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Offener Vollzug in der Beschäftigungsindustrie – Nachtrag jetzt mit vollständigen Beitrag

Wie ist das doch gleich, im Knast bekommen Häftlinge für irgendwelche stereotypen Arbeiten ein geringes Entgelt oder so? Und gab es da nicht mal einen Skandal mit Addidas. Das ist alles schon so lange her.

Inzwischen braucht es keinen Knast mehr für sinnentleerte unterbezahlte Arbeit. Das erledigt Staat und seine Helfer inzwischen im offenen Vollzug, der 1-Euro-Job oder korrekter „Integrationsmaßnahme mit Mehraufwandsentschädigung“ heißt.

Wer gestern die Dokumentation „Die Armutsindustrie“ verpasst hat, sollte ein Auge auf die Mediathek der ARD haben und unbedingt schauen.

Ein Unternehmer, der diese kleinen Trampoline baut, gründet einen Weiterbildungsträger in Deutschland, um seine Produktion von China zurückzuverlegen. Und nicht nur seine Trampoline werden in seinem Unternehmen von ca. 1600 „1 Euro Jobbern“ zusammengeschraubt. Es gäbe inzwischen jede Menge Firmen, die bei ihm produzieren ließen. Dank staatlicher Transferzahlungen gelingt es ihm fast auf dem finanziellen gleichen Niveau hier in Deutschland zu prduzieren. Aber nur fast, wie er betont. Dafür kann er jetzt „Made in Germany“ auf seine Trampoline kleben, weil sich das besser verkauft als „Made in China“. Das Unternehmen nennt sich in guter Tradition „Neue Arbeit“. Da kommen ganz üble Assoziationen auf.

Und da wundert sich noch irgend jemand, dass Geringqualifizierte keine reguläre Arbeit mehr finden. Und die ARGEn und die staatlichern Stelle zur Vergabe solcher Aufträge machen alle mit. Wo ist denn da die Zusätzlichkeit und Gemeinnützigkeit? Wenn man nur mal den Buchstaben des Geetzes heranzieht, ob man das Mittel der sogenannten „Integrationsmaßnahmen mit Mehraufwandsentschädigung“ nun gut heißt oder nicht, diese Beschäftigungsverhältnisse verstoßen gegen geltendes Recht.

Genauso wie beim größten Beschäftigungsträger im Lande. Die fast schon stolz ihre vielen Standorte in Deutschland als Erstes auf ihre Homepage packen.

Skandlös ist der Umgang mit dem jungen Mann, der eine Umschulung machen möchte. Seine persönliche Eignung dafür muss er in einem 1-Euro-Job beweisen. Die Arbeitsberaterin sagt das auch ganz offen, dass er erst mal seine Leistungsbereitschaft beweisen musst. Ja, also, für mich ist das ein Skandal, gelten dem Gesetz nach doch 1-Euro-Jobs als letztes „Förderung“smittel für Menschen, die schon sehr lange keiner Beschäftigung nachgegangen sind. Sein Freund war auch in der Toy Companie ein halbes Jahr beschäftigt. Die Sinnlosigkeit dessen hat ihn in die Depression getrieben. Denn selbst hier gibt es nicht genug Beschäftigung, hier wird in 14 Tagen erledig, was an anderer zwei Tage braucht. Das nenne ich mal eine optimale Vorbereitung auf das Arbeitsleben.

Oder der Berufkraftfahrer mit 27 Jahren Berufserfahrung, der aber nicht lesen und schreiben kann. Alles bekommt er nur keinen Alphabetisierungskurs.

Es ist ein Geschäft, das Arbeitslose einem Härtetest unterzieht. Sie werden getestet, wie viel Frustration, welches Maß an Langeweile, was an Sinnlosigkeit sie ertragen können. Aus Arbeitslosen gesetzten Alters werden urplötzlich Lehrlinge. Da schickt die Agentur für Arbeit den 51 Jahre alten Berufskraftfahrer zum Praktikum, um „Erfahrung“ zu sammeln. Sein eigentliches Problem, dass er nie schreiben gelernt hat, bleibt ungelöst. Der Kraftfahrer mit 27 Jahren Berufserfahrung, er lernt Kartons zu packen. (Quelle)

Genau genommen wurde bei fast allen Beispielen dieser Sendung gegen geltendes Recht verstoßen. Aber niemand wehrt sich. Das ist die eigentlich frustrierende Botschaft dieser Dokumentation. Leider unterlässt auch die Dokumentation den Hinweis auf die gesetzliche Lage.

Die staatlich vollsubventionierten haushaltsnahen Dienstleistungen des Unternehmens Typ Company der Dekra werden auch gerne mal von Stadträtinnen in Anspruch genommen. Das mit solchen staatlich subventionierten Dienstleistungen (ich kann es grad nicht lassen, dass immer wieder zu betonen) natürlich der Markt für reguläre Arbeitskräfte zerstört wird und was in der Sendung nicht erwähnt wurde, zeigt das Beispiel der Sozialistischen Selbsthilfe Köln, die kürzlich Kurzarbeit anmelden musste, weil sie gegen die Konkurrenz durch solche Beschäftigungsträger nicht mehr ankommen. Die Armutsspirale mit freundlicher Unterstützung all jener, die doch immer behaupten Erwerbslosen helfen zu wollen, ist losgetreten. Die Workfareträume von CDU/CSU und FDP werden das ganze beschleunigen, wenn es dazu kommt.

Nachtrag
Hier ist die gesamte Dokumentation via youtube:


(Quelle)

Schon viel erlebt

Ja, das stimmt, wer hier regelmäßig mitliest, weiß, dass ich schon so einiges gesehen habe, wenn es um das Gesetzesmachwerk ALGII geht, aber das hier schlägt dem Fass dem Boden aus.

Kleine Asozialitäten aus der BundesAgentur: Krankheitsbedingter Mehrbedarf wird nur noch nach Body-Mass-Index gewährt.

Das ALG-II und die Grundsicherung (Alter/Erwerbsminderung) bietet, bei entsprechender Indikation (Krebs, Aids, Multiple Sklerose und ähnlicher Horror), die Möglichkeit einen sogenannten Mehrbedarf für Ernährung aufgrund einer verzehrenden Krankheit geltend zu machen. Als Voraussetzung für diese überaus generöse Sozialleistung (25,56 Euro monatlich) genügte bisher eine einfache ärztliche Bescheinigung. Das ist nun anders. Und wir (die Bundesbürger-Innen) haben einen Grund zum Fremdschämen mehr(…)

Das sei nämlich alles viel zu einfach, dachte sich ein (von uns!) gutbesoldetes Beamtenkind: «Die fressen sich nen’ Ranzen vorm Plasma-TV an, während ich mir in der Bundesagentur eine Aktenstaublunge ventiliere. (Gedanke entsprechend Sarrazin & Co.)» Also hat das arme Ding (Abbildung ebenfalls entsprechend) die Anlage MEB um folgenden klugen Passus ergänzt:

… Fällt der BMI unter 18,5 und/oder ist ein schneller, krankheitsbedingter Gewichtsverlust von über 5 Prozent im Vergleich zu den vorausgegangen drei Monaten zu verzeichnen, kann von einem erhöhten Ernährungsbedarf ausgegangen werden (nicht bei willkürlicher Abnahme bei Übergewicht).Dies muss ebenso, wie das Vorliegen einer solchen Krankheit, durch einen Arzt bestätigt werden.

Auswandern?

Ich werde dieses Land überdrüssig. Kann das denn alles wahr sein? Aber ist es woanders besser? Lohnt es sich ernsthaft übers Auswandern nachzudenken? Dieser Beschluss eines Berliner Gerichtes gibt mir am frühen Morgen mal wieder den Rest.

Die zunehmende Kälte in der Gesellschaft, die Reduzierung jeden Einzelnen auf seine ökonomische Verwertbarkeit. Ich meine, was soll das, dass man schon bei 3-jährigen überlegt, wie man sie aufs Berufsleben vorbereitet? Und alle die nicht gesund, schlank, rauchfrei und gut ausgebildet sind, werden aussortiert.

In absehbarer Zeit werde ich für Menschen arbeiten, deren Geschäftsinn aus einer fast schon esoterischer anmutenden Anbetung von Visionen und Unternehmertum ist, gepaart mit einer nicht unerheblichen Geldgier. Ich gebe nach und habe mir Arbeit gesucht. Allerdings ist es mir gelungen eine Arbeit zu finden, die ich gern mache und konnte den sinnentlehrten Einsatz in irgendeiner Zeitarbeitsfirma von mir abwenden. Auch wenn die Vermittlungsvorschläge, die da sporadisch aus der Agentur kamen, genau solche Unternehmen vorschlugen.

Auch wenn ich nicht bekomme, was ich will, auch was das Einkommen betrifft, kann ich doch wenigsten arbeiten, was mir Spass macht. Das ist schon viel und es ist auch mehr Geld als zu Zeiten als ich für eine Zeitarbeitsfirma arbeitete. Ich hatte genug Jobs im Leben, wo alle Faktoren nicht stimmten, weder die Rahmenbedingungen noch die Inhalte. Vielleicht ist es ja auch nicht so schlimm, ich werde es abwarten müssen.

Aber gut, ich will raus aus der ARGE. Damit hat dann das System auch bei mir erreicht, wozu es eingerichtet wurde. Bei Menschen mit meinem Hintergrund sind sie in der Behörde besonders scharf drauf Druck auszuüben. Denn es ist klar, dass ich noch als vermittelbar gelte. Und die Verantwortlichen können sich an zwei Fingern abzählen, dass dieses präfaschistische Verwaltung von Erwerbslosen früher oder später dazu führt, dass die, die noch eine Chance haben, sich auch zu miesen Konditionen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen. So gesehen ist die Hartz-Gesetzgebung ein riesiges Sieb und ich mag mir gar nicht ausdenken, was passiert, wenn die mit dem Sieben fertig sind.