bis zum heutigen Tag nicht, wirklich sagen zu können, was gleich ist und was nicht.

Frauen* haben ein Thema öffentlich gemacht und viel Aufmerksamkeit dafür bekommen und das scheint für einige Menschen unerträglich zu sein.

Es gab und gibt viel Diskussionen darüber, wie mit den Angriffen umzugehen sei. Ich kenne nur eine wirksame und für mich schonende Umgangsweise damit: Ich blocke diese Menschen und verwende einen Twitterclient, der es mir ermöglicht, sie komplett auszublenden. Damit sehe ich dann nur die Aufschreitweets, die zum Thema gehören.

In den von mir verwendeten Client habe ich #aufschrei in einer eigenen Spalte liegen und kann so gut überblicken, was sich dort abspielt. Phasenweise sehe ich da auch nur Tweets zum Thema aber jede*r, der*die dort mit irgendwelchen Trollen oder schlimmeren rumdiskutiert spült mir den Hass, die Abwertung und Verachtung für das Anliegen #aufschrei wieder an die Oberfläche. Alles was da an sogenannten Argumenten kommt, höre und lese ich so oder vergleichbar schon seit 30 Jahren. Alles was da an Hass und Gewaltphantasien kommt, an Kommentaren, die das Anliegen lächerlich machen wollen, habe ich in diesem Umfang noch nie zu Gesicht bekommen. In meinem Alltag habe und hatte ich mit Leuten, die so drauf sind, nichts zu tun. Ich könnte über die zusammen fantasierte feministische Weltverschwörung lachen, leider bleibt mir das Lachen im Halse stecken, wenn ich mitbekomme, mit welchem Hass diese Projektion_Phantasie verbreitet wird.

Im Kontext mit der Openmind (#om13) habe ich erst erfahren, welchen heftigen Angriffen die Initatorinnen von #aufschrei ausgesetzt sind. Wie @faserpiratin @laprintemps @vonhorst @marthadear und andere bis ins Privatleben verfolgt wurden_werden, dass es Internetseiten gab_gibt (?) auf denen ihre privaten Adressen, die Namen ihrer Partner*nnen, ihre Arbeitgeber*innen gesammelt wurden, mit dem Aufruf sie dort als Feministinnen zu denunzieren. Mal abgesehen davon, was das alles impliziert, wenn eins als Feministin denunzierbar bezeichnet wird, finde ich das zutiefst erschreckend. Es tut mir leid, dass ich das nicht mitbekommen habe. Ich habe selbst bisher nur ein paar üble Kommentare in meinem Blog erhalten, die ich an hatr.org weitergeleitet habe und der Rest verschwand im Spam. Aber ich weiß, wie angefressen ich teilweise von diesen Kommentaren war. Ich habe eine Vorstellung, wie es den Frauen gehen muss, die derzeit alltäglich von Bedrohung und Hass auf diesem Niveau umgeben sind. Das alles gehört veröffentlicht und den Frauen*, die es betrifft unterstützt und umsorgt.

Das Blocken und Muten von Trollen und Menschen, die Gewalt und Hass verbreiten, darf auf keinen Fall dazu führen, dass dabei diese Vorgänge ebenfalls unsichbar gemacht werden. Auf keinen Fall dürfen wir diese Gewalt und diesen Hass, der da täglich hochkommt, verharmlosen oder ignorieren UND darüber müssen wir schreiben und sprechen und diskutieren UND UNS gegenseitig unterstützen real oder virtuell. Das gehört öffentlich gemacht und vorgeführt und untereinander diskutiert, wenn es nötig ist. Aber die Verursacher*innen sollten komplett ignoriert werden. Keine Aufmerksamkeit für Trolle und Menschen, die Hass und Gewalt verbreiten. Geben wir uns untereinander die Aufmerksamkeit, die wir brauchen.

Schreibt über sie und von ihnen aber nicht mit ihnen.

(1)ich mag diesen Begriff nicht sonderlich, er scheint mir das Ausmaß und die Wirkung der durch diese Menschen verbreiteten Gewalt und Hass zu verharmlosen. In diesem Tweet habe ich den Begriff verwendet, weil er kurz ist.