Versaille oder aus der Geschichte lernen

Als Greogor Gysi von den Linken am Montag die Analogie, zwischen der Situation Deutschland nach dem ersten Weltkrieg und das was dem griechischen Volk droht und was die Konsequenzen möglicherweise seien könnten, zog, dachte ich mir schon, okay, das wird nicht unkommentiert werden. Und siehe da, umgehend stand Volker Beck am Mikro und fragte: „Ich wollte Sie nochmal fragen, was Sie uns gerade mit den Aussagen zum Versailler Frieden sagen wollten. Und ob sie das intonieren wollten im Sinne von ,Weg mit dem Versailler Schandfrieden‘, wie wir das mal früher in der Weimarer Republik gehört hatten. Ich bin wirklich ein bisschen entsetzt. Man kann doch diese Art von Parolen nicht ohne historischen Zusammenhang aufnehmen.“

Ein geschickter Kniff von Volker Beck von den Grünen, denn auch wenn Gregor Gysi mit keinem Wort eine Parole ausgegeben hat, vielmehr gegen die Parole “Sparen ist alternativlos” argumentierte und als einer der wenigen in dieser Debatte mit Zahlen aufwartete, so bleibt das Schlagwort vom “Versailler Schandfrieden” das Beck einbrachte, doch hängen.

In der Wikipedia wird der Begriff Analogie folgendermaßen definiert:

Die Analogie als rhetorischer Begriff bezeichnet ein Stilmittel, in welchem ähnliche Strukturen oder Sachverhalte in einen Zusammenhang gestellt werden. Zwischen zwei Dingen besteht eine Analogie, wenn sie sich durch ein Merkmal ähnlich sind, auch wenn sie sich in anderen Merkmalen unterscheiden können

Um nichts anderes ging es Gregor Gysi. Und das Mittel der Analogie mit historischen Ereignissen ist nicht das schlechteste, um heutige Entwicklungen interpretierbar zu machen. Denn wenn wieder etwas verleichbar grauenvolles, wie der Nationalsozialismus, in dieser Welt Fuß fassen würde, dann wird es mit Sicherheit nicht genauso also identisch daherkommen, wie die Entwicklung in der Weimarer Republik. Da helfen nur Analogien.

Und außerdem, wenn man nur ein bisschen recherchiert, dann finden sich diese Analogie in den Reden von Gregor Gysi schon seit mindestens einem Jahr, auch im Plenum des Parlamentes. Erstaunlich, dass dies nicht schon viel früher skandalisiert worden ist.

Wer sich anhören möchte was Gregor Gysi tatsächlich gesagt hat, kann das hier machen, ab Minute 9:30 geht es los. Die gesamtes Rede ist darüber hinaus auch sehenswert.

Wer es ausführlicher erklärt haben möchte, kann sich die Rede von vor einem Jahr anhören: Rede zum Europäischen RatMörz 2011

Warum fragt da eigentlich keiner nach?

Oh meine Güte, da stehen sie überall rum und halten ihr Gesicht in die Kamera und heucheln Betroffenheit, der Bosbach, der Friedrich und wie sie nicht alle heißen. Von nichts wollen sie gewußt haben und die Journalisten, interviewen? Als hätten sie keine Ahnung fragen sie nicht nach, niemals, wie das sein kann, dass bei der Menge an V-Leuten bis in die obersten REihen der Naziorganisationen und die ganze Kohle, die sie denen hinterher geworfen haben, keine Infos – nichts? Dass 10 Menschen mit der gleichen Waffe ermordet wurden? Leute mit Migrationshintergrund? Ich kann es nicht fassen. Dass diese sogenannten Volkvertreter das behaupten, okay, da erwarte ich eh nichts mehr aber dass die Journalisten nicht nachfragen, ist beschämend. Ich kann mir das nur so erklären, dass die vom Morgenmagazin, Tagesschau und Co. die Fragen vorher absprechen und sich auch noch dran halten. Es ist so peinlich, was sich in den Medien derzeit abspielt.

Nachtrag (24.11): Man muss nur mal den Werner Sonne im Morgenmagazin verfolgen, er klingt immer besonders investigativ aber wenn man dem Inhalt verfolgt, merkt man schnell, dass seine Fragen, selbst wenn sie mit “Bleiben wir mal hartnäckig” eingeleitet werden, wirklich von erschreckender Harmlosigkeit sind. Das Bild, das Werner Sonne abgibt, ein erfahrener, kritisch wirkender Journalist, der ruhig und “sachlich” seine Fragen stellt, steht im krassen Gegensatz zu der Harmlosigkeit seiner Interviews. Grade eben, interviewte er den Chef der Polizeigewerkschaft, der bitterlich beklagte, dass es in Deutschland keine “anlasslose” Vorratsdatenspeicherung gäbe, weil sie diese Daten doch jetzt bei den Ermittlungen um die Nazis und Terroristen in Zwickau brauchen könnten. Und Werner Sonne, fragt er nach, wie es sein kann, bei allem was über die Sache inzwichen bekannt ist, dass also genug “Anlässe” vorhanden waren, dass keine derartige Überwachung bei den dreien durchgeführt wurde? Nein, natürlich nicht und er weist auch nicht auf die Rechtsmittel, die im Falle von Kriminellen eingesetzt werden könne, vorhanden sind. Denn soweit ich mich erinnere, ging es dem Verfassunggericht um die “anlasslose” Speicherung von Daten der gesamten Bevölkerung, in Fällen von konkreten “Anlässen” gibt es in diesem Land ausreichend Gesetze und Regelungen eine solche Überwachung zu ermöglichen. Ich erinnere mich noch gut an Aussagen aus Kreisen der Ermittlungsbehörden vor der versuchten Einführung der Vorratsdatenspeicherung, dass sie diese für unnötig erachteten, dass es genug Gesetze gäbe aber ihnen das Personal und die Ausstattung fehle, angemessen ermitteln zu können. Kommt das irgendwas von Werner Sonne, der auch noch eine Redaktion hinter sich hat, die das alles sauber recherchieren könnte? Nein, nichts! Und auf diese Art und Weise tragen solche Medien, wie das Morgenmagazin dazu bei, der Bevölkerung beizubiegen, dass die Preisgabe von Bürgerrechten unvermeidlich, ja sogar Bürgerpflicht ist.

Albrecht Müller von den Nachdenkseiten hat meine Zweifel gut in Worte gefasst und der Spielverderber bringt da einen Aspekt in die Diskussion, den ich auch sehr wichtig finde.

Nachtrag: Und im Bundestag ist mal wieder einzige, der die Zusammenhänge benennnt Gregor Gysi. Hallo, Medienvertreter, angucken, am besten transkribieren und dann als Grundlage für eure Interviews verwenden.

Es gibt hunderte Publikationen, Filme und was nicht alles zu dem Thema aber weder die Politiker noch die Journalisten scheinen auch nur davon gestreift zu werden. Kürzlich habe ich gelesen, dass es eine Studie gibt, die sich damit beschäftigt, wie Politiker “das Volk” sehen, soweit ich mich erinnere, war das Ergebnis genauso, wie ich es erwartet habe, es ist für die so eine unbegreifliche graue Masse, die höchstens mal belehrt gehört.

Und dann diese Finanzsache, die nichts als eine Bankenrettung ist. Eben habe ich drüben bei den Nachdenkseiten gelesen, wie Unterkapitalisiert die Deutsche Bank ist und gestern Abend mal wieder in einem BWL Buch, dass ein Gewinn von jährlich 20-30% auf dem internationalen Markt erwartet wird. Da stand auch dass ein Unternehmen ohne Gewinne nicht überleben kann. Das fragte ich mich ja schon lange, warum das so sein muss, eine Erklärung dazu gabs aber wie immer nicht.

Und dann die Umweltverarschung, die grade läuft, neben vielen anderen. Da werden auf See Windkraftanlagen gebaut, von denen man weiß, dass einer der wichtigen Rohstoffe (Neodym) für diese Windanlagen nur unter schrecklichen Umweltverherrungen gewonnen werden kann und dann müssen Netze gebaut werden, damit der Strom von Norden nach Süden kann – sonst – so mal wieder in einem dieser unreflektierten Berichte in den Nachrichten gestern – geht die Ökowende der Regierung nicht auf. Ich habe, nachdem in irgendeinem Magazin vor einem halben Jahr schon von dieser Beodymsache berichtet wurde, meinen Stromanbieter angeschrieben, der mir mitteilte, dass in den Windkraftanlagen, die von ihnen gefördert werden kein Neodym eingesetzt wird, weil das für diese dezentralen Anlagen nicht gebraucht wird. Und wer wird von diesen Überseeanlagen profitieren, was wird wohl in großem Umfang subentioniert werden? Na, die Windkraftanlagen der großen Energieerzeuger Eon, Vattenfall, RWE und den anderen han grad vergessen. Es kotzt mich so an. Es ist nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima sehr viel über die Chance von dezentraler Energieerzeugung geschrieben und geredet worden. Aber für so eine Lösung liegt die Regierung zu tief im Bett mit den Großen der Branche. Wobei ich diese Regierung da für absolut austauschbar halte. Die SPD ist da nicht anders, wenn sie in der Regierung ist (ich sag nur Agenda 2010) da kann sie sich jetzt so pseudosozialdemoktatisch gebärden wie sie will. Und als ich hörte, dass eine Abgeordnete der Bundestagsfraktion der Grünen zu einem Energieversorger wechselt und ihre letzte Rede hält, da muss man ja dann nichts mehr zu sagen.

Und die Medien? Die Journalisten, die mal nachfragen könnten? Das wenige was ich dazu lese (sehen kann man glatt vergessen) kommt aus der FAZ. Leute, ich bin gebürtige Frankfurterin, die FAZ war immer der Feind gewesen… und jetzt sowas.

Ein letztes Beispiel, die gesetzliche Rente: stellt sich doch heraus, dass die Menschen hierim Land gar nicht so blöde sind, wie es die Versicherungswirtschaft hofft und zu 2/3 die gesetzliche Rentenversicherung für ein sicheres und gutes System hält. Ja, die Studie war garantiert nicht von INSM und Bertelmann bezahlt. Wie lange schmieren die eigentlich schon Politiker und Medien, um die Menschen propagandistisch auf Vereinzelung und kapitalgedecktes Gedöns einzustimmen. Blöde nur, dass dieses Perpetum Mobile von Finanzwirtschaft nicht länger durchgehalten hat. Riesterrente? Pflegebahr? Private Vorsorge? alles Augenwischerei. Als ich von diesem Pflegebahr gehört habe, hab ich die Vorstandetagen der Versicherungen beim Champanger vor Augen gehabt.

Und fragt da mal einer von diesen Medienleuten nach, so in etwa, man weiß ja jetzt, dass die Erträge der Riesterrente nicht so üppig sind, weil sie von den Gebühren und Provisionen der Versicherungen aufgefressen werden, wieso man weiter auf dieses tote Pferd setze?

Doch noch eins, heute läuft die Haushaltsdebatte in Plenum des Bundestages. Sagt da so ein CDU Typ, dass die meisten, die sich für Tierschutz einsezten, keine Ahnung von artgerechter Haltung von Tieren hätten und deswegen ….muss man denen ja auch nicht zu hören, weil a) hat der auch schon mit Allen gesprochen b) Experten sind nur gut, wenn sie von Bertelsmann gestellt werden und überhaupt soll das Volk mal seine Klappe halten, er hat da eh mehr Ahnung. Unglaublich. Und keine Journalist weit und breit, der mal nen Titel: Wählerbashing im Bundestag.

Im großen und ganzen kritisiere ich auch weniger den Print als das Fernsehen. Wenn ich kleines Licht in der Lage bin, solche Zusammenhänge zu sehen, dann ist es eine echte Schande für den Berufsstand, was sich da vor den Augen aller abspielt.

Wie die Verletzung einer Person für Persönliches instrumentalisert wird

Was sich aber aktuell in Teilen der Blogosphäre abspielt, kann ich (leider) nicht unkommentiert lassen.

Alles fing damit an, dass ein Asta aus hessisch Sibieren (Fulda) eine Antirassismuslesung mit Noah Sow abhalten wollte und dann in einer instinkt und respektlosen Art und Weise unvorbereitet die Referentin behandelte, dass diese, als sie DANN noch mit einem Relikt kolonialer europäischen Geschichte konfrontiert, das Handtuch warf und die Veranstaltung nicht abhielt. Sie veröffentlichte den Vorgang dann auf ihrem Blog und bat weiße Antirassiten um Hilfe.

Darauf hin veröffentlichte lantzschi auf ihrem Blog Medienelite einen Brief, den Sie an den Asta Fulda schickte. Das wiederrum löste wohl aus, dass Malte Welding sich berufen fühlte sich zu der Angelegenheit zu äußern. Allerdings äußerte er sich nicht über die Ereignisse in Fulda sondern gab seine persönliche Meinung zu Lantzschi kund. In den Kommentaren dort dann äußerte sich dann plötzlich Don Alphonso zu der Lampe, die in Fulda sozusagen dem Faß, den Boden ausbrach. Das wiederum führte zu einem Beitrag in seinem virtuellen Wohnzimmer. In dem er sich in “kunsthistorischer” Einordnung der Lampe erging, dabei auf den Blog von Malte Welding verlinkte bei dem es ja nicht um die Lampe ging.

Ungefähr an diesem Punkt habe ich angefangen mich zu fragen, was eigentlich abgeht. Da läuft ein Subtext mit der nichts aber auch gar nicht mit Alltagsrassismus zu tun hat, war mein Eindruck. In den Kommentarbereichen dann aber ging es überall so richtig zur Sache. Wow, dachte ich, da hat irgend jemand ins Schwarze getroffen. Und vor allem ging es nicht mehr darum, das ein Person of Color sich verletzt fühlte und dass – egal, ob man das nachvollziehen kann oder nicht – diese Gefühl anerkannt und respektiert gehört. Die Ansammlung an Abwehrreaktionen und unreflektiertem Auskübeln von Sexismus und Rassimus in den vergangenen Tagen hat mich richtig erschreckt. Und dann legte Don Alphonso nach und zog die gesamte Diskussion komplett ins lächerlich und vor allem arbeitete er sich an Lantzschi ab.

Im Verlauf des gestrigen Tages entwickelte sich die Diskussion bei Don Alphonso zu einer alt Stammtisch von schenkelklopfenden Altherren, die endlich mal im Wohnzimmer des Dons ihre Ressentiments und Frauenverachtung und was sie schon immer mal über den Antirassismus sagen wollten, auskotzen konnten. Aber bitte schön, immer hübsch bildungsbürgerlich konotiert. Das wichtigeste Werk für eueren Dreck habt iher aber unerwähnt gelassen: Vom physiologischen Schwachsinn des Weibes. Ein Bestseller, der noch bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts verlegt wurde.

In den Kommentarbereichen überall ließen viele dermaßen die Hosen runter oder Masken fallen und zeigten so deutlich die Befindlichkeit des weißen, mittelirgendwas vermutlich heterosexuellen Mannes, dass es nur so ein Freude war. Denn liebe Leute, ich als Femme (ein Gender, dass die meisten nicht kennen werden, weswegen ich mich für die meisten der Einfachhheithalber als Lesbe bezeichne) gehe seit 20 Jahren davon aus, dass diese ganze “Toleranz” echt nur eine sehr dünne Schicht über was reaktionären ist, denn wenn die Privilegien der Priviligierten tatsächlich angegriffen werden, dann wird sich zeigen, wie eure Worte und Handlungen übereinstimmen. Ich bin selbst in weiten Teilen priviligiert, das macht mich eher demütig als thriumphierend.

Das ätzende und perfide an der den Diskussionen im Netz war und ist, dass die Diskutanten immer zwischen den beiden Ebenen der Diskussion springen konnten, wenn es um lantzschi ging, springt man auf die “Lampe” und wenn es um Alltagsrassismus geht auf die Person Lantzschi. Schöne Diskursstrategie, das klappt auch in der Bundespolitik ganz gut.

Nachdem mir dann klar war, dass es nicht im geringsten um die Ereignisse in Fulda mehr ging, habe ich mir die diversen Hinweise auf Podcasts von vor zwei Jahren, Zoommer und dergleichen recherchiert. Don Alphonsos Lieblingsbashingzone die Versuche im Netz irgendwas substantielles aufzubauen, dass so mies geplant ist, dass es gleich wieder zum Untergang verurteilt ist, kenne ich. Malte Welding hat lantzisch in sein Wohnzimmer (?) eingeladen und sich sehr locker mit ihr über Sachen unterhalten, von denen – nach meinem Eindruck – beide recht wenig Ahnung haben. Aber im Netz kann ja jede und jeder machen was er will. Ich hab mich durch Beiträge von Lantzschi von vor 2-3 Jahren gescrollt und versucht, die Zusammenhänge hinter dieser Diskussion zu verstehen. Irgendwo da wird erwähnt sie dann auch, dass Donalphonso und sie sich nicht leiden können.

Mein Schluss ist, Malte Welding und einige seiner Entourage, als auch Don Alphonso haben da irgend ein persönliches Süppchen mit Lantzschi auf dem Herd (Nachtrag für die Kommentarsektion: ein Süppchen, dass sie an Lantzschi festmachen, die offenbar für etwas steht, was sie ebenso offenbar ziemlich aufregt, i.e. persönlicher Kontakt ist dafür nicht nötig) stehen haben. Was immer da abgeht, erschließt sich mir auch nicht im Detail. Was mich richtig aufregt, ist, dass Malte Welding und Don Alphonos u.a. mit diesem Verhalten die Gefühle einer anderen Frau mit Füßen treten und die wichtige Diskussion über Alltagsrassismus af die Ebene ihrer persönlichen Befindlichkeit gezerrt haben, dass das Wort Fremdschämen ganz neue Dimensionen erreicht.

Noergler und che haben recht, ist echt beschämend, was sich hier abspielt, aber bei den menschenverachtenden Menschenrechtsverletzungen in unserem Land, da rührt sich kaum einer.

Hier noch mal ganz offiziell mein Dank an @che @neorgler und vor allem John Dean und Genova, die im Kommentarbereich die richtigen Worte gefunden haben.

Soweit, so unsortiert, vermutlich werde ich an diesem Beitrag noch weiterschreiben aber für eben reicht es erst mal.

Für alle Diskutanten sei dann noch dieser Tweet an Herz gelegt: tipp: die abwehrreaktionen bei der frage, was strukturelle dominanz mit einer selbst macht, erstmal im inneren dialag durchgehen

Hier noch einige Links zum Thema:

Keine Bären auf dem Ponyhof

wahrheit und normen

Fundstücke

Da ich in letzter Zeit zu nicht viel komme und einiges aufgelaufen ist, dass ich mir noch ansehen will, hier mal eine Zusammenstellung unterschiedlicher brisanter und wichtiger Beiträge, die mir im Netz über den Weg gelaufen sind:

Beitrag zum Thema Glühbirne, Ankurbeln des Absatzes von Konsumgütern und dergleichen: Beim Spielverderber

Ich glühe vor Haß

Ein hochinteressantes Interview zum Thema Medien und Berichterstattung und wie diese sich von einer wie auch immer gearteten “objektiven” Berichterstattung entfernt haben, gefunden bei Harald Pflüger:

Auch die zweistündige Folge von Alternativlos (20) mit einem Interview mit Schirrmacher ist interessant.

Gewinne und Verluste

Ich höre seit zwei oder drei Tagen, dass so ein Energieriese 11.000 Mitarbeiter entlassen will. Schuld sagt der Energieriese sei der Atomaustieg. Mancher Journalist faselt was von Verlust des Unternehmens.

Ich krieg das nicht zusammen, in den vergangenen Jahren haben die Energiekonzerne abartig hohe Gewinne gemacht und der Strompreis ist kontinuierlich gestiegen. Jetzt fallen in Deutschland eine zu vernachlässigende Größe von Energielieferanten weg. Atomkraftwerke, von denen viele eh schon immer einige nicht am Netz waren, weil irgendwas mit denen war. Rentabel nur, weil die Dinger nicht versichert waren, weil keine Versicherung das übernehmen wollte, bzw. der Preis dafür so hoch gewesen wäre, dass die Atomenergie jenseits jeder Rentabilität teuer geworden wäre.

Also, noch mal zurück zu den Gewinnen und Verlusten und den damit einhergehenden Entlassungen. Gewinne heist doch, dass mein Betriebsergebnis am Ende des Jahres insgesamt höher ist als vorher, also im Prinzip mein Laden mehr wert ist, als vorher. Also, wenn meine Unternehmensbutze zum 1.1. eine Jahres 5 Mio. wert ist und zum nächsten ersten 5,5 Mio habe ich 500.000 Gewinn gemacht. Wenn ich aber nur 300.000 mehr habe, habe ich halt eben weniger Gewinn gemacht aber immer noch Gewinn gemacht, oder. Wenn hingegen am Ende des Jahres am Ende des Jahres da eine 4,5 Mio steht, habe ich 500.000 Verlust gemacht.

Ja, logisch kann man sagen aber in der Berichterstattung und den Pressemitteilungen von Großkonzernen kommt das nicht so rüber, vielmehr macht es den Eindruck auf mich, dass schon das als Verlust empfunden wird, was eben nicht dem exorbitanten Gewinn des Vorjahres entspricht, bzw. wenn dieser nicht gesteigert werden kann.

Also, im Klartext, wenn der Gewinn des Vorjahrs nicht signifikant überschritten wird, reden Konzerne schon von “Verlusten” und fangen an Personal rauszuschmeißen.

Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau

Zu sagen, dass ich Fußball nicht mag, wäre schlicht weg falsch. Ich finde es langweilig, es interessiert mich nicht. Vemutlich würde es mir nicht mal auffallen, wenn es ab sofort nie wieder Fußball gäbe. Aber zu den Weltmeisterschaften ist es unmöglich dem Thema aus dem Weg zu gehen und dass in diesem Jahr die Frauenfußballweltmeisterschaft mehr Beachtung bekommt als je zuvor, ist zumindest interessant.

Heute Morgen begrüßte mich das Morgenmagazin mit Bemerkungen darüber, dass bei der Mannschaft von Äquatorial Guinea unklar sei, ob nicht Männer dort mitspielten. Also nicht nur, dass Fußballerinnen ständig beweisen sollen, dass sie ganz normale “Frauen” sind und bitte keine “Mannweiber”, jetzt sind wir soweit, dass Frauen, die den normativen Frauenbild nicht entsprechen, beweisen müssen, dass sie biologische Frauen sind und keine biologischen Männer. Ein bisschen Recherche fördert zu Tage, dass dieser Vorwurf aus Verbänden anderer afrikanischer Staaten stammt, nach dem die Fußballerinnen aus Äquatorial Guinea sich für die Fußball Weltmeisterschaft qualifiziert haben. Und unsere Medien stürzen sich begeistert auf das Thema.

Es gibt ja schon seit der beginnenden Neuzeit in Europa den Diskurs über die vermeintliche körperliche Unterlegenheit der Frauen gegenüber den Männern(hier vor allem die Diskussion in den Kommentaren), die im allgemeinen (ich vereinfache mal grob) biologischen Tatsachen zugeschrieben wird. Wobei diese biologischen Tatsache diverse Parameter geflissentlich übersehen, wie z.B. Ernährung, genetische Auswahl, Bewegung usw. usf. Eine Frau hat zierlich und grazil zu sein, sie soll im öftenlichen Raum weniger Platz einnehmen, sie hat über Jahrhunderte weniger tierisches Eiweis bekommen als Männer usw, usf. Alles was man tatsächlich sagen kann, dass unter den aktuellen Gegebenheiten Frauen andere körperliche Fähigkeiten haben als Männer.

Jetzt rücken einige wenige Frauen in den Fokus der Aufmerksamkeit, die nicht nur optisch den allgemeinen normativen Klischees von “Frausein” nicht entsprechen, sondern möglicherweise genauso schnell und stark sind, wenn sie sich bewegen und sprechen, wie wir das von Männer erwarten (ist auch nicht immer das Ding von Männern) und da nicht sein kann, was nicht sein darf, müssen diese Frauen Männer sein. Ekelhaft ist das. Noch ekelhafter ist allerdings, dass diese Frauen sich dem höchst kränkenden Verfahren eines Tests unterziehen mussten, um zu beweisen, dass sie biologische Frauen sind. Wieso nicht gleich jeden Monat ein blutiges Bettlaken vor die Tür hängen?

Hier zeigt sich auch die wortwörtliche Gewalt der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit, die keinerlei Abweichung toleriert. Vor allem dann, wenn sich herausstellen sollte, dass die in Europa von ca. 300 Jahren festgenagelte Geschlechterdifferenz nichts anderes sein sollte, als eine kulturelle Normsetzung. Eine Normsetzung, die mit irgendwelchen “tatsächlichen Tatsachen” recht wenig zu tun hat, sondern unserer Wahrnehmung und bestimmten kulturellen Gegebenheiten geschuldet ist.

Und schlimmer noch, nicht nur sollen Fußballerinnen sich deutlich vom Klischee des Mannweibes abgerenzen, nein, sie sollen jetzt auch ->noch ->“sexy” ->sein, denn eine wahren Frau ist dann eine Frau, wenn sie für Männer attraktiv ist.

Ich finde es traurig, dass die Fußballerinnen, je bekannter sie werden, zunehmend unter einen Feminitätszwang geraten und diesen Diskurs auch noch selbst mittragen, indem sie alles tun, um zu beweisen, dass die Zuschreibung “Mannweib” nicht zutrifft.

Sau der Woche – der selbstständige Aufstocker

Inzwischen kann man es ja anders nicht mehr sehen, wöchentlich wird eine andere Hartz IV Sau durchs Dorf getrieben, diesmal: der selbstständige Aufstocker.

Wenn ich den Artikel in der Süddeutschen und ich habe fast den wortgleichen Artikel gestern schon woanders gelesen- die diesen Müll einfach mal so abdruckt, ohne auch nur für 5 Cent Recherche zu betreiben – richtig verstehe, geht es um folgendes:

-Die Zahl der Selbstständigen, deren Einkommen fürs Leben nicht reicht, steigt beängstigend.
-Selbstständige können ihr betrieblichen Kosten geltend machen und so ihr Einkommen künstlich runter rechnen.
-Es könnte also sein, dass hier wieder mal Hartz IV Schnorrer der ganz perfiden Art unterwegs sind.
-Man müsse selbstständige Ausstocker stärker kontrollieren.
-Man müsse die Bezugsdauer von Grundsicherung für Selbstständige beschränken.

Zur ersten Behauptung – die ich natürlich empirisch nicht überprüfen kann – die ARGEn, heute Jobcenter, haben in den letzten Jahren systematisch die Menschen in die Selbstständigkeit gedrängt. Bei den Selbstständigen ist es ja, wie bei allen anderen auch, eine Stunde die Woche gearbeitet und schon taucht man nicht mehr in der Statistik auf. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass viele mit diesem Vorhaben schlicht überfordert sind. Nach zwei drei Jahren stellt sich auch raus, ob eine Selbstständigkeit tragfähig ist (damit meine ich nicht, dass man damit schon super verdient).

Wenn ich das schon lesen:

Arbeitsvermittler in den Jobcentern beobachten dieses Phänomen mit Sorge: Offen redet keiner darüber, doch sie fürchten einen Missbrauch des Sozialstaates, weil Selbständige ihr Einkommen so herunterrechnen können, dass sie auf dem Papier Anspruch auf die Hilfe zum Lebensunterhalt haben, obwohl sie auf das Geld gar nicht angewiesen sind

Schreibt doch gleich “Kreise bestätigen”, die armen Jobcentermitarbeiter, die ja so gar nichts machen können, wenn sie es mit Selbstständigen zu tun haben. Der feuchte Traum jedes Redakteurs, der gewiefte Selbstständige, der ein Vermögen in der Buchhaltung vernichtet, um dann endlich – der Traum aller Erwerbstätigen – 365 Euro Grundsicherung zu erhalten. Endlich ist er gefunden, der perfekte Hartzs IV Betrüger. (Wenn ich mir da überlege, was so in den Konzernen läuft, wie da Subventionen abgegriffen werden und Kosten externalisiert werden, ich wünschte, ich könnte auch nur ein Bruchteil davon machen, um mein Einkommen zu erhöhen und die Frage nach Aufstockung wäre sowieso erledigt!)

Die Realität von selbstständigen HartzIV-Aufstockern sieht ein klitzekleines bisschen (Achtung Ironie!) anders aus. Zum einen nötigen die kruden gesetzgeberischen Vorgaben zu einer Art doppelten Buchführung, denn längst nicht alles was das Finanzamt als betriebliche Ausgabe anerkennt, wird auch von den Jobcentern anerkannt. Beispielsweise kann ich als Selbstständige beim Finanzamt 0,3 Cent pro Reisekilometer ansetzen, beim Jobcenter nur 0.1 Cent. Das ganze ist ein höchst kompliziertes Verfahren mit haufenweise vorläufigen Leistungsbescheiden. Schließlich muss der Selbstständige, so es einigermaßen gelaufen ist, am Ende auch noch Steuern zahlen, die er ja dann nicht mehr zum Leben hat, was bei der “Grundsicherung” ja auch berücksichtigt werden muss. Das ganze ist ein buchhalterischer Alptraum und kostet den Selbstständigen, der ja grade in den ersten Jahren eigentlich was ganz anderes zu tun hätte, jede Menge Nerven und Zeit.

Hinzu kommt, dass der Gesetzgeber schon erkannt hat, dass die Möglichkeit besteht, in einem gewissen Rahmen sein Einkommen “runterzurechnen” und hat deswegen schon vor Jahre die Regelung eingführt, dass der selbstständige Leistungsbezieher seine betrieblichen Ausgaben sozusagen mit seinem Sachbearbeiter vorher absprechen muss. (Aber nur dann, wenn der Sachbearbeiter den Selbstständigen vorher schriftlich dazu aufgefordert hat.)

Zu der Bezugsdauer, wenn man z.B. aus dem ALGII heraus gründet und Glück hat, bekommt man das sogenannte Einstiegsgeld für ganze 6 Monate, dannach muss die Prognose für die Selbstständigkeit positiv sein, um ein weiteres halbes Jahr ganze 175 Euro (in Köln) im Monat zusätzlich zu erhalten. Da es ja meist im ersten und zweiten Jahr nicht so rund läuft, gerade bei den EinzelunternehmerInnen, könnt ihr euch ungefähr vorstellen, wie das läuft. Nicht nur bei mir war es so, dass ich mir nach einem halben Jahr – es war Sommerloch und die Aufträge liefen nicht – nicht nur anhören musste, dass ich kein weiteres Einstiegsgeld bekomme, sondern dass ich meine Selbstständigkeit aufzugeben hätte, wenn ich nicht in wenigen Wochen Aufträge an Land ziehen würde, die mein Einkommen massiv erhöhen. Wie gesagt, im ersten Jahr. Dabei ist es eine bekannte Tatsache, dass der Aufbau einer Selbstständigkeit 3 -5 Jahre dauern kann. Das führt oft dazu, dass Aufträge übernommen werden, die so grottenschlecht bezahlt werden, dass man aus dem Leistungsbezug nicht raus kommt und damit werden dann auch noch die Preise massiv gedrückt. Das ist zumindest in meiner Branche so.

Dazu kommt noch, dass man, wenn man keine Leistungen bezieht aber noch nicht so viel verdient, langen die Krankenkassen mächtig zu und leisten sich dabei auch noch, den Selbstständigen zu erzählen, dass der Gesetzgeber es vorschreibe, dass sie soviel Krankenkassenbeiträge zu zahlen hätten, als stände ihnen ein Einkommen von knapp 2000 Euro zu Verfügung – Einkommen nicht Umsatz. Das dies schlicht gelogen ist und es doch noch einen anderen Satz gibt, verschweigen sie geflissentlich und reagieren erst, wenn der einzelene Selbstständige – meist zufällig – selbst dahinter kommt und den entsprechenden Antrag anfordert. Aber das ist eine Geschichte, die eines eigenen Beitrags bedarf.

Und ein letzter Hinweis für die angestellten Redakteure der sogenannten Leitmedien: Mein Einkommen aus einer selbstständigen Tätigkeit kann ich nur dann “runterrechnen”, wenn ich das Geld ausgebe und in Material, sonstige betriebliche Mittel, Fachliteratur und dergleichen stecke und dann habe ich das nicht mehr für mein Einkommen zur Verfügung. Es gibt keine Möglichkeit Geld unter die Matratze zu legen und zu behaupten, es sei nicht mehr da.

Und noch das allerletzte: Wieso darf die Bundesregierung in Bonn ein Unternehmen für die Postzustellung engagieren, dass quasi mit der Aufstockung der Löhne seiner Mitarbeiter durch das Jobcenter rechnet aber so ein Kleinstunternehmer wird mißtrauisch beäuft, weil er nicht genug verdient, dass es zum Leben reicht?

Mich ärgert die Darstellung in den Medien sehr, die den Eindruck erzeugt, Selbstständige hätten einen geheimnisvollen ja fast schon alchemistischen Weg gefunden ihren Umsatz zu verschleiern und dafür die ach so großzügige Grundsicherung einzusacken.