Diskussion erwünscht

Ich habe gerade diesen Beitrag „Wie sieht unsere Zukunft aus“ bei Duckhome gelesen. Mich würde interessieren, was ihr darüber denkt. Ist das realistisch? Sind wir auf dem Weg in einen Faschismus des 21 Jahrhunderts?

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30 Antworten zu “Diskussion erwünscht

  1. Erschreckend, was da zu lesen ist! Aber ich fürchte, es wird alles noch schlimmer… Mensch sollte sich wirklich überlegen, auszuwandern. Die Frage ist nur, wohin?

  2. Cajarore, erschreckend ja, aber auch glaubwürdig?

    Auswandern bringt nichts, na ja, vielleicht doch, das müsste man halt genau prüfen.

    Interessanter ist doch, wenn das alles zutreffend ist, dass es keinen Aufstand gibt. Ist es wirklich wieder dieser schleichende Prozess, der den Menschen den Blick auf die Konsequenzen verstellt? Oder spielt das, worüber Arno Grün und andere schreiben eine zentrale Rolle. Wahrscheinlich ergibgt sich das eine aus dem anderen.

  3. Also ich hab den Artikel überflogen und kann Dir zur Antwort geben:
    Teils teils.
    Es ist fast wie mit den Prophezeiungen von Nostradamus, im Nachhinein, wird man bestimmte Wahrheiten wieder finden.
    Ich habe im Januar vor 25 Jahren angefangen zu publizieren und weiß genau, dass mein erster Artikel eine Warnung vor den Zuständen aus Orwells 1984 war. Es ist bisher alles langsamer gekommen, als damals erwartet, aber genau so subtil, nämlich indem man das Volk dazu bringt, sich die Überwachung zu wünschen.

    In einem Punkt möchte und will ich der Zukunftsprognose zustimmen: Es wird eine Weiterentwicklung von Hartz IV geben. Allerdings in einem längeren Zeitraum und zwar in Richtung „privater Absicherung“. In den Niederlanden arbeitet man schon daran, dass man sich privat gegen Arbeitslosigkeit versichern muss. Das heißt schon während der Schule einzahlen, damit man Ansprüche hat, falls nach der Schule der Ausbildungsplatz fehlt.
    Wer sich nicht privat absichert? – Pech gehabt.

    Vieles von dem was Duckhome schreibt, kann möglich werden. Auch der implantierte Chip wird uns so schmackhaft gemacht werden, dass man kein Blasrohr braucht, sondern dass wir Schlange stehen, um ihn zu bekommen.

    Ich für meinen Teil habe allerdings beschlossen, das alles nicht so hinzunehmen. Auswandern/Weglaufen ist zwecklos. Lieber gehe ich im Kampf zu Grunde. Ich werde meine Meinung verteidigen, bis zum letzten Tropfen Tinte.

    Dass der Kampf gegen das System erfolgreich sein kann, zeigen für mich die vielen Aktionen an ArGen in Deutschland. Wenn es kleine SELBSTorganisierte Vereine schaffen, ohne Geld aber mit viel Engagement nachhaltig Sand ins Getriebe zu streuen, dann habe ich noch Hoffnung.

    Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

    p.s. schön von Dir zu lesen
    CERS

  4. Tja, cers, danke für deine ausführliche Antwort aber du weißt selbst, dass die Gruppen, die sich wehren sehr klein sind. Das ist okay, besser als überhaupt niemand aber über den die mangelnde Gegenwehr bin ich doch immer wieder fassungslos.

  5. Ob das alles so stimmt, was da bei Duckhome zu lesen ist habe ich meine gelinden Zweifel.Fest steht aber, dass mit der Einführung des Asylbewerberleistungsgesetzes so um 1995 herum, das ursprünglich als Ausländerleistungsgesetz konzipiert war, ein Testballon gestartet wurde, um auszuprobieren, was die Menschen mit sich machen lassen. Um zu schauen, was an Zumutungen noch kommen mag, müssen wir uns also nur angucken, was mit Flüchtlings so geschieht: Lebensmittelgutscheine statt Bargeld (damit auch keine Möglichkeit mehr, Zigaretten, Alkohol oder Genussmittel einzukaufen), als nächste Stufe Fresspakete, Residenzpflicht. Und da gibt es auch auch sehr viel Erfahrung mit Gegenwehr: Gutscheine öffentlich eintauschen und solidarische Großeinkaufsaktionen mit Gutscheinen machen, bei denen in Anwesenheit der Presse alle Kassen blockiert werden. Normalerweise waren die Supermärkte binnen kürzester Zeit bereit, Gutscheine von Deutschen und Bargeld von Flüchtlings zu akzeptieren oder aber Gutscheine generell zu boykottieren. Dazu kamen dann Spaßguerrilla-Aktionen wie gefakte Aufkleber auf Eisverpackungen, Rasierwässern oder sonstigen Kosmetika: „Genussmuttel! Nicht an Asylbewerber und Flüchtlinge auszugeben!“ und Briefe „vom Amt“ an deutsche SozialhilfeempfängerInnen, die sie darüber informierten, dass sie künftig Fresspakete statt Geld bekämen. Die nächste Eskalationsstufe, das öffentliche Plündern eines Marktes führte bei einem extremen Fall von Schikane buchstäblich binnen eines Tages zur Abhilfe.

  6. Und noch ein Gedicht:

    Auf meinem alten, noch von medvech gehosteten Blog meldete sich zu dem Zeitpunkt, als die Hartz-Gesetze schrittweise eingeführt wurden, mal ein Unternehmer, der an einer nichtöffentlichen Sitzung von Arbeitgeberverbandsfunktionären und der INSM oder irgendeiner ähnlichen Organisation teilgenommen hatte. Er berichtete voller Entsetzen, dass da Vorschläge reflektiert wurden, die zwar noch nicht so weit gehen wie bei duckhome, aber jedenfalls weit über HartzIV hinaus. So ungefähr wörtlich sei dort gesagt worden: „Wir werden die Arbeitnehmer in Panik vor uns hertreiben, bis sie um Gnade winseln werden.“

    Hätte es damals eine Koalition Merkel/Westerwelle gegeben, wäre es wohl auch so gekommen.

  7. Zum Teil scheint mir dieses Szenario zusammengerührt aus allerlei konspirologischem Geraune, was seit Jahr und Tag im Netz rumwabert – abzüglich Antichrist, Weltregierung und Illuminaten. Ich will damit aber nicht sagen, dass es deswegen komplett unrealistisch ist, die weitergehende Erosion der verbliebenen Sozialstaatsfragmente, der Zwang zu immer mehr privater Vorsorge bei gleichzeit drohendem Verlust von immer mehr persönlichen Freiheiten, diese Gefahr ist ganz real, da mache ich mir um die allgemeine Mikrochip-Implantierung im Moment noch nicht so viele Sorgen.

    Im Übrigen halte ich es auch für unrealistisch, dass die Debit-Karten in absehbarer Zeit durch Prepaid-Karten ersetzt werden in der breiten Masse. Die Debitkarte ist ein viel effektiveres Instrument, die Leute in Schuldknechtschaft zu halten. Wenn die Leute Geld ausgeben, das sie nicht oder nur zum Teil haben, ist das für die kartenausgebenden Unternehmen bei den horrenden Zinssätzen viel lukrativer als nur die Gelder elektronisch zirkulieren zu lassen, die die Leute tatsächlich auf der Haben-Seite haben.

  8. Dass man nach der Wahl eine Autobahnmaut einführen will, die Mehrwertsteuer erhöht, bei längerem ALG2-Bezug von Geld auf Warengutscheine umgestellt wird, Hartalk in Kneipen nicht ausgeschenkt werden darf und man eine Kredit- oder EC-Karte mit Deckung besitzen muss, um in einem Hotel übernachten oder einen Flug buchen zu dürfen, diese Punkte halte ich durchaus für realistisch. Aber auch, dass es irgendwann doch knallt, weil die Leute wirklich alles auch nicht mit sich machen lassen.

  9. Ja, Che, die von Dir genannten Punkte halte ich auch für realistisch. Andere weniger. Von kein Hartalk in der Kneipe bis zur Neuauflage der Prohibition ist es ein weiter Weg, von dem ich eher nicht denke, dass man ihn konsequent bis zum Ende gehen wird. Selbst in „1984“ lässt man den Leuten den billigen Gin. Aber der Erwerb und Konsum werden sicher sehr erschwert und vor allem sozial stigmatisiert. Das könnte effektiver sein als ein Komplettverbot, was den Staat ja auch Einnahmen aus Branntweinsteuer etc. kosten würde.

  10. Wichtig erscheinen mir die oben genannten Perspektiven der Gegenwehr. Man kann etwas tun, trotz alledem.

  11. Sehe ich auch so, che, (außer wenn ich mal meine „Mutterschoß-Wohnungs-Phase habe) und ich sehe es auch so, dass das alles funktioniert, weil die Menschen schrittweise an Mangel und Grausamkeit gewöhnt werden. So war es ja auch für viele im Faschismus. Ereignisse, die uns im Nachhinein so absolut glasklar erscheinen, gingen für viele Menschen im Alltag unter. Wobei ich natürlich auch sehe, dass dazu auch ein gehöriges Maß an Nicht-Wissen-Wollen gehörte. Aber beides Alltag/Gewöhnung und Nicht-Wissen-Wollen spielen ja auch heute eine große Rolle.

    Und dann darf man nicht vergessen, dass die hier lebenden Deutschen ja auch noch die über Haltungen und Verhaltensweisen ererbten Trauma und Verdrängungen aus Nationalsozialismus und Krieg mit sich rumschleppen, wo auch nicht so intensiv hingeguckt wird.

    Ich halte das alles für eine schwierige Mischung. Ich arbeite ja teilweise mit Menschen, von denen man meinen sollte, dass sie sich besser organisieren und auf die Straße gehen sollten, das meiste was ich von ihnen mitbekomme ist Resignation und Depression.

  12. Es fehlt eine Perspektive, glaube ich. Die neoliberale und konservative Stimmungsmache, dass der derzeitige Weg alternativlos ist, trägt das ihrige dazu bei.

    Ich fürchte, dass es schon zu Aufständen kommen wird aber eher zu Gewaltexzessen als zu einer Bewegung.

  13. Und ich hoffe, dass das ein Stückerl weit auch die Sichtweise unserer Generation ist. Da, wo ich lebe, ist die Jugend-Antifa sehr stark auf dem aufstrebenden Ast. Seit den 80ern hat es nicht mehr so viele Neu-Autonome gegeben. Und die Tatsache, dass EU-weit Stabspläne zur Aufstandsbekämpfung ausgearbeitet werden, eben gerade, wird schon ihre Gründe haben. Ich erinnere mich da an Krupp, die Villa Hügel und die Blockade einer Rheinbrücke. Ist es denn so unwahrscheinlich, dass die Opelaner das Gleiche machen werden, wenn ihr Werk dichtmacht?

    Die neoliberale und konservative Stimmungsmache könnte bald ausgelacht haben. DAS KAPITAL erlebt seit Beginn der Wirtschaftskrise weltweit Abatzsprünge auf dem Buchmarkt.

  14. @che

    das nun kommt mir doch etwas vor wie pfeifen im walde – vorläufig sehe ich weit und breit nichts als sehr sehr schwache ansätze, dass aus dem monströsen ding, was da als krise tobt, etwas positives erwachsen könnte. und das trotz der tatsache, dass ich eigentlich grundsätzlich optimistisch bezgl. der potenziellen menschlichen fähigkeiten zum sozialen bin.

    wenn die ganze kacke hier wirklich crasht, was ja eigentlich absolut wünschenswert ist und mit jedem tag schritt für schritt wahrscheinlicher wird, haben wir´s mit eine hochkriminellen „elite“ und derem fußvolk zu tun, die sich aller realistischen einschätzung nach keinesfalls freiwillig von ihren pfründen verabschieden wird, sondern das ganze arsenal einsetzen wird – und vor dem finalen aufmarsch der sicherheitsapparate (der ja wahrnehmbar allerorten schon vorbereitet wird), werden gerade die gesellschaftlichen spaltungslinien aktiviert – das hat jetzt schon ausmaße, bei denen mir schlecht wird (in italien ist tatsächlich wie im labor zu betrachten, wie eine gesellschaft zu einer faschistischen formierung gebracht wird). alleine diese counteraktionen von rechts abzufangen, dürfte die realen kräfte der linken – selbst bei einer notgedrungenen „einheit“ – schon massiv überfordern.

    und dann kommen noch die bullen und das militär. nee, das einzige ist die arbeit am bewußtsein von immer mehr leuten, dass wir tatsächlich dabei sind, in eine finale phase einzutreten – nicht nur der art der bisherigen ökonomie, sondern des westlichen „way of life“ überhaupt. und das heißt in konsequenz, die eigenen wertesystem, das eigene gefühl zu dem ganzen hier radikal zu ändern.

    eine unvergleichliche situation, sehe weit und breit keine historischen vorbilder dafür. aber vielleicht schaffen wir ja mal zu abwechslung einen halbwegs bewussten evolutionären sprung, wenn eine kritische masse erreicht ist. gibt da so ein schönes zitat, quelle mir leider unbekannt:

    „es ist notwendig, also ist es möglich“ ;-)

  15. @che, ich bin nicht so sicher auf welchen Teil meines Kommentars du dich beziehst. Welche Sichtweise sollte die neue Generation haben.

    Ich sehe es auch eher wie mo, dass es nicht um den Aufstand der Söhne gegen die Väter (Revolution) gehen kann, sondern, dass es einen Bewußtseinswechsel geben müsste, ein Wechsel im Wertesystem, so dass dieses korrupte, wahnsinnige (Gruen) Pack keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt. Und da bin ich leider derzeit ziemlich pessimistisch. Denn nur die neoliberale Propaganda heranzuziehen greift zu kurz, es steckt tief in unserer Kultur und Geschichte, der ganze Umgang mit Macht, Geld und Bedeutung.

  16. Was hätte man wohl 1986 über die Zukunft der DDR gesagt?

    Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob die Krise sooo final ist. Sondern vielleicht eher mit 1929 vergleichbar, und da kam in den USA weder Revolution noch Faschismus, sondern der New Deal. Und vielleicht setzt 2010 ja auch schon wieder ein beispielloser Boom ein, ich kann mich daran erinnern, dass 1988 ein nach heutigen Maßstäben winziger und längst vergessener Börsencrash als schicksalhafter Beginn eines allgemeinen Downturns und Einleitung einer Wirtschaftskrise angesehen wurde. Ich denke nicht in tellurischen Kataklysmen.

    Btw. Und außerdem gehe ich auch nicht davon aus, dass die Linke selber soziale Proteste und Unruhen entscheidend vorantreiben wird. Wenn aber auf dem Höhepunkt der Katastrophe Hunderttausende Kleinsparer in Verzweiflung die Banken stürmen werden, um ihr Geld abzuheben, und dabei wird dann irgendwann geschossen, dann haben wir eine Situation, in der grundsätzlich die Karten neu gemischt werden. Es soll schon Generalstreiks gegeben haben, bei denen auch die Generale gestreikt haben.

  17. Und um das noch fortzusetzen: Wer hätte 1775, 1788 oder 1913 vorausahnen können, was dann passierte?

  18. Che, da bin ich nicht wirklich sattelfest und müsste mich eingehend damit beschäftigen aber was 1989 vorausging, war eine Bewegung, die in der DDR sich vor allem im Rahmen der Kirchen abspielte. Nach der einfachsten Definition war 1989 sicher eine Revolution, den es hat die Welt verändert. Und ich kenne nicht wenige aus der ehemaligen DDR, die lieber einen anderen Weg gegangen wären. Nein, nicht, die DDR zu erhalten aber auch nicht so schnell eingemeindet zu werden.

    Was 1789 vorausging, war die gnadenlose Verarmung, der Hunger der Massen und das Desinteresse der Herrschenden. Da war komplett was aus dem Gleichgewicht geraten. Gleichzeit waren der bürgerliche Stand soweit erstarkt, dass er die Führung übernehmen konnte, der Kapitalismus fand hier seinen Beginn. Die Aufklärung erreichte einflußreiche Stände und das war sicher sehr zentral für die damalige Entwicklung. Das alles kam da zusammen auch wenn es stark verkürzt ist. Aber es gibt auch die andere Seite, die ich mal an zwei Namen festmache Robespierre und Napoleon. (Wers ausführlicher will, der Wikipediaartikel ist einigermaßen ausführlich)

    Und es war eine Revolution des Bürgertums mit allen Vorzügen und Nachteilen. Ich bleibe dabei, ich will keine Revolution in diesem Sinne. Mir liegt wirklich sehr etwas an den von mir immer wieder erwähnten anderen Werte. Deswegen verabschiede ich mich auch von einer Eigendefinition als Links auch wenn meine Standpunkte sich sicher so lesen lassen. Ich habe da keinen Begriff für und es ist mir auch ziemlich egal. Diese Definitionswut (liberal, ordoliberal, links, und was es da nicht alles gibt) erstickt jeden authentischen Impuls. Mal ehrlich, willst du den Aufstand, die blutigen Konsequenzen. Ist es nicht so, dass einige Staaten (ob hier vor Ort das auch geschieht, habe ich keine Ahnung) ihre Militärmaschine auf Habacht stellen? Und was erhoffst du dir. Ich persönlich glaube es fehlt an etwas, wie es die Aufklärung für 1789 war. Bzw. möglicherweise sind wir noch nicht soweit. Leute, wie mo oder quirinus oder ich schreiben uns, jedeR auf seine die Fingerkuppen wund aber die Resonanz ist bisher eher mittelprächtig. Ich persönlich halte die Bücher von Arno Gruen für zental zum Verständnis unserer Gesellschaft und obwohl sie schon in der xten Auflage stehen, ist das was er schreibt noch nicht mal ansatzweise in das Bewußtsein breiterer Schichten vorgedrungen. Denn er erklärt ausgezeichnet, wieso sich so wenig tut hier im Land, wieso die Menschen immer mehr hinnehmen, statt aufzustehen und sich, wie netbitch drüben schreibt, zu empören.

    Ja, mag sein, dass ich resignativ rüberkomme. Pessimistisch. Aber ich fürchte, gerade wenn ich es mit dem Jahr 1788 vergleiche, dass es noch viel dicker kommen muss und das macht mir Angst.

  19. Nehmen wir doch mal ein ganz anderes Beispiel, eine Entwicklung, die der, die ich mir überhaup vorstellen kann und mit dem auch vergleichbar ist, ist das Aufkommen des Christentums. Das Christentum hat einen grundsätzlichen Wandel in den europäischen Gesellschaften eingeleitet, gerade im Bereich der Werte. Daneben spielen unsere Revolutionen fast schon eine nachgeordnete Rolle. Nicht umsonst sprechen wir heute vom christlichen Abendland. Natürlich ging das auch nicht ohne blutige Auseinandersetzungen ab. Zuviel machtpolitische Interessen… ja und da wäre ich wieder beim Thema, ist denn diese Welt wirklich nicht denkbar, ohne das?

    Es gibt einen ausgezeichneten Science Fiction, eigentlich drei Bände, die aber als einer später veröffentlicht wurde, „Die Genhändler“ von Oktavia Butler. Ein rare Dystonie, in der Außerirdische die Menschheit vor sich selbst retten (nach der Katasthrope), zu einem ungeheuerlichen Preis, da sie Gewalttätigkeit als in unseren Genen verankert betrachten. Das ist sicher ein sehr fragwürdiger Ansatz aber die zentrale Geschichte geht um Xenophobie, Kolonialismus und was Menschsein ausmacht. (http://www.akweb.de/ak_s/ak506/28.htm)

    Wie weit sind wir eigentlich damit, die Welt anders zu fühlen und zu denken?

  20. Darauf möchte ich jetzt mal sehr komplex antworten. Zunächst einmal: Nein, ich habe Arno Grün nicht gelesen, und so, wie ich im Augenblick zugetütet bin werde ich die nächsten drei Monate dazu auch nicht kommen. Neben meinen sonstigen Aktivitäten lese ich auch noch eine Doktorarbeit Korrektur, und dafür lege ich bereits Nachtschichten ein. Ich werde mir Grün vornehmen, wenn ich die Zeit dazu erübrigen kann, und Dir dann schreiben, was ich davon halte, versprochen.

    Das hält mich jetzt natürlich nicht davon ab, selber Lesetipps zu geben;-) Die Notwendigkeit eines tiefgehenden Bewusstseinwandels, eines veränderten Verhaltens, z.B. totalen Abrückens von Statussymbolen und gleichzeitig einen Zusammenbruch des bestehenden Wirtschaftssystems hatte schon Anfang der 1980er Hazel Henderson in „Das Ende der Ökonomie“ postuliert. Gut, das stand damals in einem anderen Kontext, nämlich der optimistischen Annahme, das die damalige grün-alternativ-linke Bewegung einer sanften Revolution zum Durchbruch verhelfen würde. Diese völlig illusionäre Vorstellung macht aber die inhaltlichen Kernaussagen nicht wertlos. Erich Fromms „Haben oder Sein“ geht im Grunde ja in eine sehr ähnliche Richtung, wenn auch viel weniger konkret.

    Vor ein paar Jahren habe ich Altvaters „Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“ gelesen.

    http://www.amazon.de/Das-Ende-Kapitalismus-kennen-Kapitalismuskritik/dp/3896916270

    Der Blogger Don Alphonso, mit dem ich im realen Leben befreundet bin, hat seit 2003 die aktuelle Finanzkrise vorausgesehen, ich bin seiner Argumentation im Wesentlichen gefolgt. All dies führt dazu, dass ich die Wirtschaftskrise zwar als Katastrophe erlebe, aber als eine voraussagbare, als etwas, das mir nur bestätigt, was ich ohnehin angenommen und befürchtet habe. Daraus ergibt sich auch die Art und Weise, wie ich mich in politischen Diskussionen dazu verhalte.

    Du hattest bei netbitch geschrieben „Seit Ende der 80er fühlen sich aufkeimende Bewegungen an als wären sie in einem endlosen Sumpf aus Diskussionen versunken.“

    Das stimmt, aber es stimmt nicht in dieser Totalität. Durch endlose Diskussionen sich selbst ausbremsen ist eine linke Tradition, die es schon immer gab. Besonders beliebt: Durch moralisch aufgeladene Gewaltfragendebatten linke Bündnisse auseinanderdividieren, bevor überhaupt Aktionen stattfinden. Funktioniert in beide Richtungen: Prinzipielle Gewaltfreiheit als oft mit protestantischen Ethos-Vorstellungen und beinharter Selbstrepressivität verbundene Ideologie oder moralische Aufforderung zur Gewalt, wer nicht militant ist ist noch nicht so weit etc. bis hin zum militaristischen Zur-Front-Kommen der Antiimps. Furchtbar.

    Noch schlimmer: Einen politisch korrekten Sprachduktus vorschreiben zu wollen, in dem sich artikuliert werden muss. Solche Verhaltensweisen lieferten einen Großteil der Komik in „Life of Brian“, und der ist von 1978.

    Andererseits: Das oben von mir geschilderte Beispiel, bei dem eine korrekte Nahrungsversorgung für Bürgerkriegsflüchtlinge durch die exemplarische Plünderung eines Supermarkts durchgesetzt wurde war in den tiefsten 90ern. Einigermaßen spektakuläre politische Aktionen und durchaus mitunter von Erfolg gekrönte Kampagnen der Linken kenne ich, trotz gleichzeitig fortschreitender gesellschaftlicher Rechtsentwicklung, Entpolitisierung, Stigmatisierung sozial Schwacher, Aufladung mit Distinktionsgewinnen etc. bis nach dem Kosovo-Krieg als etwas immer noch durchgängig Stattfindendes. Ich glaube auch, dass dieses Datum kein Zufall ist. Eine rotgrüne Regierung, die imperialistische Außen- und neoliberale Wirtschafts- und Sozialpoitik betreibt, das hat der Linken den entscheidenden Knacks gegeben. Und wenn ich dann sehe, wie seit etwa Frühjahr 2007 zumindest in meinem Wahrnehmungsbereich eine neue linke Generation nachwächst, was netbitch mit ihren Heiligendamm-Erfahrungen ja massiv bestätigt, dann ist das zwar ein Zeitraum von 20 Jahren, in denen diese Gesellschaft sich zu ihren Ungunsten entwickelt hat, aber hinsichtlich aus meiner Sicht sinnvoller linker Aktionen und Kampagnen gerade mal eine Lücke von 5 Jahren.

    @“Welche Sichtweise sollte die neue Generation haben.“ — Nun ja, nicht eine bestimmte. Ich bekomme halt mit, dass auf Demos wieder relativ große Schwarze Blöcke auftauchen, die es ein paar Jahre nicht gegeben hat und die hauptsächlich aus SchülerInnen, Azubis und sehr jungen Studis bestehen und die sehr offen für Diskussionen sind. Politisch vertreten die meist einen klassischen Marxismus-Leninismus, bei dem mir normalerweise schlecht wird, der bei ihnen aber nicht mit dem mir von früher vertrauten intoleranten Dogmatismus verbunden ist. Dafür sind sie dann wieder sehr sensibel für Antisemitismus.Wie gesagt, sehr junge Leute, schaun wir mal, wie die sich entwickeln.

    Btw.: In meiner früheren Firma fiel auf, dass Azubis kritischer und auch linker sind als ein paar Generationen davor. Selbst in braven kaufmännischen Berufen sind eine ganze Menge Leute eher links, deutlich antirassistisch und sehen die Chefs (nicht die Vorgesetzten, die richtigen Chefs) von Vornherein als so etwas wie Feinde an, denen man nicht trauen kann. Das war noch ein paar Azubi-Jahrgänge davor deutlich anders.

    @“Mal ehrlich, willst du den Aufstand, die blutigen Konsequenzen. Ist es nicht so, dass einige Staaten (ob hier vor Ort das auch geschieht, habe ich keine Ahnung) ihre Militärmaschine auf Habacht stellen? Und was erhoffst du dir.“ —– Ich will kein Blutbad, um Himmels willen nicht!

    Aber, wie der Nörgler drüben bei mir gesagt hatte, historische Prozesse sind höchst autonom von dem, was einzelne Menschen wollen. Die Krise habe ich auch nicht gewollt oder die Tatsache, deshalb einen trotz aller Merkwürdigkeiten liebgewonnenen Job zu verlieren, aber es ist passiert. Und ich finde, man sollte sich schon darauf vorbereiten, was man tut, wenn ein bestimmter Eventualfall eintritt. Man hätte unter Linken und Liberalen 1930 vielleicht mal ausgiebig darüber diskutieren sollen, was passiert, wenn die Nazis eine Diktatur errichten, und was für Konsequenzen zu ziehen wären. Aus heutiger Sicht wäre die Antwort Bürgerkrieg gewesen.

    Das heißt jetzt nicht, dass ich eine solche Option im Auge habe. Da muss ich, glaube ich, etwas ganz Grundsätzliches einmal klarstellen, das schon bei dem, was ich etwa zum Thema Griechenland oder Heiligendamm gepostet hatte schräg oder missverständlich rüberkam.

    Politisch gehöre ich zu einer ganz bestimmten Fraktion der Autonomen, deren politische Weltsicht sich stark auf die Zeitschriften Materialien für einen Neuen Antiimperialismus (vormals Autonomie Neue Folge), Wildcat, Wildcat Zirkular und Blätter des IFZ3W bezieht. Wir sind oder waren zwar politisch praktisch aktiv, ein Großteil unserer Arbeit war/ist aber Theoriearbeit, die zwar als theoertische Unterfütterung des politischen Handelns gedacht war, sich aber mit Gegenständen außerhalb des eigenen Alltags beschäftigt. So gingen einige von uns in den 80ern der Frage nach, ob die Brotpreisaufstände in Ländern wie Ägypten, Tunesien,Marokko, Mexiko und Philippinen mit den sogenannten Emeuten, den Maschinenstürmereien und Armutsaufständen der 1820er-40er Jahre verglichen werden könnten, möglicherweise also auch die Vorauswehen einer ein oder mehrere Jahrzehnte darauf folgenden Revolution darstellen könnten. Wie gesagt, das war eine Frage, keine Antwort.Immerhin wurden da sehr interessante historische Quellen erschlossen.

    Mit den Ereignissen in Island, Griechenland und Pakistan wird für mich diese Frage erneut aktuell.Wobei die damalige Krise, nämlich die sogenannte „Schuldenkrise der Dritten Welt“ und die aktuelle Finanzkrise so unverbunden miteinander ja nicht sind.

    Bislang habe ich es aber eher so erlebt (nicht nur in der Blogosphäre, auch im richtigen Leben), dass mein Bedürfnis (und die von mir auch angenommene politische Notwendigkeit) zu diskutieren, ob diese Einordnung der Unruhen zutreffend ist oder nicht von Anderen als eine linksradikale Selbstermächtigungsstrategie wahrgenommen wird. Bei einem tendenziell paranoiden Blogger wurden meine Einlassungen zur Rostock-Demo sogar als codierte Handlungsanweisungen an militante Gruppen gelesen;-)

    Dabei will ich eigentlich nichts weiter, als ergebnisoffen über Dinge diskutieren, die m.E. dringend diskutiert werden sollten. Als 1987 an der Startbahn West zwei Polizeibeamte erschossen wurden, da regte ein Dozent an, aktuelle Zeitungsartikel zu diesem Thema damit zu vergleichen, was die staatstragende Presse über den Weberaufstand oder Maschinenstürmereien 1820-48 geschrieben hatte. Wir kamen sehr schnell dazu, dass in beiden Fällen alles unternommen wurde, um den Rebellen jedwede politische Motivation abzusprechen und ihre Taten als Verbrechertum und hirnloses Draufhauen darzustellen. Wir verglichen auch die Tonalität damals aktueller linksmilitanter Publikationen wie radikal, Zusammen kämpfen und Revolutionärer Zorn mit der entsprechender Publikationen aus dem Paris der 48er Revolution, Blätter wie „Le Chapeau Rouge“, „L´incendeur“, „volcan“, und stellten fest, dass da die Übereinstimmungen sehr viel geringer waren. Das war keine linksradikale, noch nicht einmal eine linke Diskussion, sondern eine Diskussion von Studierenden der Geschichts- und Politikwissenschaft mit ihrem Dozenten im Rahmen eines Seminars über die Geschichte, die sich gerade vor unseren Augen abspielt. Etwas Ähnliches erstrebte ich hinsichtlich von Ereignisen wie dem riot in Griechenland auch. Ein Debatte sine ira et studio zur Einordnung des Ereignisses zunächst einmal.

    Die Tatsache, dass ich Maßnahmen zur kollektiven Gegenwehr gegen Sozialabbau für dringend nötig halte, und was für Maßnahmen da geeignet sind ist von dieser Debatte loszulösen.

    @“Wie weit sind wir eigentlich damit, die Welt anders zu fühlen und zu denken?“ —– Die Frage ist, wer „wir“ sind. Die Menschheit an sich? Frage nicht zu beantworten.

    Die Mehrheit der Mittel- und unteren Mittelschichten in Deutschland?

    Ich fürchte, gar nicht weit.

    Wir, die wir hier miteinander diskutieren?

    Wahrscheinlich von Person zu Person verschieden.

    Und wie gesagt, ich halte es auch durchaus für möglich, dass die aktuelle Krise sooo epochal auch wieder nicht ist, und 20 Jahre später als etwa mit dem Krisenzyklus von der 69er Rezession bis zur 2. Ölkrise 1979 verglichen werden wird. Man weiß es einfach noch nicht.

  21. @“dass Azubis kritischer und auch linker sind als ein paar Generationen davor“ — ich meinte nicht wirklich Generationen, sondern Jahrgänge.

  22. „Leute, wie mo oder quirinus oder ich schreiben uns, jedeR auf seine die Fingerkuppen wund aber die Resonanz ist bisher eher mittelprächtig.“

    Was gewiß auch daran liegt, daß der Mensch zwar die Zukunft gedanklich antizipieren kann, aber gerade in zeitung der Bedrohung dazu neigt, den Kopf in den Sand zu stecken. Das ist höchst unklug, aber auch verständlich. Wer heute schon zum unteren Drittel der Gesellschaft zählt, kann es sich um seiner ohnehin schon angeschlagenen psychischen Gesundheit willen im Grunde gar nicht leisten, sich ausführlich damit zu beschäftigen, was die nächste Zukunft ihm bringen wird; so wie ein Krebskranker verzweifeln würde, wäre ihm in jeder Sekunde bewußt, an welch lebensbedrohlicher Krankheit er leidet und voraussichtlich bald sterben wird. – Will sagen: daß wir Menschen uns nicht halb so weit vom Tierreich entfernt haben, wie wir glauben. Trotz unserer Fähigkeit zur Vorsorge leben wir größtenteils im Hier und Jetzt; und jemandem, der ständig Schlimmes für die Zukunft befürchtet, sagt man nicht umsonst, er solle sich nicht verrückt machen. Denn de facto macht es etwa einen sog. Hartz-IV-Empfänger wirklich krank, sich allein schon vorzustellen, was alles nach der nächsten Bundestagswahl auf ihn zukommen wird, wohingegen einer, der materiell nichts zu befürchten hat, es sich leisten kann, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, ohne in Panik zu geraten. Und anders als in den Zeiten der Französischen Revolution oder auch noch im 19. Jahrhundert gibt es seit rund 100 Jahren eben auch für die materiell ärmsten Menschen in den industrialisierten Ländern allerlei Möglichkeiten, sich zu zerstreuen. Eben deshalb auch wird man die Massen niemals derart verarmen lassen, daß sie sich kein elektronisches Spielzeug mehr leisten können. Dieses Spielzeug nämlich ist beinahe schon eine Garantie dafür, daß sie zu Hause sitzen anstatt auf die Straße zu gehen. Dementsprechend auch hat es seit dem Siegeszug des Fernsehers und des Computers zwar noch die eine oder andere Demonstration oder sogar Revolte einiger Jugendlicher, aber keine Jugendprotestbewegung mehr gegeben, ja nicht einmal eine für alle verbindliche Popkultur. Das steigende Potential an Frust wird mit tatkräftiger Hilfe von Sponsoren aus der Wirtschaft kanalisiert; Stichwort: EVENTS. Nicht auszudenken, was geschähe, nähme man den Menschen die Möglichkeit, sich im Fußballstadion, in der Disco oder mit dem Ballerspiel am Rechner abzureagieren! Plötzlich wären sie wieder auf sich selbst zurückgeworfen, und es käme über kurz oder lang tatsächlich zu einer Revolte. Das aber wird nicht passieren, solange die gesamte Unterhaltungsindustrie nicht kollabiert ist; und sollte sie einst zusammenbrechen, wird die Überwachung jedes einzelnen Bürgers so perfekt sein, daß jeder größere Aufstand im Keim erstickt oder rasch mit Waffengewalt niedergeschlagen werden kann. Auch deshalb prognostiziere ich, daß die Zahl der sog. ‚Amokläufe‘ immer weiter zunehmen wird, bis das Volk sich allmählich an diese ‚Kollateralschäden‘ gewöhnt hat, so wie anderswo die Selbstmordattentate zum Alltag gehören.

  23. Quirinus, so sehr ich Dir in groben Zügen Recht gebe und so überaus passend ich Deine Schilderung der Funktionsweise der modernen Kulturindustrie und ihres Tittytainment finde,(jetzt im Sinne von nährende Brust, nicht im Sinne von Pornoindustrie), an einigen Punkten muss ich doch entschieden widersprechen.

    @“Dementsprechend auch hat es seit dem Siegeszug des Fernsehers und des Computers zwar noch die eine oder andere Demonstration oder sogar Revolte einiger Jugendlicher, aber keine Jugendprotestbewegung mehr gegeben, ja nicht einmal eine für alle verbindliche Popkultur. —- Bitte? Die erste Popkultur, die es überhaupt gab, entstand mit dem Beat und dann Flower Power kurz nach dem Siegeszug des Fernsehens. Die Protestbewegung war gerade deswegen eine weltweite, weil der Vietnamkrieg täglich life im TV kam. Und hat es nach Flower Power noch jemals eine einheitliche Popkultur gegeben? Meine Jugend spielte sich in den 70ern ab und berührte noch die 80er, und da spielten sich Feindschaften und Lagerbildungen entlang unterschiedlicher Popkulturen ab: Punks gegen Skins, Skins gegen Ökos, Rocker gegen alle, Freaks, Banger, Ska, Popper, Teeni-Bopper, Glam&Glitter, jede Subkultur eine Szene für sich, wenn es auch leicht möglich war, spielerisch von einer zur anderen zu wechseln. Und das Internet ist, seit es ein Weltsozialforum und Proteste gegen G8-Gipfel gibt, zu einem wichtigen Medium der Mobilisierung geworden. Die Todesschüsse von Genua und das Zusammenprügeln der Tuti Bianche, aber auch der widerrechtliche Einsatz eines Bundewehrpanzers bei den Protesten gegen Heiligendamm wurden gebloggt, im letzteren Fall per Kamerahandy vom Ort des Geschehens aus. Gerade die letzten Protestbewegungen zeigten, welche Möglichkeiten eine online vernetzte Bewegung bietet.

    Und Deiner ausweglosen Perspektive möchte ich von daher ein Zitat von Ernst Bloch gegenüberstellen: „Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein? Aus vielleicht einmal wird heute noch!“

  24. Weltuntergangsstimmungen in angespannten Situationen kenne ich nebenbei aus der Vergangenheit zu gut, um ihnen zu viel Gewicht beizumessen. Ich erinnere mich noch daran, wie in der Anti-Atomraketen-und-Anti-AKW-Protestzeit es als geradezu chic und PC galt, die Untergangsängste zu verinnerlichen. Wer nicht psychosomatisch litt, der hatte wohl den Ernst der Lage nicht erkannt, so (etwas zugespitzt) dachten manche. Während ich die Vernichtungsdrohung selber immer nur für ein Herrschaftsinstrument, nicht für eine mögliche Realität hielt.

  25. @Chezweitausendeins:

    Jugendprotestbewegungen gab es schon vor der Popkultur: z.B. die Stürmer & Dränger im 18. Jahrhundert, die Burschenschaftler zur Zeit Napoleons, die Wandervögel zur Zeit des Ersten Weltkriegs, die „Halbstarken“ und die „Existenzialisten“ der 50er Jahre … und dann eben die „Gammler“, die „Provos“ und die „Hippies“.

    Was wir heute Popkultur nennen, ist letztlich nichts anderes als die Folge der Kommerzialisierung dessen, was sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den westlichen Industrieländern abzeichnete und durch die politischen Ereignisse seit Beginn der 60er Jahre und die Massenmedien selbstverständlich eine nie dagewesene Quantitat und Qualität bekam.

    Mit dem Siegeszug des Fernsehens meine ich übrigens nicht die Existenz des Fernsehers, sondern die Tatsache, daß es hierzulande (in den USA war es freilich anders) erst seit der Zeit um 1970 eine Generation gibt, die – anders als noch diejenigen, die um 1960 geboren wurden! – von Geburt an mit der Glotze aufgewachsen ist. Für diejenigen, die – wie ich! – vor ihnen geboren wurden, spielte das Radio die wesentliche Rolle. Die Fernsehbilder etwa vom Krieg in Vietnam bestätigten nur unser hauptsächlich durch die Musik geformtes Weltbild, das durch die sog. Protestsongs und den Folkrock, aber eben auch durch Songs wie „Satisfaction“ und „My Generation“ ganz entscheidend geprägt worden war. Hierüber könnte ich stundenlang erzählen; denn ich habe es selbst sehr bewußt miterlebt und besitze darüberhinaus noch eine Sammlung damaliger Popzeitschriften, Schülerzeitungen, Briefe und Tagebücher, die eindeutig belegen, daß das TV damals für uns alle ein sehr untergeordnetes Thema war. Auch in den massenhaft publizierten Erinnerungen der sog. 68er wirst du kaum etwas über das Fernsehen finden. Zum wichtigsten Medium wurde es erst, als in jedem deutschen Wohnzimmer ein Farbfernseher stand und die ausrangierten Schwarzweißglotzen in den Kinderzimmern landeten, damit die Kleinen Sesamstraße und Rappelkiste kucken konnten und die Größeren Ilja Richter & Co. Für die Linken aber wurde das Fernsehen als Medium erst so richtig bedeutsam, seitdem die RAF es zur Verbreitung ihrer Botschaften nutzte und immer öfter über Anti-AKW-Demonstrationen berichtet wurde. Dennoch besaßen die meisten linken Studenten, mit denen ich es damals zu tun hatte, keinen Fernseher. Erst mit Beginn der 80er Jahre gab es in meinem „alternativen“ Umfeld immer mehr Glotzen. Und die wurden von den mir bekannten um 1965 geborenen Leuten meist nur genutzt, um sie nebenher laufen zu lassen, wie man es aus seiner Siebzigerjahrekindheit von den Eltern her gewohnt war, und sich beim Kiffen Videos wie „Star Wars“ und Horrorfilme reinzuziehen. Genau diese Generation aber auch war die erste, die wieder als unpolitisch galt; vgl. das Buch „Generation Golf“ von Florian Illies.

    Das Zitat von Ernst Bloch stammt übrigens aus Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“.

  26. Okay, da gebe ich Dir Recht, das hatte sich beim ersten Mal für mich nur völlig anders gelesen. Von Brecht ist das Zitat? Nun, zumindest habe ich das bei Bloch gelesen, ohne dass es als Zitat kenntlich gemacht wurde. Kann mich aber auch irren, ist lange her.

    Hier kommt übrigens der erste von wahrscheinlich recht vielen Aufrufen, aktiv zu werden. I errase every voice, at least I have to try!

    http://che2001.blogger.de/stories/1364197/

  27. @Chezweitausendeins:

    Habe gerade an dich gedacht und ein Video gefunden, das TYPISCH ist für das öffentlich-rechtliche Musikprogramm im Deutschland der 60er Jahre – und zeigt, weshalb wir lieber in unseren Zimmern vorm Plattenspieler saßen, sofern wir überhaupt schon einen hatten:

    Ja, so war das damals wirklich. Da brauchte man noch nicht Amok zu laufen, um die Alten zu schocken. Da reichte es schon, solche Lieder in der Straßenbahn zu parodieren.

  28. @“Genau diese Generation aber auch war die erste, die wieder als unpolitisch galt; vgl. das Buch “Generation Golf” von Florian Illies.“ — Ich gehöre zu dieser Generation, bzw. bin geringfügig älter, und ich habe das alles völlig anders erlebt, als so, wie es dieser Generation öffentlich zugeschrieben wird. Z.B. würde ich sagen, dass wir weitaus radikaler waren als die 68er, aber im Grunde in ähnlichen Bahnen uns bewegten. Als den absoluten Höhepunkt linker Protestbewegungen in Westdeutschland würde ich die Jahre 1979-83 bezeichnen. Und diese Zeit prägt mich bis heute sehr.

  29. Die „Generation Golf“ hielt ich übrigens bisher immer für die der nach 1972 Geborenen. Und schon mit dem Buch „Generation X“ konnte ich nichts mehr anfangen, weil das ein Lebensgefühl schilderte, das definitiv für mich zu postmodern ist. Ich habe 68 zwar aus der Perspektive des Kleinkinds mitbekommen, kann mich aber in der 68er Weltsicht definitiv mehr zu Hause fühlen als in allem, was nach 89 so literarisch formuliert wurde.

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