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Ein wichtiges Thema

Narzissmus und Gesellschaft

via Humanistin

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Wie konnte es dazu kommen konnte

Drüben bei shifting reality gibt es eine Diskussion in den Kommentaren zu diesem Beitrag, wo auch die Frage nach einer Analyse der aktuellen Krise gestellt wird.

Man könnte auch das Blog von Monoma lesen, da geht es schon seit Jahren um diese Zusammenhänge. Jedenfalls gibt es jede Menge Ansätze, die ein gute Erklärung für den Wahnsinn der vergangenen Jahrzehnte liefert und es soll doch bitte jetzt keiner so tun, als sei das, was sich da auf den weltweiten Finanz-/Märkten tut, eine große Überraschung. Auch wenn ich die möglichen Folgen jetzt schon zum Kotzen finde.

Die Objekt-Beziehungs-Theoretiker haben einiges zusammen getragen, die selbstschädigendes Verhalten von Menschen, als eine Folge der Abwehr von Kränkungen bestimmter Bedürfnisse und Impulse in unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Charkterbildung, erklären kann. Wenn Begriffe, wie „Blase“ oder ähnliches fallen, erinnere ich mich immer wieder daran, dass die in diesem Kontext oft vom narzisstischen Zeitalter die Rede ist. Ich zitiere im folgenden aus: Stephen Johnson: Charakter-Transformationen (1990).

Dabei ist es fundamental zu verstehen, was in diesem Kontext unter dem „falschen Selbst“ verstanden wird. Das falsche Selbst (der Begriff geht auf den Objekt-Beziehungs-Theoretiker Winnicott zurück) ist vereinfacht gesagt, die Maske oder auch das Image, das wir uns zulegen, um mit den „Frustration“ unseres wirklichen Selbst fertig zu werden. Es ist eine nützliche und sinnvolle Schutzfunktion, die wir haben, um Konflikte, die zwischen den persönlichen Bedürfnissen und den Forderungen der Umwelt entstehen, zu handhaben. Jemand der wenig Unterstützung im Leben erfahren hat, wird voraussichtlich seine natürlichen und spontanen Bedürfnisse danach nicht mehr wahrnehmen und als jemand auftreten, der niemanden braucht. Damit ist auch ein effektiver Schutz geschaffen, vor weiteren Verletzungen durch mangelnde Unterstützung.

Neben dem falschen Selbst gibt es noch eine andere Realität. Hinter der Maske, die der Welt gezeigt wird, wohnt eine andere Wirklichkeit. Viele Menschen wissen darüber nichts oder nur wenig. Wenn wir hinter der Maske nichts spüren, investieren wir natürlich alles in sie. Jede Bedrohung der Maske ist dann die Bedrohung der eigenen Integrität.

Eine Störung mit einem primär narzisstischen Charakterbild zeichnet sich meist durch Aufblasen der eigenen Grandiosität aus. Es ist eine Verletzung, die in der sogenannten Wiederannährungsphase auftritt. In dieser Phase der Entwicklung probiert sich das Kind aus und entdeckt, dass es unabhängig von seiner primären Bezugperson ist. Allerdings ist dies eine von Rückschlägen gekennzeichnete Entwicklung. Wird dies nicht anerkannt, unterstützt und sorgsam begleitet, weil die Bezugsperson sich bedroht fühlt, kann es passieren, dass sich diese Bezugsperson an der Schwäche des Kindes weidet, es dafür herunter macht, vorführt oder demütigt. Es wird also zu früh und gnadenlos mit seiner Schwäche konfrontiert. In einer anderen Variante wird das Kind vor der Konfrontation mit dieser Schwäche bewahrt, in dem man alle seine Leistungen künstlich verstärkt. Vor allem in den Bereichen, die der Bezugsperson genehm sind. Das Kind soll also mehr sein als es ist. Natürlich sind beide Strategien kombinierbar (Mamis kleiner Mann und Papi demütigt ihn, weil er es nicht ist).

Die Antwort auf diese Art der Verletzung ist die Verleugnung der eigenen Schwäche und dem Bedürfnis nach Unterstützung. Der Narzisst pumpt sich auf und versucht sein Leben so zu gestalten, dass es nie wieder gedemütigt oder manipuliert werden kann. Das heißt aber auch, dass er selbst manipulativ wird. Es Unterstützung verspricht, aber letztlich versucht die Menschen zu kontrollieren und zu beherrschen, eben um Manipulation und Demütigung vorzubauen.

Der Narzißt hat die Entwicklung eines wahren Selbst-Konzeptes abgebrochen, um sich gegen Verletzungen zu schützen. Er investiert nun viel in ein falsches Selbst, besonders dort, wo es um die Selbst-Einschätzung geht. Weit mehr als andere Charaktere sieht er es ganz bewußt als Bollwerk seines Selbst-Wertes. Er isoliert sich von jeglichem Input, der seine Großartigkeit bedrohen könnte. Der Narzißt ist typischerweise unfähig zu lernen, wenn dieses Lernen ihn zwingen würde, sein Konzept des falschen Selbst zu verändern. (…)

Ein typischer Narzißt tut alles, damit man ihn mit den Guten identifiziert (i.e. Spaltung der Menschen als Gute und Böse, die guten Anderen sind „wie ich“). Die Schlechten vermeidet er. Er reagiert besonders sensibel auf die Symbole der ersten. Er will sie besitzen und zeigen. Neben dieser Objekt-Spaltung verfügt er häufig über eine feine Wahrnehmung, wer sozial, interellektuell oder körperlich über oder unter ihm steht.

Der Narzißt möchte seinem aufgeblasenen falschen Selbst gerecht werden. Er tut und arbeitet viel dafür. Wenn er sich in Zeiten der Krise und des Versagens jedoch widerwärtig und unwürdig findet, tendiert er dazu in katastrophenartige Depressionen zu stürzen. Diese Polaritäten sind für ihn typisch. Je solider seine Abwehrmechanismen allerdings sind, desto weniger wird er zum negativen tendieren. Andere Menschen dienen ihm als Lieferanten der Selbstvergrößerung und Dankbarkeit.

Weil die Entwicklung während der Union von grandiosem Selbst und idealisierten Objekt gestört wurde, kam es zu einer schweren Hemmung im Aufbau eines internalisierten Über-Ichs. Es gibt vielleicht einige innerhalb des falschen Selbst assimilierte Verhaltensregeln, aber das Defizit an Gewissen und sozialem Verantwortungsgefühl ist oft groß.(…)

Das falsche Selbst bläht sich auf und wappnet sich gegen jede Konfrontation seiner Trugbilder der eigenen Großartigkeit.“

Dieses Charakteristik die eigenen Großartigkeit aufzublasen und die eigene Schwäche zu verleugnen, ist für mich eine Charakteristikum des Wirtschaftsleben und der Märkte seit ich diese überhaupt beobachte. Größer, weiter, höher und breiter und vor allem mehr und schneller. Diese Ignoranz gegen über sozialen Folgen, Hunger auf der Welt, Zerstörung unserer Lebensgrundlage, usw. usf. dieses ganze „Es gibt keine Alternative zum derzeitigen System“ kann man, so betrachtet, als Abwehr einstufen. Die Kränkung der Großartigkeit muss um jeden Preis abgewehrt, also ignoriert werden.

Mir ist schon häufiger aufgefallen, dass die Menschen, die im besonderen narzisstische Charakterzüge ausweisen, besonders in Führungspositionen zu finden sind. Offenbar wird die narzisstische Abwehr mit Führungsqualitäten verwechselt. Der aktuelle Beitrag auf „Rebellen ohne Markt“ schildert dies sehr anschaulich. Auch das Bild der Finanzblase bildet eine Analogie zum Beschriebenen, viel heiße Luft ohne Substanz und jetzt kommt es zu „katastrophenartigen Depressionen“.

Diese narzisstischen Strukturen erklären für mich auch ganz gut, wieso diese „Marktliberalen“ es im Moment so leicht haben, plötzlich umzuschwenken und nach staatlicher Intervention zu rufen. Das ergibt unter dieser Perspektive auch einen Sinn. Denn, wenn es dem Staat gelingt, die Krise zu stabilisieren, bleibt die Schwäche des Ganzen letztlich unsichtbar und es kann so weitergehen, wie bisher. Da leider auch unsere Politiker zu narzisstischen Charakterstrukturen neigen, sehe ich auch wenig Hoffnung, dass dabei etwas konstruktives heraus kommen kann.

Mir ist wichtig hier auch darauf hinzuweisen, dass es bei all diesem tatsächlich um die Fähigkeit zur Selbstliebe geht. Denn ein Narzisst liebt sich nicht, so wie er ist. Er investiert in sein falsches Selbst, weil er eben nicht sowohl in seiner Großartigkeit als auch in seiner Schwäche angenommen wurde. Wenn dann auch noch ein ganze Gesellschaft dieses Strukturen positiv verstärkt, ist es für den Narzissten kaum möglich zu erkennen, dass er ein Problem hat. Damit wäre ich dann wieder bei der Diskussion, die ich vor einiger Zeit hier geführt habe. Ohne eine Aufwertung anderer Werte, einer Umdeutung von Begriffen, wie „Erfolg“, werden wir leider diesen Planten an die Wand fahren und genau genommen ist es weit nach 12 damit.

Und nun?

Die Abgeordneten des amerikanischen Repräsentantenhauses haben das Rettungspaket für die Finanzwirtschaft abgesagt, zumindest diesmal und nun befinden sich die Börsen im freien Fall. In England wurde eine Bank mit 60 Mrd. Euro“gerettet“ und hier in Deutschland sind grad mal zu Sicherung einer Bank 35 Milliarden Euro über die Wupper gegangen.

Was mich an all dem so unglaublich ankotzt, ist der Umstand, dass sich hier alle Bevölkerungsgruppen seit Jahren gebetsmühlenartig anhören müssen, dass kein Geld für Bildung, Kunst, Kultur, Soziales, Renten, Erwerbslose usw. vorhanden ist. Das Wort „Einsparungen“ ist inzwischen mein persönliches Unwort in diesem Zusammenhang und jetzt werden Milliarden und Abermilliarden zur Rettung eines verrotteten Finanzsystems locker gemacht.

Börsen im freien Fall, heißt miese Konjunkturerwartungen und Entwertung von Firmenwerten, wenn jetzt nicht jemand die Börsen dicht macht, können wir uns alle warm anziehen, denn es wird zu Massenentlassungen kommen, denn so wurden bisher fallende Aktienkurse aufgefangen. Soviel zu dem Thema, dass die Bankenkrise in den USA uns nicht so betrifft oder so. Und bei den meisten Unternehmen, in die ich Einblick habe, arbeiten die Leute eh schon am Limit, wo da noch jemand entlassen werden kann, kann ich mir auch nicht vorstellen.

Bei Monoma drüben findet sich ein interessantes Foto, das mit eine Erklärung liefert, warum das da gestern in den USA so schief gelaufen ist, wieso sehen wir diese Bilder eigentlich nicht in den Nachrichten?

Auf den dort verlinkten Taz-Artikel will ich an dieser Stelle auch verweisen, weil es gar nicht zu oft gesagt werden kann, was man mit 700 Milliarden Dollar so alles machen könnte:

(…)“Mit diesem Geld ließen sich für die nächsten 46 Jahre die Aidsmedikamente für die zehn Millionen Menschen finanzieren, die für ihr Überleben auf die sogenannte antiretrovirale Therapie angewiesen sind, sich diese aber wegen der zu hohen Kosten bislang nicht leisten können.

Etwa die Hälfte dieser Summe, rund 350 Milliarden Dollar, geben die USA, EU, Kanada und Japan seit Mitte der Neunzigerjahre pro Jahr aus, um ihre Farmer und Bauern hoch zu subventionieren – diese setzen ihre Überproduktion dann mit Dumpingpreisen auf den Märkten der Länder des Südens ab, wodurch sie die Existenz vieler Bauern in diesen Ländern zerstören.

350 Milliarden US-Dollar – einmalig, nicht jährlich! – wären erforderlich, um den Anteil der Hungernden in der Welt und der „extrem armen“ Menschen, die mit maximal 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen, bis zum Jahr 2015 nicht nur zu halbieren, wie es die Millenniumsziele vorsehen, sondern sogar auf null zu bringen. Und bereits ein Vierhundertfünfundsiebzigstel der 700 Milliarden US-Dollar würde ausreichen, um allen 250 Millionen Menschen, die sich jährlich mit Malaria anstecken, ein imprägniertes Moskitonetz zur Verfügung zu stellen. 880.000 Menschen, zumeist Kinder unter fünf Jahre, sterben daran.“(…)

Ja, ich weiß schon, wenn das Geld da nicht reingepumpt wird, dann wird alles noch viel schrecklicher aber mal ehrlich, diese Kapitalisten verlassen sich aber ganz schön arrogant darauf, dass der Staat und damit die Menschen, die normal arbeiten gehen, die Karre wieder aus dem Dreck ziehen.

Gestern Nacht oder heute Morgen habe ich ein Interview mit einem Investmentbanker auf der Wall Street gesehen, was er gesagt hat, habe ich schon wieder vergessen, erschreckt hat mich, dass er sich nicht als „normalen“ Menschen sieht, sondern über diese spricht. Was ist er und seine KollegInnen anderes als ein normaler Mensch? Gehören die einem Adel an. Wer so spricht, dem unterstelle ich mal, ein ausgesprochen rudimentäres Demokratieverständnis. Das ist doch eine narzisstisch aufgeblasene Bagage.

Was ist eigentlich, wenn jemand ein bisschen Geld auf der hohen Kante liegen hat, ist es sinnvoll, die abzuholen und unter die Matratze zu stopfen? Im Ernst jetzt, in meinem Bekanntenkreis herrscht Ratlosigkeit? Erklärungen, die auch vierjährige verstehen, sind im Kommentarbereich sind erwünscht.