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Nachdenken über den Kapitalismus

Ich war die letzten Wochen weitgehend Internet abstinent. Zumindest für meine Verhältnisse, ich hatte weder Lust auf Twitter noch auf meinen Blog oder vergleichbare „soziale“ Aktivitäten.

Neben vielem anderem habe ich auch über die Mechnismen des Kapitalismus nachgedacht und begann mich immer mehr zu wundern. Da bekommt eine Unternehmerin, die 120 Leute in Arbeit gebracht hat, die vorher keine Chance am Arbeitsmarkt mehr hatte, weder Wirtschaftsförderung noch Kredite bei Banken, weil sie keinen Gewinn machen will. Ich erinnerte mich an meinen eigenen Businessplan. Der war natürlich komplett gelogen, zumindest was die Zahlen angeht. Es wurde von mir erwartet, dass ich in einem Zeitraum von 3 Jahren ein realistisch wachsendes Einzelunternehmen projeziere. Kann ich. Ausführlich Marketingmaßnahmen schildern (ausführlicher als üblicherweise in Businessplänen erwartet) kein Problem, das ganze realistisch erscheinen lassen, auch kein Thema. Mir war vollkommen klar, dass dieser Businessplan vollkommen für die Tonne war. Das Amt für Wirtschaftsförderung wollte es so und ich brauchte deren Stempel. Ansonsten war das ganze eine Schreibübung zur Wiederausfrischung meiner BWL Kenntnisse. Aber ohne diese Zahlen, die einen erheblichen Umsatz im Jahr 3 auswiesen, hätte ich diesen Stempel nicht bekommen. Das die klassischen Inhalte der BWL bei kleinen und Kleinstunternehmen eh Quatsch sind, sollte sich vielleicht mal weiter rumsprechen.

Auf der anderen Seite stehen die Börsen und Unternehmen, die erst als rentabel gelten, wenn sie eine Umsatzrendite von 12 -25% machen. Aber wofür? In Bangladesch kämpfen die Näherinnen um mehr Lohn, das was die da mehr wollen, würde sich im Centbereich auf die Kleidung, die wir hier so kaufen auswirken. Aber, in dem Bericht, den ich dazu sah, wurde auch erwähnt, dass die Unternehmen, dann, wenn die Arbeiterinnen sich durchsetzen würden, weiterziehen, irgendwohin, wo sie weiterhin Menschen 16 Stunden am Tag mit Hunger arbeiten lassen können. Und wofür? Für mehr Gewinn? Und für was dieser Gewinn? Mal ehrlich, Gewinn ist ja nicht falsch, den brauche ich auch, aber wenn meine Kosten und Rücklagen gedeckt sind, was will ich noch mehr oder noch viel viel mehr. Es gibt Menschen, die verfügen über Einkommen (!), wenn ich davon einmalig einen Bruchteil bekäme, würde ich mich in die Eifel zurückziehen und nur noch Bienenzüchten. Ja, klar, andere Menschen habe andere Ansprüche, okay, jemand, der sich ein alten Schloss zulegt, braucht ein Haufen Geld das zu erhalten, also deutlich mehr, als ich so für mein Leben brauche. DAs ist okay für mich, wir sind nicht gleich. Aber ich sehe Konsum als eine Folge von Sinnlosigkeit. Und das wird derzeit gefördert, wir alle sollen bitte Konsument*innen sein. Die arbeiten, um zu konsumieren und mehr zu konsumieren und noch mehr, damit diese wahnsinnige Maschinerie des Wachstums am Laufen gehalten wird.

Das ist doch total verrückt. Dieser exponentielle Wachstum, der nicht bringt. Nein, das stimmt nicht so ganz, einige wenige werden immer reicher, während viele hungern und in Armut leben auf diesem Planeten. Immer wieder höre ich von Argrasforschung, die den Hunger auf der Welt besiegen werden. Das ist doch überflüssig, weil längst genug da ist. Aber nein, wir machen weiter, wir ruinieren weiter diesen Planeten, verantworten Hunger und Kriege. In unseren Breitengraden nimmt der Kapitalismus mal wieder Anlauf ins Totalitäre, woanders ist es längst schon soweit. Anders kann ich die Unterordnung aller Lebensbereiche unter marktstrategische Überlegungen nicht interpretieren. Hey, wenn du während der Schwangerschaft deiner Mutter nicht schon mit Mozart, Fremdsprachen und dergleichen berieselt wurdest und diese möglicherweise das falsche gegessen hat, dann hast du Pech, weil du eben schlechtere Chancen hast, dich von diesem Markt ausbeuten zu lassen. Die Entwicklung seit den 80ern ist nur erschreckend. Um so schlimmer, dass natürlich heute, viele junge Menschen leben, die keine andere Welt mehr kennen, als diese auf komplette Durchökonomisierung ausgerichtete Welt. Alles normal. Dass die Arbeitsweil sich für, die, die in dieser ihr Einkommen sichern müssen, immer mehr zu Bedingungen entwickelt, die mir aus der Geschichte vertraut sind, auch normal, hauptsache Gewinn und noch mehr Gewinn. Eins muss sich das klar machen, wenn von jährlichen Unternehmensgewinnen die Rede ist, geht es um einen exponentiellen Wachstum. Das funktioniert nur, weil viele andere den Preis dafür zahlen.

Aber meine Frage bleibt unbeantwortet. Für was? Was soll es bringen? Welchen Sinn hat es Kapital immer weiter anzuhäufen und immer weiter zu wachsen. Schon gar um den Preis, dass deswegen andere hungern müssen oder unter den entsetzlichsten Bedingungen ihr Dasein fristen müssen? Wachstum als reiner Selbstzweckt hat keinerlei Sinn, ist gefährlich und selbstzerstörerisch.

Es wird mir immer unklarer, ich weiß nur, dass mir diese Welt immer größeres Unbehagen bereitet. Wieso kann ein Unternehmen nicht einfach, die Gehälter seiner Mitarbeiter*innen, was so an Rücklagen nötig ist und was so dazu gehört und dann ist es gut. Wachstum? Wofür, wohin soll da was wachsen? Soweit mir bekannt ist ist alles auf diesem Planeten endlich. Das Wasser, das wir verwenden, ist seit Jahrmillionen immer das gleiche. Ja, wir könnten wachsen, menschlich. Zu einem Planeten,auf dem die Menschen nicht hungern müssten oder auf dem es keine Kriege mehr gibt oder sowas in der Art. Das klingt vielleicht naiv aber wieso eigentlich? Ist es nicht viel naiver, ja geradezu ignorant, zu glauben, es gäbe unbegrenzten Wachstum? Wenn ich diese Rede über den Wachstum (TM) so Revue passieren lasse, erscheint er mir doch mehr ein irrationaler Glaube als irgendwas pragmatisch-rationales. Ein Mensch, die_der nachdenken kann, sollte schnell erfassen, dass es kein unendliches Wachstum geben kann. Und eine Welt in der kein Menschn mehr hungern muss, das ist nicht unrealistisch, da ja genug für alle da ist, wenn es denn nur entsprechend verteilt wird.

Kürzlich habe ich in einer Doku über die Vorgängerbauten des Kölner Doms erfahren, dass sich im römisch germanischen Museum das einzige wirklich reine Wasser Deutschlands befindet. Es handelt sich um ein Fläschchen mit Wasser, das im Frühmittelalter als Parfum einem Grab begegeben wurde. Die ätherischen Öle sind seit dem verdunstet und zurück geblieben ist Wasser aus einer Zeit, in der es weder durcvh Industrie noch Medikamente belastet war. Das ist doch eine Ansage. Ja, unser Wasser hat Verseuchungen, die unter irgendwelchen Grenzwerten liegen aber von in dem Sinne „rein“, wie das Wasser in dieser Grabbeigabe sind wir weit entfernt. Wäre das nicht ein Ziel? Die Welt wieder bewohnbarer zu machen? Wieso nehmen wir für Wachstum soviel Zerstörung in Kauf? Kann mir das jemand erklären? Ich meine, wirklich erklären?

Nachtrag

Hier einige Dokus, die für mich zum Thema passen:

The corporation

Geld regiert die Welt (sehr aktuell)

Four Horsemen

Home

Die Gier

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Der freie Markt und das Geflügel

Ein freier Markt, wenn es denn einen gäbe, regelt schon alles, Umwelt, Resourcenvernichtung alles würde wunderbar laufen. So oder so ähnlich argumentieren – mal ganz grob vereinfacht – Liberale, wenn sie Freiheit mit freiem Wirtschaften verwechseln. Muss eine ja nicht mal Sassure lesen, um da ein Problem zu sehen. Wie auch immer.

Montag Abend habe ich mir den Bericht:

HühnerWahnsinn: Das eiskalte Geschäft mit Geflügel

angeschaut.

Zusammenfassend stellt sich die Situation so dar, wir hier in Europa essen gerne weißes Fleisch, das wurde von einer Marktforscherin irgendwie psychologisch begründet. (Meine Freundin fragte da, was die wohl genommen haben mag). Gut, also, weil wir so viel Geflügel essen und am allerliebsten Brust, Beine und Flügel bleibt die Industrie auf dem restlichen Huhn sitzen. Ein Teil kommt in die Tierfutterfabriken aber noch haben wir nicht genug Haustiere, um soviel Hühnerklein zu verarbeiten. Also, wohin damit? Man könnte diese Überschüsse ja vernichten aber das ist viel zu teuer, wofür gibt es denn gleich noch mal Afrika.
Erst einmal wäre dagegen ja nichts zu sagen, jemand versucht etwas zu importieren und schaut, ob er einen Markt aufmachen kann. Oder man macht sich einen Markt. So wie beim Geflügel, erst liefert man zu Dumpingpreisen tiefgefrorenes Hühnerklein in ein Land bis seine heimische Geflügelproduktion am Boden liegt und wenn man den Markt dann hat, erhöht man so drastisch die Preise, dass die Händerinnen auf den Märkten keinerlei Gewinn mehr damit machen. Die einschlägigen Geflügelverarbieter in Deutschland waren zu einer Stellungnahme nicht bereit, lediglich einer dieser Herrschaften aus Holland. Und der hatte ganz außerordentliche Einsichten in die Lebenssituation der Menschen in Ghana, Togo und Benin. Vorher (als der Geflügelbetrieb ein Familienbetrieb war) hätte nur einer damit Arbeit gehabt, jetzt würden seine fünf Söhne in der Logistik arbeiten und ihm was zustecken können. Echt herzig das Kerlchen, muss ich erwähnen, dass das natürlich so nicht aufgeht?

Afrika ist unser Abfallhaufen: unsere Milchüberschüsse, abgelegten Klamotten, Hühnerklein, Schweinereste und was wir sonst so nicht mehr gebrauchen können, werden da entsorgt. Wagt es dann eines der betroffenen Länder Einfuhrzölle zu erheben, dann wird diese Regierung mit freundlicher Unterstützung des IWF und Weltfonds „entmutigt“ (discouraged). Man würde die laufenden Kredite kündigen usw. Die entsprechenden Dokumente sollen noch im Netz stehen. Und natürlich sind solche Exporte auch noch durch die EU subventioniert.

Der Bericht hat auch sehr deutlich gemacht, dass unsere Agrarindustrie auch hier die Menschen arm macht. Denn es werden immer weniger Menschen gebraucht, um immer mehr zu produzieren. Was die Qualität und die Auswirkungen solcher industriellen Produktion angeht, lasse ich an dieser Stelle mal Außen vor.

Es war da auch immer wieder die Rede von freien globalen Handel und dergleichen aber für mich ist das übelste Ausbeutung. Eine Bekannte meinte, es wäre Raubtierkapitalismus schlimmster Art. Nun ja, das unterstellt ja, dass es zum einen einen Raubtierkapialismus besserer Art gäbe und dass es einen Kapitalismus gäbe, der sozial, ökonomische und ethische Kritierien einhält. Ich glaube das nicht mehr. Da und dort wurde ja schon häufiger erwähnt, dass ein Unternehmer ein Interesse haben muss, seine Gewinne zu steigern, wenn er mitspielen will und das hat dann zur Folge, dass dabei sehr viele Menschen auf der Strecke bleiben. Diese Trennung von Kapital und Werten ist für mich der Inbegriff von Kapitalismus.

Religionsgeschichte

Ich bezeichne mich ja als ungläubig, Religion spielt für mich nur in soweit eine Rolle, als das ich im „christlichen Abendland“ lebe und Kultur und Geschichte davon durchdrungen ist.

Ich lese grade „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ von Max Weber. Eine hoch spannende Lektüre. Nicht nur die Fragestellung zur Entstehung des modernen Berufsmenschen, der für den neuen Kapitalismus notwendig war, sondern auch die religionsgeschichtlichen Hintergründe nehmen mir fast schon den Atem. Der Calvinismus, wie ihn Max Weber beschreibt, ist eine hoffnungslose und einsame Angelegenheit. Und es wundert mich tatsächlich, dass die Menschen damals diesen für sich annahmen. In einer Welt in der die Gnade Gottes eine zentrale Rolle spielte, eine Religion anzubieten, die den Menschen der Gnade ungewiss macht, ist schon ein starkes Stück. Aber ich bin noch mitten im Lesen, irgendwo bei den religiösen Grundlagen der innerweltlichen Askese. Von daher, mehr dazu vielleicht später.

Ich habe auch viel Kritik an Max Webers Thesen gefunden, kann aber bisher nicht nachvollziehen, was da kritisiert wird. Dass es Kapitalismus vorher schon gab, betont er. Dass die verschiedenen Religionsgemeinschaften den „neuen“ Kapitalismus nicht hervorbringen wollte, schreibt er auch. Sie haben den Boden bereitet. Und schließlich die letzte erst kürzlich veröffentlichte Studie, die ich zugegebenermaßen nur in kurzer Form kenne, scheint mir am Thema Max Weber dann doch vorbei zu gehen.