Wie man lesbisch wird

Als Randbemerkung zu einer Diskussion an anderer Stelle habe ich mir die Mühe gemacht, einen Roman aus der Frühzeit des modernen lesbischen Romans wieder rauszukramen:

Die Protagonistin des Romans auf der Suche nach Ihrer Identität gerät auf ein Lesbenfestival, wo sie dann über die Zwangläufigkeit ihres Lesbisch-Sein aufgeklärt wird.

Es erstaunte mich, da mein familiärer Hintergrund eigentlich ganz typisch war, und ich wunderte mich, daß ich es nicht früher bei mir entdeckt hatte:

Ein dominanter Vater und eine unterdrückte Mutter. Zwei Schwestern. In der Volkschule ging ich in eine Mädchenklasse, und Mädchen waren wir fast ausschließlich auch im sprachlichen Zweig, den ich besuchte. (Schließlich war ich ja ein Mädchen. Ich dachte natürlich, daß ich ihn gewählt habe, weil ich so gut in Englisch war und Mathematik so albern fand.) Da mein Vater nun mal um einen Sohn betrogen wurde, war ich seine Hoffnung für die Erfüllung seiner Wünsche

Das war sonnenklar. Alles konnte nur auf eine Art und Weise enden: Ich wurde lesbisch.
Natürlich gibt es andere Ursachen, um lesbisch zu werden. Eine Vaterbindung mit dem zugehörigen Elektrakomplex ist auf keinen Fall die einzige Erklärung. Hast Du eine dominierende Mutter und einen blassen Schatten von Vater, wird die Frauendominanz zu Hause leicht zu eine Frauenbewunderung führen – und noch ungünstiger – zu einer Frauenidentifizierung. Sowie einer entsprechenden Verachtung für Männer, repräsentiert durch den eigenen Vater als Pantoffelhelden. Ungeheuerlich viele Lesben hatten dominierende Mütter.

Wächst Du allein mit Deiner Mutter auf, wird der Mann zu etwas Fernem, Sonderbarem. Später hast Du dann Hemmungen, Dich ihm zu nähern. Die Persönlichkeitsentwicklung stagniert in der starken Mutterfixierung und könnte später die lesbische Komponente der Charakterstruktur bilden. Beträchtlich viele Lesben hatten keinen Vater.

Wächst Du in einer Familie auf in der es nur Schwestern gibt, kann die Intimität mit diesen leicht zu gegenseitiger O*anie im gemeinsamen Schlafzimmer führen. Diese scheinbar so unschuldige Abweichung im Verhalten kann eine Störung in der natürlichen geistigen Entwicklung hervorbringen – und Du wirst lesbisch. Es stellt sich heraus, dass viele Lesben nur Schwestern haben.

Hast Du nur Brüder, kann der enge Kontakt zum männlichen Geschlecht während des Heranwachsens leicht zur Ausbildung einer Angstneurose gegen alles männliche führen – und Du wirst lesbisch. Eine Menge Lesben haben nur Brüder.

Wächst Du als Einzelkind bei deinem Vater und einer Mutter auf, wirst du leicht verwöhnt und damit untauglich für die reife Frauenrolle (die ja eine aufopfernde ist). Der Vater hat außerdem die Tendenz, so ein Mädchen wie einen Sohn zu erziehen, als Kompensation für den Sohn, den er nie bekommen hat. Viele Väter richten hier nichtsahnend irreparablen Schaden bei ihren Töchtern an. Zum Großteil sind Lesben Einzelkinder.

Wächst Du in einem Kinderheim auf, kann der Mangel an Geborgenheit durch Vater und Mutter einen Mangel an natürlicher, gefühlsmäßiger Beziehungsfähigkeit zu anderen Menschen verursachen. Und Du suchst Zuflucht in einem unreifen und unkompliziertem lesbischen Verhältnis. Ein großer Teil aller Lesben kommt aus dem Heimmilieu.

Es zeigt sich außerdem, daß Eltern deine Entwicklung zum Lesbischsein beeinflussen können, bevor Du geboren wurdest. Unzählbar die Geschichten, in denen Lesben erzählen können: Meine Eltern wünschten sich brennend einen Sohn.

Bekommen sie dann ein Mädchen, wollen sie der Wahrheit nicht ins Auge sehen und tun so, als wäre es ein Junge. Und das arme unschuldige Mädchen lebt selbstverständlich nach den Erwartungen der Eltern – und wird lesbisch. So manche Eltern bekommen einen Schock, wenn sie das dann hören.

Viele persönliche Tragödien hätten vermieden werden können, hätten die Eltern sich beizeiten besonnen und sofort akzeptiert, daß ihr Kind ein Mädchen ist
In normalen Familien dagegen hat sich gezeigt, daß die Töchter dahin tendieren, heterophil zu werden.

Abgesehen von den Fällen, in denen ein Mädchen zusammen mit einem Vater und einer Mutter, zwei Brüdern und einer Schwester aufwächst. Das ist eine gefährliche und ungeheuer komplizierte Situation. In solchen Fällen entsteht zu Hause eine Tendenz zur Geschlechterpolarisierung, so daß bei den Schwestern zu einer Verschwörung gegen über den Brüdern kommt (oder umgekehrt) und sich dadurch eine ungute Solidarität mit dem eigenen Geschlecht herausbildet, die später unmerklich in lesbische Liebe zu anderen Frauen übergehen kann. Untersucht man die Sache genauer, wird klar, daß eine Unzahl von Lesben in der Kindheit zwei Brüder und eine Schwester hatten.

Aber das ist auch eine Ausnahme. In allen anderen Fällen werden die kleinen Mädchen heterosexuelle Frauen. Das ist ja auch das Normale.

Wie gesagt, ich fühlte mich sofort besser, als ich in diesen Dingen Klarheit hatte.

(Gerd Brantenberg: Vom anderen Ufer. 1982)

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6 Antworten zu “Wie man lesbisch wird

  1. Schön. Ich wusste es schon immer. Eigentlich hättet ihr Mädchen ale lesbisch werden müssen. Ebenso wie wir Jungs alle schwul. (Dominante Mutter, dominanter Vater, viele Jungs in der Umgebung, viele Mädchen in der Umgebung, inniges Verhältnis zu Papa, fehlendes Verhältnis zu Papa…)

    Wieso sind wir eigentlich nur 5-10% ?

  2. Oh, das „ale“ in zeile 1 war natürlich um ein „l“ beraubt.

    Symptomatisch? Das neue „L-Word“? ;)

  3. Pingback: Referrer « Somlus Welt

  4. Was ist den eine ’normale‘ Familie?
    Die gibt es wohl nur im Bilderbuch.

    Deinen Punkten nach hat wohl jede Frau eine lesbische Ader, sie ist wohl verschollen unter Leuten wie dir, dir zu schnell Vorurteilen und sich ihr ganz eigenes, schwachsinniges, Bild von uns Homosexuellen machen.
    Bei Leuten wie dir hätte ich auch Angst ‚anders‘ und ‚auffällig‘ zu sein.

    Liebe ist und bleibt nunmal liebe, egal zu wem.

    In diesem Sinne:
    Lasst die Homos Homos bleiben.

  5. BliBlaBlub

    Interessante Ansichten!

    Nur meiner Meinung nach ziemlich unpassend. Ich, mit meinen 15 Jahren, kann mich jetzt nicht soo bewusst an meinen früheste Kindheit und die Einflüsse meiner Eltern etc. erinnern, aber trotzdem bin ich mir doch ziemlich sicher, dass meine Familie doch ziemlich „normal“ ist. Mama, Papa und eine Schwester halt.
    Die Theorien mit den ganzen Beispielen für Familien, in denen ein hohes „Risiko“ (wobei lesbisch-sein ja keineswegs negativ sein soll^^) besteht, dass Töchter lesbisch werden, halte ich auch für ziemlich gewagt. Laut dieser Aussagen müssten 90% der Menschheit homosexuell sein, weil diese Beispiel-Familien nun einmal in meinen Augen völlig „normal“ sind.
    Nun gut, meine Eltern sind geschieden seit ich 12 war und ich wohne nur noch mit meinem Vater zusammen, trotzdem sehe ich das auf keinen Fall als Grund an. Außerdem habe ich doch immer, wenn ich weiter zurück denke, feststellen können, dass schon immer Anzeichen für ein „Lesbisch-Sein“ vorhanden waren.. sogar schon im Kindergarten.
    Also gilt bei mir immer die Devise „Man WIRD keinesfalls lesbisch, man IST es!“.

    Und wech!

  6. Bevor noch irgendwann eine Welle losgetreten wird, bitte ich alle Leserinnen noch mal zu beachten, dass es sich bei dem grünblau eingefärbten Text um ein Zitat aus einem Klassiker des lesbischen Romans handelt. Ein Text, der unbedingt ironisch gelesen sein will und nur in dieser Lesart meine persönliche Meinung dazu widerspiegelt!

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