Gedanken 7

Es gibt da diese Politiker*innen, die die Verrohung der Gesellschaft beklagen. Ich beklage dabei das offensichtliche Fehlen jeglicher Selbstreflexion und jeglichem Erinnerungsvermögen. Die Schnittmenge derer, die für diese Verrohung verantwortlich ist ist, scheint mir doch erheblich. War es nicht Müntefering, der vor weit über 10 Jahren Erwerbslose als „Schmarotzer“  bezeichnete, was von den Medien mit großem Elan abgedruckt wurde? All diese Politiker*innen haben doch den Anfang gemacht. Auch die Verarmung viele Teile der Bevölkerung für einen radikalen auf Wirtschaftsinteressen ausgerichteten politischen Kurs tut das seine dazu.

Die Sprache von Politiker*innen und die sie flankierenden Medien wurde in den letzten 20 Jahren immer verächtlicher und herabsetzender und haben damit die Tür für die AfD  gelegt. Und was ist die allgemeine Reaktion darauf? Die Parteien rücken in Programm und Sprache noch weiter rechts. Heute wird die Linke, die im Kern ein sozialdemokratisches Programm aufweist, als Linksextremistisch beschimpft. Soweit sind wir inzwischen, das Eintreten für Menschen und die Begrenzung des Einflusses der Wirtschaft ist heutzutage linksextrem. Linksextrem nicht linksradikal oder so, das gilt als Extrem und muss vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Und die Medien plappern das unhinterfragt nach. Ekelhaft. Ich frage mich inzwischen fast täglich, warum diese Entwicklung nicht mehr Menschen Angst macht. Außerdem frage ich mich, wieso so wenig Analysen darüber stattfinden, wie groß die Parallele zu der historischen Entwicklung in der Weimarer Republik ist, stattfinden. Es ist so offensichtlich, dass es schmerzt.

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Gedanken 6

Kürzlich hatte ich ein kurzes Gespräch mit einem Menschen, der so ca. 30 Jahre jünger ist, als ich über das Alter. Ich erwähnte, dass mein Vater und seine beiden Schwestern inzwischen über 80 Jahre alt sind und geistig und soweit körperlich fit. Der junge Menschen kommentierte das mit einem Hinweis darauf, dass mein Vater und meine Tanten vermutlich immer gesund gegessen und viel Sport getrieben haben. Ich überlegte kurz und mir fiel auf, dass diese genau das nicht getan hatten. Soweit ich weiß nie, gut mein Vater bewegt sich viel und läuft auch mal quer durch die Stadt. Aber ich habe bei allen dreien noch nie mitbekommen, dass sie irgendwas tun (außer sie müssen, wegen irgendeiner echten med. Diagnose), um „gesünder“ zu leben. Das teilte ich dem jungen Menschen mit. er war verblüfft und reagierte irritiert. Es war sehr auffällig, dass er sich stark mit dieser Selbstoptimierung identfizierte und drei Menschen über 80, die einfach gelebt hatten und sich um ihre Selbstoptimierung wenig gekümmert hatte, einfach so alt und gesund sind, in seiner Vorstellungswelt nicht vorkommen können.
Mir tat er ein bisschen leid, weil ich es auch traurig finde, dass die Gesundheitsindustrie und deren neoliberale Setzungen (du musst dich „gesund“ verhalten, sonst bist du selbst schuld, wenn du krank usw. wirst) bei deutlich jüngeren Menschen als ich es bin, so selbstverständlich ist, dass eine Alternative scheinbar kaum vorstellbar ist. Ich persönlich halte das für eine miese Lebensqualität.

Gedanken 3

Wenn ich mal auf der Seite des Kölner Stadtanzeigers bin, stolpere ich in letzter Zeit immer wieder über die Schlagzeile „Bedrohte Urlaubsparadiese Diese Orte sollten Sie besuchen – bevor sie untergehen.“ (Quelle: ksta ©2018) Jedes Mal frage ich mich, ob die Redaktion (oder wer immer dafür verantwortlich ist) überhaupt noch etwas merkt. Manchmal kann ich die allgemeine Ignoranz, die sich in solchen Phänomenen ausdrückt, nicht fassen.

Heute Morgen im Deutschland Radio meldete der Moderator seine Überraschung, dass nach #metoo und „hab ich vergessen“, jetzt auch Vorwürfe gegen die UN laut werden, dass sexuelle Übergriffe/Gewalt dort auch stattfindet. Dass es scheinbar überall eine Rolle spielt. Ich musste tatsächlich lachen – bitter lachen -. Diese Verleugnung eines strukturellen Gewaltphänomens, dass #metoo höchst selten mit #aufschrei in Verbindung gebracht wird und der ignorante Umgang von hauptsächlich männlich Sozialisierten mit dem Thema macht mich tatsächlich immer wieder sprachlos. Zeigt mir aber auch, dass ich wohl in der Grundtendenz immer noch an Menschen glaube.

In den Bestsellerlisten geistert derzeit so ein Buch rum, da wird beklagt, dass wir keine „erwachsene Sprache“ mehr verwenden dürfen(TM). Ich habe es nicht gelesen aber einiges gehört. Ein reaktionäres, rassistisches, sexistisches Machwerk, wie es scheint. Natürlich darf jed*r Mensch reden, wie er* oder sie* möchte, aber dann sind diese Leute halt Arschlöcher. Und was soll das mit dem „erwachsen“. Ich hoffe, doch dass Erwachsensein u. a. bedeutet, dass ich gelernt habe, dass meine Sicht der Dinge nicht das Zentrum des Universums ist und wenn mein Sprachgebrauch für andere Menschen gewaltvoll ist, dann lasse ich es. Ist besser für die Menschen in meinem Umfeld und mir schadet es nicht. Dieser Widerstand gegen einen akzeptierenden und fairen Sprachgebrauch zeigt sehr deutlich, wie schwerwiegend die Machtstrukturen dahinter sind. Wir haben genug Möglichkeiten uns auszudrücken, schöpfen wir doch die Möglichkeiten der Sprache einfach mal aus und nehmen gegenseitig Rücksicht aufeinander, wie es sich für „erwachsene(TM)“ Menschen gehört.